Hier einige Gedanken in bezug auf meinen Beitrag „N. Berdjajew kontra K. Wilber“, die ich unter anderem als Antworten auf erste Reaktionen im KenWilber-de@yahoogroups.com (Diskussionsforum) eingegeben habe. In die Antworten (vom 11.6. und 26.6.) habe ich auch eine kurze Kritik zu Keiji Nishitanis Buch „Was ist Religion?“ (insel taschenbuch 2001) eingearbeitet. Zu K. Nishitani siehe auch meine Stellungnahme und "Ethik und Metaphysik".
(Meinung vom 13.03.01)
Großartige Sache Deine Rezensionen! Wie immer fair in der Kritik, ohne selbstgefällige Attitüde und vor allem verständlich. Vielleicht sollten alle erst mal diese Beiträge auf Deiner Homepage lesen, bevor sie sich auf eine Diskussion über Berdjajew einlassen. Wär’ ja sonst Zeitverschwendung! Und einige Deiner Kritiker würden verstehen, dass Du nicht “konVertiert“ bist (“bissel heilisch geworden“, wie meine Oma gesagt hätte) und Du Dich nicht als Heiland oder Guru versuchst. Die überwiegende Zahl dialektisch vorbelasteter Freunde und Bekannter hat sicher die meiste Furcht vor nicht materiellen Erscheinungen: Geist usw. Aber ich finde auch, es macht viel mehr Spaß, B. zu lesen, und ich verstehe ihn halbwegs, wenn ich mich auf „so was“ auch einlasse.
Gruss (auch) D.
(Meine Antwort auf Reaktion vom 13.5.01)
Hallo ...,
hier einige erste Erwiderungen.
Zunächst einmal schrieb Wilber in dem von mir kritisierten Buch: „In diesem Sinne ist der GEIST der Gipfelpunkt des Seins, die oberste Sprosse auf der Leiter der Evolution.“ (S. 83) Wilber nennt eines seiner wichtigsten Bücher „Halbzeit der Evolution“ und nicht „Halbzeit der Offenbarung“ oder „Halbzeit des Menschen“. Durch viele Äußerungen Wilbers an anderen Stellen, beschreibt er meines Erachtens einen GEIST, der sich folgerichtig letzten Endes zu erkennen gibt. Wilber stellt seine Geistinterpretation in eine kausale Kette, was ich nicht akzeptieren kann. Aber es tritt zugegebenermaßen bei ihm nicht alles völlig klar zutage, und eine angemessene Deutung Wilberschen Denkens ist bei mir immer ein Akt der Verzweiflung. Da fühle ich mich halt vor allem mit Berdjajew sehr viel mehr verbunden. Das ist beim letzteren Autor alles sehr persönlich und in der Tiefe für mich nachvollziehbarer.
Auch ich will keine Definition des Geistes. Der Geist ist vor allem etwas Lebendiges in mir und fühlbar, nicht eigenschaftslos. Der Geist war vor dem Erscheinen des Menschen eine auf einer niederen Stufe anwesende, unbewußte Realität. Er war noch keine Realität im existentialistischen Sinne, sondern eine Kraft, die der Welt bis zum Erscheinen des Menschen eine sinnvolle Richtung verlieh (aber nicht im kausalen oder deterministischen Sinne). Das Erscheinen des Menschen ist auch Zufall, aber durch den Zufall allein nicht möglich. Der Mensch ist auch ein göttliches Wesen und in diesem Sinne überhaupt nicht zufällig. Die Ganzheit des Geistes, seine existentielle Realität ist erst durch den Menschen gegeben bzw. möglich.
Es ist, denke ich, legitim, wenn ich das „Nichts“ in seiner Bedeutung weiter fasse. In philosophischer Hinsicht hat das „Nichts“ vor allem eine metaphysische Bedeutung und ist nicht einfach ein „Nichts“ im Sinne von nicht existent. Es ist wahr, daß in diesem Begriff viel Spekulatives enthalten ist. Aber es ist unvermeidlich, ihn für die Auseinandersetzung zur Wahrheit hin, die letztlich nach meiner tiefsten Überzeugung göttlich-menschlich, eben ganzheitlich ist, einzubeziehen. Und es kommt immer darauf an, wie sich die Begriffe in der Gesamtdarstellung einfügen, davon hängt auch ihre Bedeutung ab. Dies alles versuche ich in meiner Kritik in einen Zusammenhang zu bringen. Ob es mir gelingt, sei dahingestellt.
Weiterhin spreche ich von der jenseitigen „Sinnlosigkeit“. Damit meine ich, das der Sinn, Gott in der Tiefe des mystischen Grundes, in der vorseienden Freiheit nicht greift. Die Freiheit ist das Ursprünglichste und geht dem Geist, Gott, der ganzen Welt voraus. Aber diese Freiheit ist nicht der Gipfel, sondern der Grund, das Ich im vorseienden Stadium, welches nie bewußt sein kann. Die Freiheit muß durch die irdische, die manifeste, die diesseitige Welt, durch Gut und Böse hindurch und erhält durch Gott eine sinnvolle Richtung. Aber das alles versuche ich ebenfalls in meiner Kritik zu erörtern.
Die Notwendigkeit ist das Gesetz, die Folge der unvermeidlichen Starre der diesseitigen Welt. Die Notwendigkeit ist die Folge der Entäußerung Gottes in ein Symbol. Und die Freiheit ist von unten her in der diesseitigen Welt nicht grenzenlos, das ist eine tägliche Erfahrung im Leben eines jeden von uns. Weshalb es die Notwendigkeit des Ringens von Gut und Böse in der diesseitigen Welt gibt, das ist eine der Fragen überhaupt! Wir dürfen ihr nicht ausweichen! Und gelöst wird diese Frage nicht durch die Behauptung der „Leere“, ein Begriff, den ich überhaupt nicht mag, sondern durch die Fülle der Persönlichkeit. Und Fülle ist nicht gleich Leere. Leere als Erfahrungsgröße ist reine Spekulation, Fülle der Persönlichkeit ist dagegen für mich die erlebte Wahrheit. Und auf die Frage „nach dem Sinn des Seins“ und deren Beantwortung – „Die Frage ist beantwortet, wenn sie nicht mehr gestellt wird.“ – bin ich im 4. Teil meiner Kritik eingegangen.
An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal kurz mein Anliegen formulieren und damit … Bitte Folge leisten.
Mein Anliegen kommt eigentlich in meiner Kritik zum Ausdruck. Ich möchte unter anderem eine kontroverse Anregung vermitteln. Ich möchte, daß jeder vor allem auch in sich die göttlich-menschliche Wahrheit (nicht zu verwechseln mit Egozentrik) sucht und von dort ausgehend zu einer kritischen Auseinandersetzung fähig wird. Und in dieser Hinsicht ist Ken Wilber nicht unangreifbar, und ich meine sogar, ganz im Gegenteil.
Gruß Dirk H.
(Meine Antwort auf Reaktion vom 14.5.01)
Liebe ...,
vielen Dank für Deine ersten, anregenden Bemerkungen! Ich möchte kurz darauf eingehen.
Ich bin nicht der Meinung, daß Gott mit Gott spricht, sondern daß sich erst in der liebenden Wechselbeziehung zwischen Mensch und Gott die Wahrheit ereignet. Der Mensch ist nicht gleich Gott, er ist eben auch ein Mensch mit seiner weltlichen Begrenztheit. Der Mensch ist sowohl ein irdisches als auch ein wesentlich göttliches Wesen. Ohne diese Spannung gäbe es weder Gott in seiner Fülle noch den Menschen. Das alles kommt vertieft in meiner Auseinandersetzung, hoffe ich, zum Ausdruck.
Mit den Zitaten ist es immer so eine Sache – es besteht immer die Gefahr, daß man etwas unterschlägt. Wie verhält es sich nun mit dem von Dir im besprochenen Buch ausgewählten Zitat auf S. 84? Ich habe mich im Verlaufe meiner Auseinandersetzung zur sogenannten „integralen Philosophie“ geäußert und auch dazu kritische Anmerkungen gemacht. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß eine „integrale Philosophie“ für sich genommen keine wahrhaftige Integration durchführen kann, das kann letzten Endes immer nur der Mensch in seiner göttlich-menschlichen Tiefe, in einem ganzheitlichen Akt. In diesem Akt stellt die Philosophie ein vermittelndes und dynamisches Element dar, welches an diesem Akt ganzheitlich beteiligt ist und von diesem nicht getrennt werden kann. Und was tut Wilber? Er trennt die verschiedenen Erfahrungs- bzw. Erkenntnismodi zum Teil, da von ihm der „absolute GEIST oder die absolute Wirklichkeit“ (S. 84) in diesem Fall spekulativ als wirklicher als die Fülle der ganzheitlich erfahrbaren göttlich-menschlichen Persönlichkeit angesehen wird, die einzig nur als authentisches integratives Zentrum in Frage kommt. Das steht zwar in diesem Zusammenhang nicht auf Seite 84 und auch nicht woanders in diesem Buch, weil das Problem der ganzheitlichen göttlich-menschlichen Persönlichkeit als höchster erfahrbarer und fortlaufend zu realisierender Wert in seiner „integralen Philosophie“ nicht vorkommt und nicht tiefgehend diskutiert wird.
Und unter der göttlich-menschlichen Persönlichkeit verstehe ich das konkrete geistig-existentielle Zentrum des Menschen selber, das sehr wohl charakterisierbar ist z. B. durch die Worte Liebe, Mitleid, Leid, Wahrheit, Freiheit, Schöpferkraft, Fülle und Ekstase, Aufopferung, Hingabe, Konkretheit, Integrität, Authentizität, Einheit von Transzendenz und Immanenz. Und das sind alles nicht nur Worte, dahinter stehen echte Erfahrungen, die immer einzigartig und unwiederholbar, eben dynamisch in jedem Menschen vorhanden sind. Darüber hinaus dürfen wir die Begriffe bzw. Worte vom sogenannten „GEIST“ nicht abtrennen, und ich behaupte, ohne die schöpferische Anwendung u. a. der Sprache durch den Menschen wäre der „GEIST“ wirklich leer und eigenschaftslos (siehe meine Re. auf … erste Re. vom 13.5.) und eben nicht charakterisierbar und daraus folgend in seiner Erfahrung im Höchstmaß unkonkret. Erst in der schrittweisen Benennung des Geistes, Gottes, wird er für uns konkret faßbar. Auch hier offenbart sich eine unumgängliche schöpferische Wechselbeziehung unter Einbeziehung der Sprache hin zur höchsten Gotteserkenntnis im Menschen. Wir kommen aus der Ganzheitlichkeit einfach nicht heraus.
