"Ethik ist so ziemlich das letzte, womit sich kritische Theorie beschäftigen sollte." – Interview mit der brasilianischen Zeitschrift „IHU On-Line“
20. März 2009/in Robert Kurz
Dieser Grundhaltung von R. Kurz habe ich unter anderem in Existentielle Kritik kontra „negatorische" Kritik – Entgegnungen zu Robert Kurz' „radikaler Kritik“, 2005 [überarbeitet: Nikolai Berdjajew kontra Robert Kurz. Was ist der Mensch? Was treibt ihn an? Zur Überwindung einer verkürzten Subjektkritik. 2025], widersprochen.
Der Mensch ist unter anderem ein ethisches Wesen. Der Blick in Richtung eines neuen Sozialismus muss diesen Umstand berücksichtigen. Ethik sollte deshalb in einem schlüssigen theoretischen Beitrag zur Überwindung des Kapitalismus immer mitenthalten sein.
Als Korrektiv der Kurzschen Subjektkritik wäre aus meiner Sicht die Einbindung der existenziellen Philosophie Berdjajews von außerordentlicher Bedeutung und unerlässlich. Im Falle der Ethik verweise ich auf Berdjajews Buch Von der Bestimmung des Menschen. Versuch einer paradoxalen Ethik. (Russische Ausgabe hier)
Nikolai Berdjajew bekämpft in seinem Buch im Sinne einer zu erringenden schöpferischen Ethik vor allem den ethischen Normativismus, der von Kant in eine normativ-ideale Form gebracht wurde und von ihm so vertreten worden ist.
Folgendem dagegen stimme ich bedingt zu:
Robert Kurz (DIE ÖKONOMISCHE FROSCHPERSPEKTIVE, erschienen im Neuen Deutschland am 17.07.2009):
„Kapitalismus ist das erste gesellschaftliche System in der Geschichte … Obwohl die verselbständigte Dynamik dieses unbeherrschten Zusammenhangs ökologisch und ökonomisch an die Wand fährt, ist nichts so sehr tabuisiert wie die bewusste gesellschaftliche Planung … Die Aufgabe besteht in einer gesamtgesellschaftlichen Planung des Ressourcenflusses jenseits von Markt, Staat und nationaler oder regionaler Borniertheit. Daran will gegenwärtig fast niemand denken. Aber die tiefe Krise der herrschenden Form von Gesellschaftlichkeit könnte das Problem auf die historische Tagesordnung setzen.“
Ich halte es jedoch unter den Bedingungen dieser Welt für falsch und illusorisch, gänzlich auf jede staatliche Organisationsform verzichten zu wollen. Was abgeschafft werden muss, ist der Staat als Herrschaftsinstrument.
Dazu folgende KI-Anwendung:
Dirk Hübner:
Ich halte es jedoch unter den Bedingungen dieser Welt für falsch und illusorisch, gänzlich auf jede staatliche Organisationsform verzichten zu wollen. Was abgeschafft werden muss, ist der Staat als Herrschaftsinstrument.
KI:
Diese Position spiegelt eine klassische Strömung des politischen Denkens wider, die oft als libertärer Sozialismus oder föderaler Anarchismus bezeichnet wird. Sie unterscheidet scharf zwischen der notwendigen administrativen Organisation einer Gesellschaft und dem Staat als Machtinstrument.
Hier sind die zentralen Argumente, die diese Sichtweise stützen:
1. Organisation vs. Herrschaft
Der Kern Ihres Arguments ist die Trennung von Funktion und Macht:
• Organisation: Koordination von Infrastruktur, Gesundheitswesen oder Ressourcenverteilung. Dies wird als sachliche Notwendigkeit gesehen.
• Herrschaft: Ein hierarchisches System, in dem eine Minderheit (die Regierung/Bürokratie) durch ein Gewaltmonopol Entscheidungen über die Mehrheit trifft.