Und „nicht charakterisierbar“ (S. 84) ist vor allem das vorseiende Ich, die Freiheit in ihrer ursprünglichen, unermeßlichen, nicht verklärten Formlosigkeit. Dieses vorseiende Ich könnte man als zustandslose Leere bezeichnen, aber diese entspricht nicht der durch Gut und Böse dieser Welt gegangenen Freiheit im Geist an sich. Das vorseiende Ich ist nicht Gott oder Geist oder der Gipfel aller Erkenntnis. Der Geist realisiert sich in der Persönlichkeit, er ist letzten Endes die konkrete ganzheitliche Persönlichkeit. Wilber verfällt im Grunde selber einer Verwechslung (vergleiche Prä- und Transverwechslung bei ihm), indem er seinen „GEIST“ in vielerlei Hinsicht mit dem vorseienden Ich gleichsetzt („radikale Leerheit“, S. 418). Auf dieses Ich angewendet sind seine Geistcharakterisierungen, die auch er vornimmt, zumindest teilweise zutreffender („eigenschaftslos“ und „nicht charakterisierbar“).
Wilbers Philosophie erklärt den transpersonalen GEIST als „das höchste Ziel aller Entwicklung und Evolution“ (S. 83) und nicht den ganzheitlichen bzw. den transzendentalen Menschen, der nach N. Berdjajew kein evolutionistisches Ziel darstellt. Und wenn wir am Ziel angekommen sind, was dann? Ist dann alles in Ordnung? Solange wir leben, hört in diesem Zeitraum unser innerer Kampf um Gott und Gottes Kampf um uns irgendwann auf? Ich sage ja, wenn damit das vorseiende Ich gemeint ist, in dem es keinen Kampf gibt. Doch wenn der wahre Geist gemeint ist, sage ich nein! Im wahrhaftigen Geist wird nichts ungeschehen gemacht (siehe Wilber S. 424) – höchstens im ursprünglichen Ich. Und im Ereignis der höchsten Wahrheit sind wir nicht einfach eigenschaftslos, ganz im Gegenteil: Alle Eigenschaften, Antinomien, Gegensätze sind zur höchsten Spannung vereint, was wir als Fülle und in der Ekstase erfahren, ganz deutlich! Und die Aufrechterhaltung dieser Spannung erfordert all unsere freiheitlich liebende, eine wahrhaft heroische Anstrengung, nach der wir uns aus unserer Tiefe heraus immer sehnen werden. Das ist das göttlich-menschliche Prinzip der Liebe.
Die Dynamik von Wilbers Ansatz, von der Du sprichst, wird schon mit den Worten „Soheit“, „Seinsheit“ und „Essenz“ außer Kraft gesetzt. Ich sehe den Geist nicht als Essenz, was ein statischer Begriff ist, wie die anderen beiden Begriffe auch. Näheres in meiner Kritik.
Du schreibst: „Es ist langweilig, mit sich allein Nachtmahl zu essen...“. Ist denn der Geist nur deshalb da, damit ich keine Langeweile haben muß?
(zu 4.a) Aber das jenseitige, transzendente Prinzip existiert niemals losgelöst bzw. gesondert von der diesseitigen Welt und findet im Menschen seine freiheitlich höchste Entsprechung. Hier bestehe ich auf dem Zusammenhang. Das Gleiche gilt auch für 4b.
Liebe Grüße
Dirk H.
Lieber ...,
Zu einer angemessenen Kritik des Buddhismus bin ich nicht in der Lage. Aber ich kritisiere vor allem eine auch buddhistisch orientierte Philosophie westlicher, Wilberscher Färbung.
Was ich beobachte, das ist die zunehmende Wertschätzung, die die buddhistische Religion gerade im Westen genießt. Dies hat seine verständlichen Gründe. Die Menschen suchen einen Ausweg aus ihrem z. T. tristen, geistlosen Leben, die Kirche kommt dafür meist oder zumindest oft nicht mehr in Frage – auch aus verständlichen Gründen.
Ich habe nun den Eindruck, daß insbesondere die buddhistische Religion im Westen zu einer Modeerscheinung degradiert ist. Und so führen die Menschen auf der einen Seite ihr z. T. lebloses, mechanisches „Leben“ fort, ausgerichtet auf all die marktorientierten „Notwendigkeiten“, und beruhigen sich auf der anderen mit Meditation. Hier stellt sich auch immer wieder die Frage: Was ist wahrhaftige Meditation? In der Leerheitsmeditation, wie sie in Wilbers Buch zur Sprache kommt, sehe ich eine Art Weltflucht. Sie hat in meinen Augen keinen ganzheitlichen Bezug. Es geht immer nur um den „GEIST“, für den der Mensch nur eine Mittlerrolle spielt.
Ich lese gerade das neu erschienene Buch von Berdjajew „Versuch einer eschatologischen Metaphysik“. Auf Seite 130 macht K. Bambauer folgende Anmerkung (225): „Es ist unsachgemäß, wenn Berdjajew hier den europäischen Begriff des ‚Nichts’, der dem Nichtigen zu vergleichen ist, mit dem buddhistischen Begriff des ‚Nichts’, der die Fülle enthält, gleichsetzt.“ Usw.
Aber für mein Sprachverständnis in Verbindung mit meiner inneren Erfahrung und der darauf aufbauenden philosophischen Deutung kann ich es nicht zulassen, den Begriff des „Nichts“ mit dem der „Fülle“ gleichzusetzen. Aus der Vermischung dieser Begriffe heraus entstehen meines Erachtens verheerende Mißverständnisse in Richtung Wilberscher Buddhismusinterpretation.
Ihr Dirk Hübner
Auf Anfrage schrieb ich Folgendes.
Unter anderem: Was ist Gott? – Ein unvollständiger Versuch
Als freier Mensch kann man den Gottesbegriff von allen götzendienerischen Elementen befreien und ihn dahingehend gebrauchen, um dem wesentlichen Kern des Menschen Ausdruck verleihen zu können. Dabei gehe ich davon aus, daß man zunächst einmal bereit ist, was man natürlich von keinem verlangen kann, weil dies freiwillig geschehen muß, den Menschen und sein göttliches Wesen als das absolut Bedeutsamste der ganzen Welt anzuerkennen. D. h., ich verbinde mit dem Gottesbegriff nicht den absoluten weltlichen Menschen, der sich auf die begrenzte Welt der Dinge zurückgezogen hat, sondern den göttlichen Menschen, der sich von seinem göttlichen Mitgefühl und seinem göttlichen Gewissen von innen heraus leiten läßt. So gesehen könnte ich z. B. das Gewissen als meinen persönlichen Gott bezeichnen. Und dieses Gewissen offenbart sich mir wesentlich im Augenblick, und dennoch muß ich es mir paradoxerweise in dieser Welt erarbeiten, in gewisser Hinsicht freischälen von allen nichtgöttlichen, weltlichen Begrenzungen und Lügen. Dieser Widerspruch liegt in der gottmenschlichen Existenz begründet. Der Mensch ist sowohl ein irdisches als auch ein vom Grunde her geistiges Wesen. Das Gewissen erfordert im wahrsten Sinne des Wortes freiheitlich-geistige Arbeit. Es ist nicht auf sich selbst beschränkt, sondern wird einerseits erst verständlich und erkennbar in bezug auf unsere begrenzte, lügenhafte Welt. Unser wahres, ursprünglich-göttliches Gewissen kann und muß sich schöpferisch in unser irdisches Leben ergießen und Licht in das Dunkel dieser Welt bringen. Mein göttliches Gewissen und nur dieses will ich persönlich einzig vom Herzen her in diesem Leben verwirklichen. Gott ist letzten Endes für mich eine Glaubensfrage. Gott ist für mich mein umfassendes Gewissen. Und dieses Gewissen wird getragen von Mitgefühl, geistiger Freiheit, Liebe, Wahrheit. Andererseits ist Gott eben nicht nur Gewissen, sondern Liebe (man kann und darf dies alles nicht voneinander trennen), die sich immer nur konkret offenbaren kann in der Liebe zu einer anderen göttlichen Persönlichkeit, da jede Persönlichkeit absolut konkret und einzigartig ist. Aber auch hier spielt mein wahrhaftiges Gewissen eine überragende Rolle: Bekenne ich mich zu meiner wahrhaftigen, nicht oberflächlichen Liebe, oder gebe ich sie z. B. den Erfordernissen des Lebens preis? Hierher gehört auch der tragische Kampf des Menschen zwischen seiner Freiheit an sich und der Notwendigkeit. Aus der Tiefe heraus kann man weiterhin von tragischer Liebe sprechen, weil sie immanent Opferliebe ist, und in dieser Hinsicht ist sie im Höchstmaß paradox und leidend: Der individuelle Mensch in der göttlichen Liebe gibt seine ganze göttliche Persönlichkeit der geliebten Persönlichkeit hin – jedoch kann er dies nur so lange tun, solange er selber ganze, vollständige Persönlichkeit bleibt. Indem der liebende Mensch seine Persönlichkeit realisiert, realisiert er sich zugleich in der geliebten Persönlichkeit, damit diese zum anderen selber vollkommene, liebende Persönlichkeit wird, damit sie ihr wahrhaftiges göttliches Potential ganz offenbaren kann, welches ich im Augenblick selbstlos erkenne und wonach ich mich selbstlos sehne. In der konkreten Liebe gibt die Persönlichkeit das tiefste und wahrhaftigste Opfer überhaupt – ganz sich selbst. Und gerade aus diesem Grund vereinigen sich die Liebenden in Freude und Seligkeit. Die Liebenden setzen sich in Gott eins und überwinden wahrhaft die Einsamkeit. Doch wahrhaftigen Verzicht kann der Mensch nur so lange üben, solange er selber dabei Persönlichkeit bleibt. Für die reine Vernunft wird die Liebe und die mit ihr unzertrennlich zusammenhängende paradoxale Persönlichkeit immer ein Rätsel bleiben, eben ein Mysterium. In der Liebe offenbart sich Gott in seiner schöpferischen Beziehung zu mir. Liebe setzt voraus, daß ich selber göttliche Persönlichkeit bin, daß ich in diesem Sinne die göttliche Persönlichkeit in mir trage. Gott selbst muß demnach Persönlichkeit sein, damit ich ihn erkennen kann – in mir. Und nur auf diese Weise bin ich auch zu einer liebenden Beziehung zu einer anderen Persönlichkeit fähig. D. h. wiederum, daß Gott in mir nur in meiner von geistiger Freiheit, von Wahrheit getragenen Liebe und dahingehend in meinem Gottesgewissen zum Ausdruck kommt. Gott ist umfassende Liebe der Persönlichkeit und setzt die andere Persönlichkeit und die liebende Gemeinschaft und das Universum im weitesten Sinne voraus. Denn die Liebe im luftleeren Raum kann keine Beziehung eingehen und kann so auch gar nicht, niemals existieren. Deshalb wehre ich mich ja auch so vehement gegen einen Gottesbegriff, der einen absoluten Gott als absoluten Geist proklamiert. Gott existiert nur in der liebenden Beziehung. In der liebenden Beziehung offenbart sich in mir als Mensch Gott schöpferisch – als freiheitlicher Geist, als Wahrheit und darauf bezogen als mein wahrhaftiges Gewissen. In der Gnade Gottes, d. h. in der Offenbarung der Wahrheit an sich, erreiche ich erst die höchste Vollständigkeit und Ganzheit, aber nicht als etwas Abgeschlossenes. Es ist die Ganzheit der schöpferischen Persönlichkeit, die sich in einem Gefühl ganzheitlicher Fülle offenbart, die in sich, aber auch aus sich heraus im Höchstmaß zur Erfüllung hin bewegt ist. In einem Menschen dagegen, abgetrennt von jeglicher göttlicher Eingebung, machen sich Leere, Zerrissenheit und absolute Sinnlosigkeit breit. In Verbindung mit Gott dagegen ereignet sich Fülle, Ganzheit und der Sinn – das Sinngebende überhaupt im Menschen.
Was geschieht mit Gott, wenn der Mensch stirbt? Wenn der Mensch stirbt, ist Gott allein, er existiert nicht mehr in seiner ganzheitlich-konkreten Wahrheit. Denn zur existierenden Wahrheit wird Gott nur in seiner göttlich-menschlichen Fülle, in seiner göttlich-menschlichen Beziehung, die fortlaufend schöpferisch ist. Wenn ein Mensch stirbt, verliert er seine sterbliche Hülle und geht ganz in die vorseiende Ewigkeit ein, in der die Zeit vollständig aufhört zu existieren. Der Tod eines Menschen ist das Ende der einzigartigen, unwiederbringlichen göttlich-menschlichen Wahrheit, die auf das engste auch mit der Zeit verbunden ist. Die Ewigkeit kann sich dem Menschen bereits schon zu Lebzeiten in seiner liebenden, göttlich-menschlichen Tiefe offenbaren. Der Tod ist somit auch der Übergang zum lebendigen Augenblick der Ewigkeit. Schon zu Lebzeiten kann der Mensch an der ewig göttlichen Wahrheit teilnehmen, die zugleich die menschlichste ist und sich immer nur konkret-schöpferisch offenbart. Wir können als Menschen, solange wir leben, den scheinbaren Dualismus (das dialogische Verhältnis) zwischen dem transzendenten Prinzip und der konkreten immanenten Offenbarung nie auflösen, es sei denn, wir erkennen ausschließlich einen absoluten Geist an, der sich als „radikale Leerheit“ offenbart, und degradieren im gleichen Atemzug den Menschen zu einer reinen Mittlerfunktion, die nicht wahrhaftig schöpferisch sein kann. Es ist das transzendente Prinzip, welches sich dem Menschen in einem göttlich-menschlichen und zugleich schöpferischen Akt offenbart. Das transzendente Prinzip wird real nur im Inneren des Menschen offenbar und lebendig – als der Wesenszug der menschlichen Persönlichkeit. Ohne die Realisierung der Persönlichkeit hat ein transzendentes Prinzip keine (innerlich-geistige) Realität. Die Persönlichkeit selber ist transzendent und kann sich dennoch nur immanent offenbaren. Durch die innere und zugleich schöpferische Offenbarung der Wahrheit überwindet der Mensch als Persönlichkeit den Tod. Erst durch die Realisierung der Persönlichkeit verliert der Mensch wahrhaftig (d. h. geistig) die Angst vor dem Tod und nimmt ihn ganzheitlich an! Denn der Tod ist zugleich Ende der Zeit und Übergang zur Ewigkeit, die sich dem Menschen zu Lebzeiten offenbaren kann. Die Ewigkeit an sich ist potentiell die göttlichste und zugleich auch die menschlichste Wahrheit. Sie ereignet sich jedoch nur in der schöpferisch-liebenden Ekstase als göttlich-menschliche Schönheit. Die Ewigkeit selber muß man immer aus zwei Perspektiven betrachten, sie ist sowohl die Gottheit in ihrer Abgeschiedenheit als auch die Wahrheit in der göttlich-menschlichen Tiefe. Erst der Mensch findet aus sich heraus in einem ganzheitlich-schöpferischen Akt die Schönheit wahrhaft in allem wieder. Im Menschen und nur im Menschen wird die Gottheit zur einzigartigen, unverwechselbaren und vor allem konkreten gottmenschlichen Wahrheit erhoben. Die Gottheit in ihrer Abgeschiedenheit ist weder Wahrheit oder Schönheit noch Lüge – sie ist das Nichts. Es ist verantwortungslos gegenüber allem, die Abgeschiedenheit an sich als die höchste Wahrheit anzuerkennen. Und ich meine, daß dahinter nicht wirklich eine Realität steht, die sich im Menschen spürbar ereignet. (([Siehe Korrektur im Anschluß – D.H.] Es ist anzunehmen, daß mit dem Tod eines Menschen, sich dieser gemeinsam mit Gott in die Gottheit, in die Abgeschiedenheit hinein (im jenseitigen Sinne) auflöst, in der es keine Unterschiede gibt. Doch diese absolut unkonkrete Unterschiedslosigkeit ist nicht das wahre Ziel oder der Gipfel des Lebens, da es ansonsten völlig belanglos wäre, ob ein Mensch existiert oder nicht. Die konkrete Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit von allem Existierenden und vor allem eines jeden Menschen wird in der liebenden Gemeinschaft Spuren hinterlassen und wirkt in dieser im ewig-göttlichen Sinne fort. Gott offenbart sich immer nur konkret, niemals unkonkret oder gar abstrakt.))
Dirk Hübner
(Korrektur 07.02.2013: Diese letzte Schlußfolgerung im Beitrag „Unter anderem: Was ist Gott...“, halte ich heute für unannehmbar. Ich bin im Glauben: Das Mysterium des gottmenschlichen Lebens eines Menschen wird durch den faktischen Tod hindurch in das Mysterium der Unsterblichkeit erhoben. Alles andere wäre absolut sinnlos, was Gott widerspräche. „Die ganze Weltordnung mitsamt dem Bereich des Universal-Allgemeinen, des Unpersönlichen geht dem Ende entgegen und wird in Flammen aufgehen, während alle konkreten Wesen, die menschliche Persönlichkeit vor allen Dingen, aber auch die Tiere, die Pflanzen und alle, denen eine individuelle Existenz in der Natur eigen ist, die Ewigkeit erben werden. Ganz und gar werden in Flammen aufgehen alle Reiche dieser Welt, alle Reiche des ‚Allgemeinen‘, die das Individuell-Persönliche auf das Folterbrett spannen.“ (Nikolai Berdjajew) Unsere irdische Hülle (unser Leib bzw. Körper) ist sterblich, doch wird sie in ihrer personalen Existenz Eingang finden in die mystische Unsterblichkeit, und das schon im Leben eines jeden. Wir erheben uns ganzheitlich-schöpferisch zu Gott im Durchgang durch diese Welt. Dies gilt bis in alle Ewigkeit. Die Gottheit, das Nichts, sind ein ungrundlicher Wille :
"Und der Grund derselben Tinktur ist die göttliche Weisheit; und der Grund der Weisheit ist die Dreiheit der ungrundlichen Gottheit und der Grund der Dreiheit ist der einige unerforschliche Wille, und des Willens Grund ist das Nichts." – "Der Ungrund ist ein ewig Nichts, und macht aber einen ewigen Anfang, als eine Sucht; denn das Nichts ist eine Sucht nach Etwas." (Jakob Böhme) Diese Sucht nach etwas wird eingehen in die in Ewigkeit geborene Unsterblichkeit, in der wir uns alle wiederfinden werden. Wir werden nicht in die Gottheit, in das ungrundliche Nichts einfach zurückkehren, uns auflösen, als wenn nichts gewesen wäre. Die Sucht nach etwas wird letztlich das ewige mystische Etwas sein, der unermeßliche Reichtum der Dreiheit – die Wahrheit, die Freiheit, die Liebe im eschatologischen Sinn. Gott, der Sinn in diesem Leben, führt uns dorthin, ob wir es wollen oder nicht.
Das letzte Geheimnis wird darin bestehen, daß wir Menschen uns im jeweils persönlich-gemeinschaftlich-schöpferischen Akt mit Gott vereinigen müssen. Gott wird uns nicht einseitig retten können. Er braucht unsere schöpferische Tat und sehnt sich nach uns hin zu sich und Seinem Reich. Es wird letztlich ein gemeinsames Reich sein. Die Erfüllung der eschatologischen Erwartung in diesem Sinne, die schöpferisch-liebende Vereinigung von Mensch und Gott, ist schon in einem jeden Menschen in der Tiefe seiner Existenz potentiell angelegt.)
(Meine Antwort auf Reaktion vom 26.5.01)
Hallo …,
ich glaube, wir unterscheiden uns in der Herangehensweise grundlegend. Für Dich ist offensichtlich die Erfahrung der (buddhistischen) Leere in der Tiefe der Person das Wesentliche bzw. das Absolute, für mich verwirklicht sich in der Fülle der Persönlichkeit, des ganzheitlichen Menschen die Wahrheit schöpferisch. Ich persönlich bestehe auf dem Unterschied zwischen Leere und Fülle. Und ich sage es hier noch einmal ganz drastisch: Ich glaube nicht an eine „radikale Leere“ (Wilber), die sich als eine wahrnehmbare, existentielle Realität an sich im Menschen offenbaren kann, man kann sich diese „radikale Leere“ als wahrnehmbare Realität im Höchstfall einreden bzw. suggerieren (siehe dazu vor allem meinen Beitrag „Berdjajew kontra Wilber“). Für mich muß die Leere zur Fülle der Persönlichkeit erhoben werden, um Realität werden zu können. Darüber hinaus ist mir der Begriff des „Nichts“ lieber, da er für mich vom Inhalt her wertefreier ist. Der Begriff der „Leere“ hat für mich einen stark wertenden Bezug (Mangel). Es ist möglich, sich leer zu fühlen, das Nichts an sich kann man nicht fühlen. Im Begriff des „Nichts“ drückt sich für mich weder Mangel noch Fülle aus, und das entspricht meiner Vorstellung vom Nichts. Das Nichts ist danach reine Potentialität. Im Nichts selber findet kein Schaffensprozeß statt und somit auch keinerlei Erfahrung bzw. Wahrnehmung.
Einige mir wichtige Anmerkungen noch.
Wenn Du mich zitierst, solltest Du es vollständig tun. So habe ich geschrieben: „… den Menschen und sein GÖTTLICHES Wesen als das absolut Bedeutsamste der GANZEN Welt anzuerkennen.“ Ich sehe immer die schöpferische Einheit und das schöpferische Wechselspiel von Mensch und Gott. Du hast das Zitat einfach ohne den Menschen angeführt. Darin wäre in der Tat eine „gewisse Absolutheit dieses Wesenskerns“ zum Ausdruck gekommen.
Du hast mich weiterhin zitiert:
„… damit sie ihr wahrhaftiges göttliches Potential ganz offenbaren kann, welches ich im Augenblick SELBSTLOS erkenne und wonach ich mich SELBSTLOS sehne.“ „Selbstlos“ hat für mich hier die Bedeutung: nicht auf den eigenen Vorteil bedacht. Ich meine in diesem Zusammenhang nicht das „Nicht-Seiende“ oder die „Leere“, die Du in diesem Wort, an dieser Stelle und in diesem Zusammenhang zu sehen meinst.