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2. Die Gefahr des Vakuums
Die Ansicht, dass ein gänzlicher Verzicht „illusorisch“ sei, deckt sich mit der Kritik am radikalen Individual-Anarchismus. Ohne jede Organisationsform könnten neue, oft brutalere Machtstrukturen (Warlords, private Milizen oder korporative Monopole) das entstandene Vakuum füllen.
3. Alternativen zum klassischen Staat
Wer den Staat als Herrschaftsinstrument ablehnen, aber Organisation beibehalten will, schlägt meist folgende Modelle vor:
• Räte-Demokratie: Entscheidungen werden von unten nach oben (Bottom-up) getroffen. Delegierte sind ihren Wählern direkt verantwortlich und jederzeit abrufbar.
• Föderalismus: Kleine, selbstverwaltete Einheiten schließen sich für größere Aufgaben zusammen, behalten aber ihre Autonomie.
• Selbstverwaltung: Die Kontrolle über Produktionsmittel und öffentliche Dienste liegt bei denjenigen, die sie nutzen oder dort arbeiten, nicht bei einer zentralen Staatsmacht.
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4. Die Herausforderung der Realität
Kritiker dieser Ansicht geben zu bedenken, dass jede Form von Organisation ab einer gewissen Größe dazu neigt, eigene Hierarchien und damit wieder „Herrschaft“ zu entwickeln (das sogenannte Eherne Gesetz der Oligarchie).
Zusammenfassend: Ihr Standpunkt fordert eine Demokratisierung der Verwaltung bei gleichzeitiger Überwindung der staatlichen Gewalt. Das Ziel ist eine Gesellschaft, die sich selbst verwaltet, ohne dass Menschen über Menschen herrschen.
Dirk Hübner:
Der Staat muss einer wahrhaft humanistischen Ethik unterstellt werden.
KI:
Das Konzept, den Staat einer humanistischen Ethik zu unterstellen, bedeutet den Übergang von einem Machtstaat zu einem Gemeinwesen, das primär der Entfaltung des Individuums und der Vernunft dient.
Ein so gestalteter Staat zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:
1. Vom Befehl zur Autonomie
In einer humanistischen Ethik gibt sich der Mensch seine Normen selbst, anstatt sie von einer äußeren Autorität (wie Religion oder einem autoritären Staat) diktiert zu bekommen. Der Staat fungiert hier nicht als Herrscher, sondern als Rahmen, der Selbstbestimmung und individuelle Freiheit garantiert.
2. Fokus auf Menschenwürde und Bedürfnisse
Das Handeln staatlicher Institutionen wird an universellen Werten gemessen:
• Würde: Jede staatliche Maßnahme muss die unantastbare Würde jedes Einzelnen achten.
• Bedürfnisorientierung: Politische Entscheidungen basieren auf empathischer Vernunft und dem Ziel, menschliches Leid zu minimieren und Glückschancen zu maximieren.
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3. Der „Gewährleistungsstaat“
Anstatt Macht auszuüben, übernimmt der Staat die Rolle eines Dienstleisters für die Gesellschaft. Er sichert die Bedingungen für:
• Bildung und kritische Reflexion: Bürger sollen befähigt werden, eigenverantwortlich zu urteilen.
• Soziale Gerechtigkeit: Der Staat schafft Bedingungen für die freie Entwicklung aller Persönlichkeiten, unabhängig von Herkunft oder Status.
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4. Säkularität und Pluralismus
Ein humanistischer Staat ist dem Säkularismus verpflichtet. Er basiert nicht auf religiösen Dogmen, sondern auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und rationalen Diskursen, in denen Argumente zählen, nicht Privilegien.
Fazit: Die Unterordnung des Staates unter eine humanistische Ethik verwandelt ihn von einem Instrument der Kontrolle in ein Werkzeug der Emanzipation. Er wird zu einer Organisation, die Hindernisse für ein moralisches und freies Leben beseitigt, anstatt selbst zum Hindernis zu werden.