Und:
„Wenn ein Mensch stirbt, verliert er seine sterbliche Hülle und geht ganz in die vorseiende Ewigkeit ein, in der die Zeit vollständig aufhört zu existieren.“ Du hast Recht, damit meine ich in der Tat die sogenannte Leere – das Nichts. Diese Leere, dieses Nichts sind aber nicht das höchste Ereignis im Leben eines Menschen – die gottmenschliche Wahrheit, die einzig immer wieder einmalig und konkret und unwiederholbar ist. Die Wahrheit ist ein dynamischer Prozeß in der Tiefe des Menschen, aber sie umfaßt diesen Menschen als ganzes Wesen (Körper, Seele, Geist). Um diese Wahrheit und nur um diese kämpfe ich fortlaufend. Um die Leere kann man nicht kämpfen. Man kann nicht einmal sagen, daß sich die Leere ereignet, z. B. als innerlich-geistige Realität.
Du schreibst:
„Dies entspricht ziemlich genau dem, was Wilber ausführt, daß nämlich die Erfahrung in der Tiefe einer Person bedarf. Die Buddhisten sprechen in dem Zusammenhang von der besonderen Bedeutung, als Mensch inkarniert zu sein.“ Du schreibst, daß „die Erfahrung in der Tiefe einer Person bedarf“. Ich sage, daß nur die Person als ganzheitliches Wesen (nicht als rollenverhaftetes Teilwesen) die ganzheitliche Erfahrung ist. Die Wahrheit bedarf nicht der Person, sondern sie ist in ihrer Verwirklichung die ganze Person, die ganzheitliche Persönlichkeit in ihrer Einheit von Körper, Seele und Geist. Wilber spricht sinngemäß davon, daß die Person in das transpersonale Reich transzendiert werden muß. „Person“ an sich bedeutet für Wilber immer Rolle, Maske. Für mich gibt es kein transpersonales Reich als eine über der ganzen Person stehende Erfahrung, sondern nur transzendente Prinzipien, oder anders ausgedrückt, überpersönliche Werte, die aber nur durch das Ereignis der ganzen Person existieren bzw. erfahrbar sind, d. h. real werden. Und erst durch die schöpferische Einheit der ganzen Person, des Gottmenschen, werden überpersönliche Werte wahr, sie werden fortlaufend neu geschaffen bzw. entstehen neu.
Du schreibst:
„Die Wesensnatur ist in der Tat zu Lebzeiten erfahrbar“, und ich ergänze: aber nicht als Leere, sondern als Fülle der Persönlichkeit.
Wenn ich schreibe:
„Gott offenbart sich immer nur konkret, niemals unkonkret oder gar abstrakt.“ So meine ich nicht den „Stein am Wegesrand“. Mit „konkret“ meine ich ganz und gar nur die innerlich-geistige Realität Gottes. Der „Stein am Wegesrand“ ist nicht meine innerliche Begegnung mit Gott. Aber aus der innerlichen Begegnung und nur aus dieser heraus wird mir auch die Schönheit eines Steines offenbar. Der Stein selber ist ein Symbol, eine Entäußerung Gottes, aber nicht Gott selber, der sich primär innerlich offenbart. Was im Stein innerlich vor sich geht, kann niemand mit letzter Gewißheit sagen. Was in mir innerlich passiert, daß kann ich mit letzter Gewißheit spüren.
Du fragst:
„Durchdringt uns diese Welt des Gottes oder nicht?“ und antwortest: „Wir finden sie in uns. Wo finden wir sie nicht?“ Ich sage: Wenn ich von meinem göttlich-menschlichen, reinen, wahrhaft ethischen Gewissen ausgehe, finde ich in unserer ethisch losgelösten, hochtechnisierten Zivilisation einen hohen Grad an Geist- bzw. Gottlosigkeit, die vom materiell-technisch orientierten Menschen praktiziert wird. Für die Gottlosigkeit in dieser Welt gibt es zahllose Beispiele! Das Hauptcharakteristikum der Gottlosigkeit in der westlichen Zivilisation besteht in der Egozentrik und damit verbunden im Individualismus. Der egozentrisch begrenzte Mensch setzt sich selbst als höchsten Wert und verhindert somit die schöpferische Nähe zu Gott. So gesehen kann man Gott in gewisser Weise „verfehlen“.
Weiterhin stelle ich mir Gott nicht als getrenntes Wesen vor. Ich betone immer wieder die göttlich-menschliche Einheit. Und die Liebe zu mir selbst, ist vor allem die Liebe zu der göttlich-menschlichen Tiefe in mir als mein Ich und Du in der Einheit des Wir. Und wir erkennen das Göttliche nur in der liebenden Gemeinschaft von Persönlichkeiten. Losgelöste, „reine“ Liebe gibt es für mich nicht – diese wäre hohl und leer. Liebe ist immer auch Beziehung meines Ichs zum Anderen in mir, zum Du, und zum Du eines anderen Menschen zugleich, in welchem ich mich ebenbildlich wiedererkenne. Gott wird mir zuallererst und vor allem in der Liebe zu einem anderen Menschen offenbar. Liebe ist Überwindung der Einsamkeit.
Du zitierst mich:
„Wir können als Menschen, solange wir leben, den scheinbaren Dualismus zwischen dem transzendenten Prinzip und der konkreten immanenten Offenbarung nie auflösen, es sei denn, wir erkennen ausschließlich einen absoluten Geist an, der sich als ‚radikale Leerheit‘ offenbart, und degradieren im gleichen Atemzug den Menschen zu einer reinen Mittlerfunktion, die nicht wahrhaftig schöpferisch sein kann.“ Und Du fragst nun: „Was machst Du mit den armen Menschen, für die sich dieser Widerspruch auflöste?“ Ich sage: Dieser scheinbare Dualismus (dialektische Einheit von Immanenz und Transzendenz oder von Mensch und Gott; Näheres dazu in „B. kontra W.“) verschwindet vollständig mit unserem Tod, wenn wir uns in das Nichts hinein auflösen. Aber solange wir leben, besteht gerade in diesem, ich betone, scheinbaren Dualismus ein Segen. Erst durch diesen scheinbaren Dualismus kann sich die Wahrheit schöpferisch in uns ereignen. Der Mensch selber wird zur lebendigen Wahrheit als Gottmensch.
Und weiter sagst Du:
„Der Mensch ist kein Mittler.“ Genau das ist mein Reden! Aber Wilbers Philosophie läßt konsequent zu Ende gedacht die Schlußfolgerungen aufkommen, daß der Mensch nur ein bloßes Gefäß Gottes, des absoluten Geistes, der Leere ist. Diese leere Wahrheit ist schon ewig da, wie sie immer schon war – unbewegt. Das schöpferische Moment besteht allein in der Kenntnisnahme der ewigen Wahrheit. Aber in Wirklichkeit hat dies mit einem schöpferischen Moment nichts zu tun. Und gerade deshalb schreibe ich auch an der Kritik „Berdjajew kontra Wilber“. Und ich will warnen vor der Gefahr eines entpersönlichten Daseins, das sich auch aus sogenannten transzendentalen Meditationsübungen Wilberscher Art ergeben kann.
Du behauptest einfach, daß ich mich nicht an wörtliche Aussagen von Wilber halte. Ich frage mich nun, ob Du überhaupt meine Kritik (B. kontra W.) gelesen hast? Dort zitiere ich Wilber wörtlich und setze mich anschließend damit auseinander. Das alles kann ich natürlich in diesem Diskussionsforum nicht wiederholen. Und natürlich beschreibt Wilber nicht die Mittlerrolle des Menschen, sondern dies ist das Ergebnis meiner kritischen Auseinandersetzung. Ich mache Wilber den Vorwurf, daß bei ihm der ganzheitliche Mensch zur Mittlerfunktion degradiert wird. Wilber, könnte ich annehmen, würde versuchen, diesen Vorwurf von sich zu weisen.
Und eine letzte Bemerkung noch an dieser Stelle:
Ja, ich kämpfe und ringe um meine Erkenntnis, um die Wahrheit. Das ist genau mein Weg, der mich erfüllt. Ich bekenne mich auch zum wahrhaft christlichen Glauben und dementsprechend fällt auch meine Begriffswahl aus. Aber ich führe hier keine Verabsolutierung des Dogmen-Systems der christlichen Kirchenlehre durch, d. h., ich betreibe keine theologische Wissenschaft. Das könnte und wollte ich auch gar nicht.
Herzliche Grüße
Dirk Hübner
Ein paar Antworten von mir:
1. ... schrieb am 30.05.01:
(Nur eine kurze Bemerkung zur Leere. Ich vermute, Du scheiterst am Paradoxon der Wahrheit, wenn Du Fülle und Leere rational trennst. Wahr ist doch, sogar rational zuende gedacht, daß Fülle ohne Leere gar nicht möglich ist. Oder weiter gedacht, daß beide dasselbe sind. Woraus ich den gewagten Schluß ziehe, daß Leere auch ohne Fülle nicht möglich ist.)
Hallo ...,
ich frage mich immer: Kann sich die Fülle in der Leere ereignen oder wird in der innermenschlichen, sich konkret ereignenden Fülle die Leere zur gott-menschlichen Wahrheit erhoben, ist die Leere auf dieser Höhe nicht einfach nur pure, radikale Leere, sondern erfüllte Leere? Ersteres schließe ich aus! Die Leere (das Nichts) ist für mich die potentielle Wahrheit, nicht die verwirklichte. Der Sinn kann sich erst im Durchgang durch die Welt der Subjekt-Objekt-Spaltung verwirklichen. Er ist letzten Endes die subjektiv erlebte göttliche Freiheit des ganzen, schöpferischen Gottmenschen jenseits der Spaltung. Im Durchgang durch die phänomenale, objektivierte Welt sucht der Mensch nach Gott. Dieser Prozeß gestaltet sich zur Wahrheit hin immer schöpferisch. In Gott findet der Mensch schöpferisch die Überwindung der begrenzten Welt und seiner eigenen Begrenzungen und will sich und die Welt in Einklang mit Ihm bringen. In diesem Prozeß bereichern sich Gott und der Mensch gegenseitig. Dieser Prozeß findet nicht in der „Leere“ an sich statt. Für mich heißt es weiterhin, daß die sogenannte „Leere“ und die Fülle sich korrelativ entsprechen. Ich trenne nicht rational, sondern differenziere diese beiden jenseitigen Phänomene aus meiner innermenschlichen Erfahrung heraus.
2. von …, 01.06.01:
(''Verweile in der Leere, umschließe alle Formen.“ (KW))
Hallo ...,
entsprechend meiner obigen Antwort an … (siehe auch „Was ist Gott?“) glaube ich nicht daran, daß man als lebendiger Mensch in der „Leere“ verweilen kann, um von dort aus alle Formen zu umschließen. Für mich ist auch das wahrhafte meditative (kontemplative) Versunkensein ein geistig-schöpferisches Ereignis im Menschen zur erlebten Fülle hin, in der sich die „Leere“, das Nichts konkret ereignet und niemals umgekehrt. Das Nichts wird im Ereignis der gottmenschlichen Fülle erfahrbar und nicht die Fülle im unergründlichen Nichts. Fülle und Nichts sind eins und doch nicht eins. Genau diese Antinomie läßt sich rational nicht lösen. Gelöst wird dieses Problem geistig – durch die fortlaufende Realisierung der Persönlichkeit (siehe zur Persönlichkeit auch: http://wizard.at/dirk/hobbies.html – „B. kontra W.“, insbesondere der Anfang des 2. Teils). Im Nichts an sich stellt sich keines dieser Probleme. Das Nichts an sich ist aber auch nicht die Fülle. Das Nichts ist absolute Potentialität, aber nicht Fülle im realisierten Sinne. Und unrealisierte „Fülle“ (Nichts) ist für mich keine Fülle, die man erleben kann.
3. von …, 01.06.01:
(Deine Begriffswahl erinnert mich sehr an meine Zeit in pietistischen Glaubensgemeinschaften. Das war vom Gemeinschaftsgefühl eine schöne Zeit, aber mit Wahrheitssuche hatte das nicht so viel zu tun. Wie überprüfst Du, daß es Dir wirklich um Wahrheit geht? Selbstbetrug ist uns Menschen leicht möglich. Beispielsweise glaubt jeder Fundamentalist, um Wahrheit zu ringen, und nimmt sogar Verachtung Andersdenkender in Kauf, und trotzdem kann er weit weg sein von einer soliden Epistemologie.
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Und genau letzteres ist ein Fehler. Jetzt wird mir auch klar, warum Deine Texte so unlogisch und auch empirisch unklar sind. Ohne eine theologische bzw. geisteswissenschaftliche Epistemologie (im Sinne der drei Augen der Erkenntnis von Wilber) wird Deine Wahrheitssuche nicht glaubwürdig.)
Hallo ...,
mit den „drei Augen der Erkenntnis“ von Wilber habe ich mich auch schon auseinandergesetzt (siehe „B. kontra W.“ Teil 4).
Du empfindest meine Texte als unklar und unlogisch. Aus meiner inneren Erfahrung heraus sind sie es nicht, wobei ich immer um einen adäquaten Ausdruck ringe und nie zufrieden bin. Und Wahrheit ist für mich immer ein Prozeß, aber nicht nur in philosophischer Hinsicht, sondern Wahrheit umfaßt das ganze persönlich-universelle Leben. Letzten Endes kommt es meiner Meinung nach immer darauf an, woran man glaubt. Mein Glaube kommt zumindest ansatzweise in meiner Mail „Was ist Gott?“ zum Ausdruck, umfangreicher in „B. kontra W.“. Mein Glaube verwirklicht sich vor allem in meinen realen Beziehungen zu den Menschen meiner Umgebung und zu allem im weitesten Sinne.
Du fragst sinngemäß, wo der Gradmesser für die Wahrheit ist? Das ist schon ein entscheidender Punkt (siehe auch Teil 4). Aus Deiner Fragestellung entnehme ich nach meiner Interpretation, daß der Gradmesser der Wahrheit für Dich unabhängig vom Menschen existiert – aber vielleicht irre ich mich da ja auch. Die Wahrheit, und das habe ich nun schon sehr oft betont, ist kein absolutes, feststehendes Richtmaß, sie ereignet sich schöpferisch und ist mit freiheitlich-geistiger Arbeit verbunden. Der Prozeß zur Wahrheit hin beinhaltet immer auch ein Stück Risiko. Es ist nicht alles wahr, was uns als wahr erscheint, und wir können uns in die Lüge verrennen. Ich gebe Dir also recht: „Selbstbetrug ist uns Menschen leicht möglich.“ Und vor allem leichter als die Wahrheit. Wahrheit ist in der Tiefe Gott, der sich jedoch nur durch die schöpferische Anstrengung im einzelnen Menschen konkret offenbaren kann. Gott ist die Wahrheit meines wahrhaftigen Menschseins. Und wahr ist, was sich aus mir heraus schöpferisch-liebend in Beziehung setzt. Wahrheit ist die konkrete Liebe meines Ich zum Du im Wir. Und das Du ist der andere Mensch und letzten Endes Gott in mir. Wahrheit ist höchste ethische Intuition, ist reines Gewissen im wahrhaftigen Sinne. Wahrheit hat mit „Verachtung Andersdenkender“ oder mit irgendeinem Fundamentalismus nichts zu tun. Aus einer fundamentalistischen Geisteshaltung heraus wird sich die Wahrheit nicht ereignen, da Gott, der wesentlich in uns Existierende, mit weltlicher Machtausübung in keiner Weise in Verbindung gebracht werden kann. Das Machtprinzip, welchem der Mensch verfallen kann, ergibt sich aus der weltlich-begrenzten Notwendigkeit. Der machtorientierte Mensch will das Risiko ausschalten, will alles berechnen, beherrschen, und wird grausam. Liebe ist ein völlig anderes Prinzip. Durch die Liebe erst ereignet sich die Wahrheit – dies schöpferisch zu erkennen, darauf kommt es an. Wahrheit ist somit auch der Kampf um die Liebe, um die wahrhaftige Liebe des einzelnen Menschen in Gemeinschaft mit den anderen Menschen und in der Tiefe mit Gott zugleich. Es geht für den einzelnen Menschen um die Liebe in sich und aus sich heraus. Liebe ist immer auch Verantwortung für die sündige Welt und will ihre Verklärung, d. h. Vergeistigung. Die Erkenntnis, die in diesem Prozeß entsteht, geht weit über jede bloße „geisteswissenschaftliche Epistemologie“ hinaus, aber umfaßt auch diese ganzheitlich, aber nur insofern, als diese lebendig, d. h. offen ist. Inwieweit der Mensch sich mit geisteswissenschaftlichen Fragen auseinandersetzen muß, um das zu klären, ist hier nicht mein Anliegen. Ich glaube jedoch, daß sich der Mensch schon aus dem täglichen Leben heraus – in der Beziehung zu anderen Menschen und zur ganzen Welt – indirekt und direkt mit erkenntnistheoretischen Fragen beschäftigt und beschäftigen muß. Hier kommt es auch darauf an, auf welcher Bewußtseinstufe dies geschieht (auf die sich Wilber auch bezieht), damit sich die Wahrheit integrativ ereignen kann und das spirituell-ganzheitlich. Ich behaupte also, daß erkenntnistheoretische Erwägungen ganz unabhängig von einem allgemein anerkannten Kanon stattfinden, ganz unabhängig von universitärer Gelehrsamkeit, die meines Erachtens sogar vieles verhindert. Ich frage mich schon eher, ob man nicht vor allem an der Wahrheitssuche der staatlich anerkannten geisteswissenschaftlichen Gelehrten zweifeln sollte, die vielen Zwängen ausgesetzt sind.
4. zu … vom 03.06.01:
Hallo ...,
nach Berdjajew wurde im Laufe der Zeit der christliche Glaube sinngemäß vollgestopft mit menschlichen Unzulänglichkeiten, Begrenzungen, mit diesseitsverhafteten Vorstellungen identifiziert. Gott war/wurde der Allmächtige im schlechten, diesseitigen Sinne. Der „böse Mensch“ wurde verdammt zu ewigen Höllenqualen – ein grausames Prinzip. Der „gute Mensch“ war letzten Endes ein unbarmherziger Wächter für den „wahren Glauben“, ein Prädestinierter, der Abweichungen nicht dulden durfte. Von all dem ist uns bis heute vieles erhalten geblieben. Gehorsam gegenüber einer höheren (staatlichen, bürokratischen) Macht erniedrigt den Menschen fortlaufend. Ein neues christliches Bewußtsein beinhaltete dagegen eine Wendung zur Liebe hin, zur Verwirklichung des Prinzips der Liebe und damit verbunden der Persönlichkeit im Gegensatz zum Prinzip der Macht und der Unpersönlichkeit in unserem Leben. Der Veränderung in unserem Leben muß eine innermenschliche Veränderung und Neuorientierung vorangehen.
Als „transzendente Prinzipien“ bezeichne ich die Liebe, die Freiheit, die Wahrheit, das Leid, das Mitleid, den Geist im göttlichen Sinne, auch die Persönlichkeit. Diese Prinzipien existieren nicht losgelöst und verwirklichen sich wahrhaft im Menschen. Aber ich muß mich hier etwas korrigieren: „Transzendente Prinzipien“ sind nicht gleich „überpersönliche Werte“, Letztere sind nach Berdjajew noch weiter gefaßt und umfaßt neben Gott auch die Gesellschaft, den Kosmos, die Gemeinschaft, höhere Werte und Ideen (siehe dazu Anfang 2. Teil „B. kontra W.“). Ich schließe mich dem an.
„Die Person als Maske“ zu überwinden, ist eine wichtige Forderung. In diesem Punkt hat Wilber recht. Es geht aber nicht um die Auflösung der Person an sich, sondern um deren ganzheitliche Verwirklichung. Wenn die Maske fällt, öffne ich mich für die Wahrheit, deren Prinzip die göttlich-menschliche Persönlichkeit ist.
Für mich ist der Stein als Materie, als stoffliche Zusammensetzung, auf keinen Fall Gott. Aber in der Form des Steines offenbart sich uns Menschen dessen Schönheit, die wiederum göttlichen Ursprungs ist. So sehe ich das.
Es tut mir leid, …, wenn mir nicht immer „eine Antwort zu entlocken“ ist. Einerseits ist es mir zeitlich oft nicht möglich, andererseits fühle ich mich auch überfordert, im einzelnen alles befriedigend beantworten zu wollen und zu können.
Viele Grüße
Dirk H.
(Meine Antwort auf Reaktion vom 11.6.01)
Hallo ...,
weil Du meinst, ich hätte Dir nicht gut zugehört, muß ich mich noch einmal zu den Begriffen „Fülle“ und „Leere“ äußern. Ich lese gerade das Buch von Keiji Nishitani „Was ist Religion“ auf eine Empfehlung hin. Er ist, nach meiner bisherigen Einschätzung, in seiner Grundaussage mit Ken Wilber nahezu identisch. In diesem Buch finde ich sinngemäß genau Deine Aussage wieder. Du schreibst:
● Dafür muß mensch die Formen in ihrer ganzen Fülle kennen, d. h., durch alle Entwicklungsstufen gegangen sein.
● Die Existenz besteht aus den 5 Skanda: Körper, Empfindung, Wahrnehmung, Denken, Wollen und Bewußtsein (Zen).
● D. h. also, sie zuerst für sich erschließen, alle! sie dann als Leere zu erkennen und dann ihre Fülle leben zu können.