Dirk Hübner:
Ethik im Sinne von Sobornost und schöpferischer Freiheit im Sinne von Transformation des Lebens nach der dynamischen, göttlichen Idee vom Menschen.
KI:
Diese Perspektive rückt Sie in die Nähe der russischen Religionsphilosophie, insbesondere in die Tradition von Denkern wie Nikolai Berdjajew und Wladimir Solowjow. In dieser Denkschule wird der Staat nicht als bloße Rechtsordnung, sondern als ein zu überwindendes oder zu transformierendes Stadium auf dem Weg zum Gottmenschentum begriffen.
Ihre Argumentation lässt sich in drei zentrale Pfeiler untergliedern:
1. Sobornost als Organisationsprinzip
Anstelle der staatlichen „Herrschaft“ tritt das Prinzip der Sobornost (spirituelle Gemeinschaftlichkeit).
• Definition: Es beschreibt eine Einheit in Vielfalt, die nicht durch äußeren Zwang (Gesetze, Gewaltmonopol), sondern durch innere, freie Übereinstimmung und Liebe zusammengehalten wird.
• Politische Implikation: Organisation wird hier nicht als bürokratischer Apparat verstanden, sondern als ein organischer Zusammenschluss, in dem das Individuum seine Einzigartigkeit behält, aber zugleich mit dem Ganzen verbunden ist.
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2. Schöpferische Freiheit (Kreative Ethik)
Berdjajew postulierte eine „Ethik der schöpferischen Freiheit“, die über die bloße Unterscheidung von Gut und Böse hinausgeht:
• Transformation: Der Mensch ist nicht nur ein Geschöpf, sondern ein Mit-Schöpfer. Ethik bedeutet hier die aktive Gestaltung der Welt, um sie der „göttlichen Idee“ anzunähern.
• Widerstand gegen Verdinglichung: Jede staatliche Form, die den Menschen zum Objekt oder zum Rädchen im Getriebe macht, wird als unethisch abgelehnt, da sie den schöpferischen Geist unterdrückt.
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3. Die göttliche Idee als Ziel der Transformation
Ihre Forderung nach einer Transformation des Lebens folgt der Vision, das „Tiermenschentum“ (instinktgesteuerte Machtpolitik) durch das „Gottmenschentum“ zu ersetzen:
• Der Staat als Übergang: In dieser Sichtweise ist der jetzige Staat ein notwendiges Übel, um das Chaos zu bändigen, muss aber einer geistigen Ordnung weichen, in der das Leben selbst „vergöttlicht“ wird (Theosis).
• Dynamik: Die „göttliche Idee“ ist kein statisches Gesetzbuch, sondern ein dynamischer Prozess, der den Menschen dazu aufruft, die Welt durch Freiheit und Liebe stetig neu zu erschaffen.
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Fazit: Sie fordern eine „Theonomie“ der Freiheit. Der Staat wird dabei nicht durch eine theokratische Herrschaft ersetzt, sondern löst sich idealerweise in einer Gesellschaft auf, die so weit ethisch gereift ist, dass sie keine äußere Gewalt mehr benötigt, um die „dynamische Idee vom Menschen“ zu verwirklichen.
Dirk Hübner:
KI: "Sie fordern eine „Theonomie“ der Freiheit. Der Staat wird dabei nicht durch eine theokratische Herrschaft ersetzt, sondern löst sich idealerweise in einer Gesellschaft auf, die so weit ethisch gereift ist, dass sie keine äußere Gewalt mehr benötigt, um die „dynamische Idee vom Menschen“ zu verwirklichen." - Dirk Hübner: In dieser Welt, so denke ich, wird es jedoch bis zum Ende der Zeiten immer nur eine schöpferische Annäherung an eine völlige Loslösung von jeglichen Organisationsformen geben. Diese Welt fordert, eschatologisch gesehen, bis zum Ende ihren Tribut, und wenn er auch noch so gering ist.