Nishitani schreibt: „Form ist Leere“. Dabei sagt er, daß es gewissermaßen vor allem dieses „ist“ ist, welches zur absoluten Realität wird. Damit will er die absolute Einheit, nach ihm das „absolute Diesseits“, die absolute Mitte von „Form“ und „Leere“ und die Überwindung von Diesseits und Jenseits benennen. Aber was fällt nun alles unter den Begriff „Form“? Mit „Form“ sind nach ihm alle scheinbar „diesseitigen“ Phänomene gemeint – einschließlich aller Materialität und aller Subjektivität wie das Gefühl der Liebe und der Freiheit, die Persönlichkeit usw.. Und diese „Form“ kann wahrhaft nur als „Leere“ gelebt bzw. erlebt werden. „Wahrhafte“ Meditation öffnet uns danach für diese Wahrheit. Wahrheit ist danach transpersonal und umschließt die „Form“. „Leere“ ist danach „Fülle“ der „Form“ und umgekehrt. Die „Fülle“ der Form erschließt sich uns in dieser Hinsicht als Leere und umgekehrt. Ich sehe hier schon einen gewaltigen Unterschied zu dem, was ich unter „Fülle“ verstehe. K. Nishitani schreibt im oben genannten Buch auf Seite 179 (insel taschenbuch, 2001): „Sunyata (Leere) ist ja das Prinzip der Gleichheit, nach dem keinerlei Unterschiede fortbestehen sollen.“ Auf die Spitze getrieben behauptet er, daß sich die Realität im absoluten Sinne weder innen noch außen, weder im Diesseits noch im Jenseits, sondern im „absoluten Diesseits“ „konkret“ ereignet oder wie auch immer. Das ist sozusagen der Weisheit letzter Schluß. Was mir in diesem Buch und auch bei Wilber auffällt, das sind die gedanklichen Aussagen, die LETZTEN ENDES keinen konkret zu benennenden Bezug besitzen, obwohl beide Autoren dies immer wieder behaupten. Alles wird zur „Leere“ hin beliebig. Was wird aus mir, wenn ich die Fülle des/der Geliebten nur noch als unterschiedslose Gleichheit bzw. „Leere“ begreife oder gar erlebe? Spätestens hier hört der Glaube an den Buddhismus für mich auf! Dieser buddhistische Ansatz ist rational erklärbar, aber ich kann ihn nicht emotional-ganzheitlich, d. h. wahrhaftig real nachvollziehen. Das Phänomen der konkreten Liebe wird zur „Leere“, zur absoluten Unterschiedslosigkeit, Gleichheit und Bedeutungslosigkeit hin aufgelöst. Alles wird vom Standpunkt der „Leere“ aus bedeutungslos und nach Wilber ungeschehen gemacht („Das Wahre, Schöne, Gute“, S. 424). Und von diesem Standpunkt aus ist Nishitanis und Wilbers Forderung für das ethische Wirken des Menschen in der Welt der Phänomene in keiner Weise plausibel. Diese Forderung widerspricht bei genauerer Betrachtung dem Prinzip „Form ist Leere“ und umgekehrt. Für diese Forderung fehlt vor allem die Höhe der Fülle, wie ich sie begreife, der Wahrheit der fortlaufend zu realisierenden göttlich-menschlichen Persönlichkeit als ethisch umwertendes, existentielles Zentrum. Meine Formel heißt deshalb: „Leere“ (das Nichts) realisiert sich in der Fülle. „Leere“ ist nicht gleich Fülle. Und weiterhin: Das Nichts wird zur Fülle hin differenziert, um in der Fülle erlebte Wahrheit zu werden, die ich als konkrete Liebe, als wahrhaftig-ganzheitliche Beziehung, als liebende Gemeinschaft erfahre, welche den freien Geist gleichermaßen einschließt. Unkonkrete Liebe ist nichts, sie existiert als solche nicht, da sie als solche kein existentielles Zentrum besitzt. Das Nichts muß sich differenzieren, um in Erscheinung treten zu können (siehe auch „B. kontra W.“ oder „Was ist Gott?“). Und die Fülle der Persönlichkeit ist vor allem ein einzigartiges, fortlaufend sich veränderndes und erweiterndes, mystisches Ereignis. Die Persönlichkeit ist die wandelbare und paradoxerweise dennoch die immer wiederzuerkennende, d.h. wandellose höchste Realität im Menschen. Dieses Paradoxon bildet nicht rational, sondern nur existentiell-fühlbar eine Einheit. Höchste und zugleich tiefste Erkenntnis ereignet sich vor allem emotional als Liebe zum konkret Geliebten hin in liebender Gemeinschaft.
Du schriebst:
● Hihi, transzendente Prinzipien, toll.
● Ich hoffe, du verwechselst hier nicht transzendent mit transpersonal.
● Transpersonal gibt es NUR die Praxis und daraus entstehen bestimmt keine Prinzipien.
Die Realität einer transpersonalen Entwicklungsstufe des Menschen bezweifle ich. Von Transpersonalität spricht übrigens auch Nishitani in dem oben genannten Buch.
Für mich sind transzendente Prinzipien dynamische Prinzipien, die durch den und im Menschen wirksam werden. Diese Prinzipien stellen keine hierarchische Stufe im diesseits-evolutionistischen Sinne dar. Sie ereignen sich als höchste jenseitig-ethische Wirkprinzipien, durch die wir in Beziehung treten zu allem und im höchsten Sinne zu Gott. In die Beziehung fließt auch der Körper, die Seele und das Bewußtsein ein. Diese drei Elemente erfahren jedoch nur durch die transzendenten Prinzipien ihre ganzheitliche Verwirklichung im Menschen als Gottmensch. An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf Nikolai Berdjajew verweisen. Zwei Bücher sind zur Zeit auf dem Markt erhältlich.
● Frage: meditierst du? In welche Richtung zeigt deine Intuition?
● Wirkliche transpersonale Praxis ist laut Wilber: „Yoga, meditative Schulung, experimentelle Methodologie zur Reproduktion der transpersonalen Erkenntnisse und Intuitionen ihrer Begründer im Bewußtsein“.
● Praktizierst du nicht, bist du laut Wilber „nur“ ein „Idealist mit einer aufgewärmten Repräsentationsphilosopie''.
● „Du kartographierst die Welt bloß, ohne die Techniken zur Veränderung der Kartographen auszuführen.“
● „Du stellst keine Möglichkeit bereit, transpersonales Bewußtsein in einer übenden Gemeinschaft zu reproduzieren, keine Möglichkeit, ein tieferes Selbst (Ich oder Buddha) in einer tieferen Gemeinschaft (Wir oder Sangha) konkret zu enthüllen und dadurch eine tiefere Wahrheit auszudrücken (Es oder Dharma).“
● Tiefe Intuitionen sind die Haupttriebkräfte für den transpersonalen Bereich.
● Aber auch für die idealistische Bewegung. Aber hier werden sie „fast ausschließlich in Begriffen der visionären oder Schau-Logik ausgedrückt ...“
Ich erinnere mich daran, daß ich mich schon als Kind spontan in eine Art meditative Versunkenheit fallen ließ. Ich erinnere mich daran, wie ich etwa als 4- oder 5-jähriger Junge (ich ging noch nicht zur Schule) beim Anblick der untergehenden Sommersonne eine tiefe Freude und zugleich ein tiefes Leid in mir aufsteigen fühlte. Ich fühlte die ganze Welt in mir. Diese Momente erlebe ich bis heute immer wieder – spontan, mitten im und aus dem Leben heraus. Und sie prägen mich. In diesen Momenten komme ich zur Ruhe, jedoch zur Ruhe, die sich entleert von der Hast dieser Welt hin zur bewegten Fülle, zum Wesentlichen der anderen. Es sind Momente der Freude aus dem Weinen heraus. Alles kommt zusammen für einen Augenblick der Wahrheit, der Ewigkeit. In diesen Momenten finde ich Kraft in meinem Wirken, welches ich von den Momenten nicht trennen kann. Ohne die Geschichte meines Wirkens wäre meine Ruhe fad und leer! Wahrhaft alles erlebe ich in meiner konkreten Liebe, in die hinein sich alles, mein ganzes Leben verdichtet.
Und wer hier ein Idealist ist, das sei dahingestellt.
Vorgegebene meditative Techniken bzw. Praktiken, „Instrumentelle Injunktionen“ nach Wilber, lehne ich ab, weil jeder Mensch seinen einzigartigen, unwiederholbaren Weg gehen und finden muß. Die Wahrheit ist nicht reproduzierbar, sie ist ewig neu, sie erfordert den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit. Und diese Ganzheitlichkeit ist kein Geschenk und kein Lohn, sie ist die Wahrheit in ihrem göttlich-menschlichen Wirken nach innen und nach außen.
Hier noch einige provozierende Überlegungen. Ich hatte letztens im Gespräch mit meiner Freundin die Frage aufgeworfen, warum der Buddhismus gerade im Westen auf solch eine große Resonanz stößt. Und wir kamen zu dem Schluß, daß insbesondere der Buddhismus Wilberscher Art (oder eines Nishitanis) der Unpersönlichkeit unserer westlich „modernen“ Lebensweise entspricht und aus diesem Grunde die Problematik unseres mehr oder weniger entpersönlichten und zugleich auch individualistischen, egozentrischen Lebens, was keinen Widerspruch darstellt, verkennt. Die Bedeutung des einzelnen Menschen löst sich in dieser Art Buddhismus, konsequent zu Ende gedacht, auf. Und das fällt mir bei Wilber und auch bei Nishitani auf: Ihre Ethik ist dürftig. Wahrhaft christliche Ethik sieht anders aus (siehe Berdjajew). Darüber hinaus sehe ich im Buddhismus eines Wilbers oder Nishitanis einen Ansatz zur Geistlosigkeit, d. h. Gottlosigkeit. Ich stelle diese Überlegungen als Anstoß in den Raum.
Viele Grüße
Dirk H.
(Meine Antwort auf Reaktion vom 16.6.01)
Lieber ...,
ich schrieb:
„Für mich ist der Stein als Materie, als stoffliche Zusammensetzung, auf keinen Fall Gott. Aber in der Form des Steines offenbart sich uns Menschen dessen Schönheit, die wiederum göttlichen Ursprungs ist. So sehe ich das.“
Du fragst:
● Gott gab also die Form, die Schönheit quasi von aussen. Er ist also nicht die Materie selber? Richtig?
Ich finde darauf keine leichte Antwort und sehe es weiterhin so: Um Schönheit wahrnehmen zu können, bedarf es des Menschen. Die Frage, inwieweit Tiere dazu in der Lage sind, wäre sehr nachdenkenswert. Durch die Schönheit offenbart sich in uns Menschen das Göttliche. Und den Anstoß zu dieser Schönheit finden wir z. B. auch in der Form des Steines. Die Schönheit ist somit das innere Moment, welches durch die Form des Steines hervorgerufen wird. Die Form an sich, losgelöst, hat keine tiefere Bedeutung, die Form existiert nicht als solche, wie wir als Menschen sie wahrzunehmen in der Lage sind, sie existiert nicht als Schönheit außerhalb der Wechselbeziehung von Erkennendem und zu Erkennendem. Diese Wechselbeziehung ist vom Menschen ausgehend schöpferisch und offenbart uns Schönheit. Man kann aus diesen Überlegungen heraus nicht sagen, daß Gott die Form oder die Schönheit der Form von außen gab. Die Schönheit der Form ist immer ein innerer, ein schöpferischer Moment. Die äußere Form des Steines wird vergehen und eine neue Form entsteht, welche wieder Schönheit in uns hervorrufen kann. Die Schönheit wiederum ist ewig im göttlichen, aber nicht im zeitlichen Sinne. Das Entstehen von Formen läßt sich logisch nachvollziehen, der Sinn der Form jedoch ist ein Geheimnis, welches sich dem Menschen innerlich als Schönheit offenbart. Natürlich ist auch die Form des Zahnrades sinnvoll in technischer Hinsicht, aber dieser Sinn ist begrenzt und hat mit dem göttlichen Sinn nichts gemein, der unendlich tiefer bzw. höher liegt und sich als eine völlig andere, jenseitige Dimension letzten Endes im Menschen ereignet. Materie an sich ist nicht Gott, das wäre eine pantheistische Vorstellung.
Du zitierst mich und schreibst:
● „Vorgegebene meditative Techniken bzw. Praktiken, »instrumentelle Injunktionen« nach Wilber, lehne ich ab, weil jeder Mensch seinen einzigartigen, unwiederholbaren Weg gehen und finden muß. Die Wahrheit ist nicht reproduzierbar, sie ist ewig neu ...“
Daß in der Aussage „Wahrheit ist nicht reproduzierbar“ einige philosophische Abgründe lauern, ist dir sicherlich auch klar, na, ich glaube, ich verstehe aber, was du meinst. Oder doch nicht? Genaugenommen heißt ja der Abschnitt: Die Antwort auf die Frage, ob durch meditative Techniken etwas Wesentliches erkannt werden kann, wechselt ständig, mal ja, mal nein .(„Die Wahrheit ist ewig neu“). Nun erscheint es mir aber recht schwierig, einzusehen, warum ein so wesentliches und fundamentales Faktum des Kosmos einer solchen Dynamik unterliegen soll. Bleiben doch auch komplexere Dinge erfreulich konstant.
Ich sehe es so:
Zur Wahrheit hin vereinigen sich letzten Endes im Menschen die Freiheit, der Geist, Leid und Mitleid, die Liebe, Gott ganzheitlich. Und als Träger der Ganzheitlichkeit sehe ich den Menschen immer als irdisches und wesentlich göttliches und zugleich geschichtliches Wesen. Ganzheitlichkeit erlebt der einzelne Mensch in der wahrnehmbaren Fülle seiner Persönlichkeit. Ewig ist die Freiheit, ewig ist der Geist, ist Gott, ewig ist die Liebe ( alles im außerzeitlichen Sinne) – das sind für mich die Konstanten, die jedoch niemals losgelöst existieren, sondern sich in jedem einzelnen Menschen in unwiederholbarer Weise immer wieder neu ereignen. So gesehen ist Wahrheit nicht reproduzierbar. Einzigartig und unwiederholbar ist die Persönlichkeit, die sich in uns jedoch immer dynamisch ereignet. Und gerade weil sie dynamisch ist, ist sie immer wieder neu und intensiv. Wahrheit ist für mich vor allem kein Faktum. Und für Wilber ist Kosmos nicht gleich Kosmos. Er unterscheidet zwischen dem objektiven, d. h. äußeren und dem inneren Kosmos. Aber ich sehe in bezug auf beide keinen Stillstand. Und das Komplexeste, für mich die Persönlichkeit, ist das wahrhaft Konstanteste, das ist wahr, aber sie ist zugleich der bewegteste Wesenszug des Menschen. Das Ereignis der Persönlichkeit ist für mich das wahrhaftigste Wunder dieser, der ganzen Welt.
Du zitierst mich und schreibst:
● „daß insbesondere der Buddhismus … der Unpersönlichkeit unserer westlich ‚modernen‘ Lebensweise entspricht und aus diesem Grunde die Problematik unseres mehr oder weniger entpersönlichten und zugleich auch individualistischen, egozentrischen Lebens … verkennt.“ Wenn der Buddhismus irgendwo die Problematik des Egozentrismus verkennt, so ist der Lehrer dort mit Sicherheit ein Sektenbeauftragter der Kirche in Zivil. Nein, aber im Ernst: Deine Abneigung gegen die durchschnittliche Gemütsverfassung ist mir ja höchst sympathisch, aber Du bist da, mit einigen Anderen in dieser Liste, recht schnell bei rell.-spirituellen Bezügen, wo ich doch lieber mal ’nen Blick auf die politische Ebene werfen würde.
Ich trenne nicht zwischen religiösen Grundhaltungen und der entsprechenden Lebensweise. Das gehört für mich immer zusammen.
Du schreibst zum Schluß:
● Aber hier wie da beginnt sich das un(Gott-)menschliche Marktprinzip mit neuer Härte durchzusetzen.
Genau das finde ich auch sehr schlimm. Und genau um die Überwindung auch dieser „Härte“ geht es mir in meinen Auseinandersetzungen – direkt und indirekt. Und dabei steht für mich die innere Verfassung des Menschen im Vordergrund.
Sei herzlich gegrüßt
Dirk (H)
(geschrieben am 26.6.01)
Lieber ...,
hier kurz und offen meine persönliche Sicht zu dem von Ihnen empfohlenen Buch: Keiji Nishitani, „Was ist Religion?“.
Zunächst einmal denke ich, daß K. Wilber mit seiner Buddhismusinterpretation nicht im Widerspruch zu dem oben genannten Autor steht. Meine Kritik an K. Wilbers Philosophie ist somit auch eine indirekte Kritik an der Philosophie Nishitanis.
Hier einige meiner wesentlichen Kritikpunkte an dem oben genannten Buch:
Nishitani versteht Liebe passiv (nichtunterscheidende Liebe) und nicht als Aufgabe hin zur Realisierung der Persönlichkeit, als schöpferischen Akt der Persönlichkeit. Er behauptet, daß das Prinzip der Person an sich über einen Selbstzweck nicht hinausreicht. Er verneint somit eine ganzheitliche Verwirklichung der Person, die als höchstes einigendes Prinzip die sogenannte „Leere“ in sich umschließt. Für Nishitani wird die Person durch die „Leere“ genichtet – die entsprechende Erörterung dieser Ansicht kann ich für mich nicht annehmen und sie widerspricht auch meinen Erfahrungen und meinem Leben. Zu einer wahrhaften Auseinandersetzung über die Liebe in ihrer eigentlichen christlichen Tiefe und dem mit der Liebe wesentlich verbundenen Prinzip der Persönlichkeit ist Nishitani nicht in der Lage – ganz im Gegensatz zu N. Berdjajew. Nishitani kommt auf Seite 377 (insel taschenbuch 2001) zu folgender widersprüchlicher Aussage: „Für das Sein-in-der-Welt, worauf es uns bei unseren jetzigen Überlegungen ankommt, erweist sich die Einsamkeit deswegen als ganz und gar abgründig, weil die Selbst-Abkapselung gerade im Horizont innigster Wechselbeziehung zu anderen Seienden geschieht.“ - Ich frage mich, wo und wie hat dieser Mann gelebt?! Was versteht er unter „innigster Wechselbeziehung“? Wahrhaft innigste Wechselbeziehung verlagert Nishitani ganz auf das „Feld der Leere“. Wie sich jedoch diese Art Innigkeit zeigt, wird auch in dem oben genannten Buch nicht wirklich nachvollziehbar angedeutet. In diesem Zusammenhang wirkt auch der Begriff der „Realität als Unendlichkeitserfahrung“ (Seite 279 und an anderen Stellen) im Höchstmaß verschwommen; wahrhafte Realität als innermenschlichen Erfahrung (Liebe, Gott, Fülle, Leid und Freude – Persönlichkeit) wird letzten Endes verneint. Auch die Art der Meditation, die Nishitani anführt, ereignet sich nicht aus dem Leben heraus, sondern ist für mein Dafürhalten eine Verhinderung inneren Lebens zum Nichtsein hin, zum Nichtsein, welches mit dem Begriff der „Leere“ umschrieben wird. Nishitani erörtert den Begriff der „Leere“ äußerst subtil, welcher dadurch jedoch keineswegs realer wird. Aus seiner Leerheits-Philosophie heraus wirkt auch die entsprechende Ethik flach und nicht wirklich überzeugend. Wahrhafte Verantwortung (z. B. im christlichen Sinne) kann diese Art Philosophie nicht erfassen. Und ein Sinn der Geschichte ist für ihn letzten Endes nicht vorhanden, was von seinem Standpunkt aus verständlich ist, da er die Persönlichkeit als ganzheitliches Zentrum nicht anerkennt. Weiterhin schrieb Nishitani sinngemäß im oben genannten Buch (S. 311), daß dem Buddhismus ein umfassenderes Geschichtsbewußtsein fehlt. Er diskutiert jedoch nicht die Konsequenzen, die sich teilweise aus dieser Tatsache ergeben. Nach meiner Einschätzung kann aber gerade aus diesem Grunde eine tiefgründige eschatologische Metaphysik (siehe Berdjajew) vom Standpunkt des Buddhismus aus nicht entwickelt werden.
Was mir insgesamt auffiel: Da wir das Nichts an sich nur spekulativ erfassen können (das ist zumindest meine unerschütterliche Auffassung), fällt somit auch Nishitanis „Philosophie“ bemerkenswert spekulativ aus. Darin liegt vielleicht sogar die entscheidende Teilwahrheit seines Ansatzes. Wir können uns hinsichtlich der „Leere“ oder des Nichts nicht festlegen. Aber von unserer erlebten Fülle her, die das Nichts einschließt, ist ein Denken über das Nichts möglich. Und wenn auch immer wieder gesagt wird, daß man das Nichts mit der buddhistischen Leere nicht gleichsetzen darf, so gilt das von meinem Standpunkt aus nur deshalb, weil der buddhistische Begriff der Leere eine unangemessene Uminterpretation des Nichts darstellt.
…
Viele Grüße
Ihr Dirk Hübner
(geschrieben am 8.8.01)
Hallo ...,
ich werde mal kurz Schritt für Schritt Deinen Text durchgehen und meine Ansichten formulieren:
Ich sehe den Unterschied zwischen dem Sein und dem Seienden anders: Sein impliziert vorrangig Wandellosigkeit, das Seiende dagegen Bewegung. Sein ist für mich vor allem etwas Festgelegtes, Wandelloses, und Wilbers „GEIST“ ist genau so gemeint, da gebe ich Dir recht. Sein kann natürlich immer statisch oder dynamisch ausgelegt werden. Der Begriff des Seins ist nicht eindeutig. Für mich gibt es nur den subjektiv Seienden, nicht das Seiende als ein Objekt. Der Seiende ist der Existierende, das Subjekt des Gewahrens. Das ist ein inneres Ereignis. Ich finde, man kann die materielle Welt und den Gedanken nicht in einen Topf werfen. Die Musik, die ich höre, höre ich innerlich, subjektiv. Äußerlich-materiell sind die entsprechenden Schallwellen. Die Objekte, die ich gewahre, gewahre ich subjektiv, niemals als Objekt selber. Objekte dringen von außen in mich ein, sie stehen mir aber gegenüber und befinden sich nicht als materielle Dinge in mir. Zu den Dingen kann ich mich nur äußerlich in ein Verhältnis setzen, aber niemals innerlich direkt. Innerlich gewahre ich immer irgendeine subjektive Form der Dinge als Form des Geistes. Aber im Verhältnis zu Gott gewahre ich die subjektiv-existentielle Wahrheit, sofern ich zu einem schöpferischen Verhältnis zu Gott in der Lage bin – für die Offenbarung der Gnade Gottes gibt es keine Garantien. Das verlangt von uns, daß wir uns für unseren wahren menschlichen Kern freimachen, was nicht immer im Sinne der notwendigen Welt, der Welt der funktionellen Pflichterfüllung, ist und die Sache nicht gerade leicht macht, weshalb es oft leichter ist, Gott zu meiden, als Ihn gemeinschaftlich in sich im Widerspruch zur Welt zu verwirklichen. Ich glaube, daß wir zu keinem Ergebnis kommen, solange wir immer wieder versuchen, das Seiende außerhalb des Menschen zu suchen. Außerhalb von uns irgendeine Art höherer, aber vor allem abstrakter Existenz zu vermuten, und sei sie noch so subtil, führt in die Sackgasse. An dieser Stelle kann ich Dich auf meine Fortsetzung (Teil 5 – Berdjajew kontra Wilber – meine Homepage) verweisen. Der wahrhaft christliche Gott ist nicht gleich Brahman (als Weltseele, die alles schafft und wieder in sich zurücknimmt). Denn Brahman war nach dem Hinduismus schon vor dem Menschen da, Gott nicht. Gott ist nur im Menschen wirksam als unser geistiger Wesensgrund. Man muß schon einen Unterschied machen zwischen Evolution in der Natur und der Entwicklung im Menschen. Der Mensch ist innerlich frei zu schaffen aus seinem Verhältnis zu seinem göttlichen Wesenskern. Evolution ist vorrangig Unvermeidlichkeit, Notwendigkeit in der Natur. Entwicklung im Menschen ist Schaffen, ist Realisierung der Persönlichkeit, wozu aber keine Notwendigkeit besteht. Evolution ist die Wirksamkeit des Geistes, Gottes als Sinn (und nicht als geistige Person) in der Natur. Evolution schreitet mit Notwendigkeit voran, die innermenschliche Entwicklung mit Freiheit.