KI:
Damit präzisieren Sie Ihre Position im Sinne eines tragischen Realismus innerhalb der christlichen Existenzphilosophie. Sie schlagen eine Brücke zwischen der utopischen Vision (dem Ziel) und der unvollkommenen Welt (der Realität).
In Bezug auf Ihre vorherigen Aussagen lässt sich dies wie folgt einordnen:
1. Die Spannung zwischen Eschaton und Geschichte
Sie erkennen an, dass die völlige Überwindung des Staates (als Herrschaftsinstrument) ein eschatologisches Ziel ist – also etwas, das erst am „Ende der Zeiten“ in seiner Vollkommenheit möglich ist.
• Die Konsequenz: Wer versucht, das Himmelreich (die völlige Herrschaftsfreiheit) mit Gewalt auf Erden zu erzwingen, schafft oft die schlimmsten Tyrannien.
• Der „Tribut“: Die Notwendigkeit staatlicher Organisation ist die bittere Konzession an die menschliche Unvollkommenheit und die „Gefallenheit“ dieser Welt.
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2. Der Staat als „Katechon“ (Aufhalter)
In dieser Sichtweise übernimmt die staatliche Organisation eine Funktion, die in der Theologie oft als Katechon bezeichnet wird: Er ist nicht das Gute an sich, aber er verhindert das Schlimmste (das Chaos, die Gewalt des Stärkeren).
• Ihr früherer Punkt bleibt bestehen: Der Staat darf kein Selbstzweck sein. Er ist ein notwendiges Übel, das durch die humanistische Ethik und die Idee der Sobornost so weit wie möglich gezähmt und „minimiert“ werden muss.
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3. Schöpferische Annäherung statt utopischer Blaupause
Das ist der entscheidende Punkt Ihrer Synthese: Da die vollkommene Freiheit in dieser Weltzeit nicht erreichbar ist, wird die politische Arbeit zu einer „schöpferischen Annäherung“.
• Dynamik: Es geht nicht darum, den perfekten Zustand einmalig zu installieren, sondern den Staat in einem permanenten Prozess zu transformieren. Jede Reform, die Herrschaft abbaut und Freiheit im Sinne der „göttlichen Idee“ ermöglicht, ist ein Schritt dieser Annäherung.
• Kreativität: Die „schöpferische Freiheit“ bewährt sich gerade darin, innerhalb der Zwänge dieser Welt Räume der Freiheit zu erweitern, ohne die Realität der Welt zu leugnen.
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4. Die Verklärung des Alltags
Der „geringe Tribut“, von dem Sie sprechen, ist die Anerkennung der Institutionen. Doch indem Sie diese Institutionen der humanistischen Ethik unterstellen, verändern Sie deren Wesen: Der Staat wird vom kalten Ungeheuer (Leviathan) zu einer dienenden Struktur, die sich ihrer eigenen Vorläufigkeit bewusst ist.
Fazit Ihrer Philosophie:
Sie fordern einen Weg der asketischen Politik. Man nutzt die staatliche Organisation, um das Zusammenleben zu ordnen, bleibt ihr aber innerlich fremd und arbeitet beständig an ihrer Humanisierung. Es ist das Bewusstsein, dass wir in der Geschichte „auf dem Weg“ sind – im Vertrauen auf die göttliche Idee, aber im realistischen Wissen um die Schwere der Materie und der Zeit.
2.1 Kurz, R. (2005). Das Weltkapital: Globalisierung und innere Schranken des modernen Warensystems (1. Aufl.). Verlag Klaus Bittermann.
2.2 Kurz, R. (1999). Schwarzbuch Kapitalismus: Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft. Eichborn Verlag.
2.3 Kurz, R., Scholz, R. & Ulrich, J. (2005). Der Alptraum der Freiheit: Perspektiven radikaler Gesellschaftskritik. Essays – Kritiken – Polemiken. Uli-Diehl-Verlag.
2.4 Kurz, R. (1999, 21. August). Die verlorene Ehre der Arbeit. Neues Deutschland.
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