Wenn Du schreibst, daß Sein am Anfang reine Transparenz ist, woher nimmst Du diese Erkenntnis? Hast Du sie selbst erfahren oder nimmst Du diese Erkenntnis spekulativ an, durch Denken? Daß am Anfang reine Transparenz vorhanden sein soll, kann ich nur dahingehend bestätigen, daß diese Transparenz von niemanden und nichts direkt wahrgenommen werden kann, da sie das Nichts selber ist. Zum Nichts haben wir als Menschen keinen direkten, sondern nur einen spekulativen Zugang. Aber die Voraussetzung eines Nichts (gleich unergründliche Freiheit, Ungrund) kann nur angenommen werden, da es auch eine Welt der Differenz, des „Seins“ im materiellen und existentiellen Sinne gibt (siehe meine Fortsetzung Teil 5). Aber hier muß ich deutlich unterstreichen, daß existentielle Wahrheit immer differenzierte Einheit des Menschen mit Gott ist. Und auch Selbsterkenntnis bedarf immer des Vorhandenseins eines von der Person getragenen Bewußtseins, einer bewußten Persönlichkeit, die sich erkennt, aber darüber habe ich in meiner Kritik schon ausführlich geschrieben. Meine Persönlichkeit ist einzigartig wie Deine und jede andere auch. Mit der unzähligen Anzahl mir möglicher Persönlichkeiten kann ich nur mein niederes Rollenbewußtsein beschreiben, welches in der Tat in sich gefangen ist. Aber Rollenbewußtsein hat nichts mehr mit Persönlichkeit zu tun. Das Feld des Unbenennbaren, welches Du hinter oder über der Persönlichkeit spekulativ vermutest, ist immer das völlig eigenschaftslose Nichts und ist vollkommen unpersönlich. In dieser Frage habe ich auch mit Heidegger so meine Probleme, dessen Philosophie eben letztlich unverständlich bleiben muß, da er immer nur wieder den Weg des „Nichtens“ behauptet und von diesem Standpunkt aus keine Antworten hinsichtlich unserer Welt geben kann. Natürlich hat sich auch Heidegger zu unserer Welt geäußert, aber aus der Quintessenz seiner Philosophie heraus hätte er das eigentlich gar nicht können. Der „Große Tod“, das absolute Einssein, hat mit dem Symbol der Kreuzigung nichts zu tun. Der Unterschied ist die Verantwortungslosigkeit gegenüber dieser Welt, die der „Große Tod“ nach sich zieht. Die Kreuzigung ist immer auch die Last des Leidens in dieser Welt, aber des Leidens überhaupt, durch welches wir die Welt in uns aufnehmen und an ihrer Verwirklichung mitwirken. Die Kreuzigung ist letzten Endes das Wunder einer Person, Jesus Christus, der alles in sich auf einzigartige Weise vereinen kann. Und in dieser Hinsicht verstehe ich mich und alle Menschen letztlich christlich. Es gibt gar keinen ursächlichen Schöpfergott, denn ursächlich kann nur unergründliche Freiheit als ungeschaffener Geist bzw. die Gottheit oder das Nichts (spekulativ-intuitiv) angenommen werden. Geschaffen, geschöpft wird erst in einer differenzierten Welt allerdings aus einem nichtkausalen, unergründlichen Nichts heraus. Das Nichts für sich schafft nichts. Zum Absoluten habe ich mich auch im 5. Teil (Berdjajew kontra Wilber) geäußert.
Es gibt keine höchste Persönlichkeit. Das hierarchische Prinzip entfällt für die Persönlichkeit an sich! Entweder Du hast eine Persönlichkeit oder nicht. Sie kann im Höchstfall halbverdeckt, zerrissen bzw. nicht voll realisiert sein, sie ist jedoch immer einzigartig und unverwechselbar dynamisch in Dir wahrnehmbar. Bei Wilber entfällt das hierarchische Prinzip beim absoluten GEIST. Die letztere Auffassung steht im wesentlichen Gegensatz zu meiner. Und die höchste Freiheit ist nicht die Freiheit, zu wählen, sondern die Freiheit, nachdem man die Wahl getroffen hat – unmittelbar. Die gewählte Freiheit ist eine schöpferisch-dynamische Fülle des Lebens in mir. Bewegung ist das grundlegendste Prinzip.
Ich erhebe mit dieser Antwort natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit und erschöpfende Darlegung. Ich denke mal, so wie sich mir Deine Gedanken darstellen, gibt es doch in unseren Anschauungen grundsätzliche Differenzen. Letzten Endes ist es auch immer eine Frage des eigenen Glaubens.
Mit freundlichen Grüßen
Dirk
(Meine Antwort auf Reaktion vom 10.8.01)
Hallo ...,
doch habe ich einen direkten Zugang, aber nicht zu Deinem konkreten Faktenwissen, zu Deinen individuellen Gedanken, welcher Art auch immer. Darüber kannst Du mir was erzählen. Aber über dieses Faktenwissen hinaus tragen wir – Du und ich und alle – mehr oder weniger eine Intuition in uns, die das, was wir uns erzählen, bewertet. Ansonsten könntest Du mir noch so viel erzählen, ich könnte damit nichts anfangen. Und diese Intuition meine ich, die mir partizipierend einen direkten Zugang zu Dir verschafft. Wir kommunizieren hier im Forum nur über das Medium Sprache, und das verhindert natürlich einen direkten Zugang zum ganzen Menschen, wenn dieser vor mir steht und ich ihn als ganzen wahrnehmen kann (Mimik, Gestik, die Sprechweise usw.). Und wenn ein ganzer Mensch vor mir steht, sehe ich ihn von innen heraus immer auch ganz. Ich sehe den Menschen niemals rein intellektuell-sezierend, auf diese Weise würde er mir als ganzer und vor allem innerlicher Mensch unverständlich bleiben. Schon an der Art und Weise, wie Du schreibst, kann ich unmittelbar mehr erkennen als die reinen Informationen hergeben. Manchmal erkennen wir eben auch Hintergründe, die wir nicht direkt aussprechen wollen oder können. Und oft ist das, was wir nicht aussprechen, viel wesentlicher als die reine Information und sagt mir über den entsprechenden Menschen mehr Wahres.
Ich meine, die wahre Beziehung realisiert der Mensch über Gott. Über Gott, über die Liebe als höchste, wertende Intuition, finde ich den direkten Zugang zu einem anderen Menschen. Das werde ich unmittelbar in der nächsten Fortsetzung meiner Kritik näher beleuchten.
Und zwischen Interpretation und unmittelbar wertender Intuition besteht ein gewaltiger Unterschied, genauso wie zwischen Kommunikation und Partizipation. Oder hältst Du die „Liebe auf den ersten Blick“ für eine Illusion? Für mich ist sie eine real sich ereignende wahrhaftige Erfahrung in unserem Leben, durch welche wir unerwartet und plötzlich einen unmittelbaren Zugang zu der unermeßlichen Tiefe eines anderen Menschen finden.
Überhaupt halte ich die naturwissenschaftliche Erkenntnis nur für sekundär. Naturwissenschaftliche Erkenntnis ist vermittelte und keine intuitiv-direkte Erkenntnis, die immer nur der innerliche Mensch vollziehen kann, auch wenn diese innerliche Erkenntnis immer gemeinschaftlich ist. Die Liebe setzt immer den anderen voraus. Durch die Liebe vollziehe ich die Einheit von Ich und Du im Wir – und dies geschieht im individuellen Menschen konkret. Im inneren Menschen ereignet sich höchste Wahrheit. Diese ist die erlebte Fülle des Lebens und befähigt mich zum freien, direkten Zugang zur Welt überhaupt und zum Menschen insbesondere. Vermittelte Wahrheit (Naturwissenschaft, aber auch Geisteswissenschaften) ist und bleibt Teilwahrheit, daran gibt es für mich nichts zu rütteln. Wissenschaft integriert nur im rationalen, aber niemals im spirituellen Sinne. Wissenschaft hat dennoch einen positiven Wert, sie ermöglicht uns ein Zurechtfinden in der Welt der Objekte, worauf wir in keiner Weise verzichten können.
Das soll erst einmal genügen.
Grüße Dirk H.
(Meine Antwort auf Reaktion vom 22.8.01)
Hallo ...,
Du sagst:
● Diese absolute Wahrheit als „Kennbares“, gibt es nicht. Unser Begriffsvermögen ist nicht imstande, alle Elemente unseres Begriffsvermögens zu übersehen.
In diesem Punkt stimme ich Dir zu.
● Für die erste Ursache liegt es anders. Auf dieser Ebene gibt es nichts Unwahres. Und also auch kein Wahres!!
● Man könnte sagen: Wahr ist das Sein, das pure Sein. Wenn wir uns das pure Sein vergegenwärtigen können, sind wir in der Wahrheit … aber nur, weil es dort keine Unwahrheit gibt.
Ich frage Dich: Hast Du Dir das pure Sein schon einmal vergegenwärtigt, oder ist es nur Dein Gedankenspiel, Deine Spekulation? Und: Was verbindest Du mit dem Begriff „Sein“, ein meditatives Aufgelöstsein, leer werden, um nur noch Betrachter als das Betrachtete zu sein, oder die fortwährende Offenbarung der Lebendigkeit, der inneren Bewegtheit und Fülle in Dir, der Zuwendung zu anderen Menschen und zum Leben auf dieser Welt überhaupt? Letzteres setzt aber voraus, daß man einen Dialog, eine Zwei-Einheit anerkennt, während ersteres die absolute Einheit, d. h. „nicht-zwei“ (Wilber: Eros, Kosmos …), behauptet. Das sind zwei grundverschiedene Herangehensweisen. Ich bezweifle, daß es ein pures Sein als ein „leeres Zeugen-Gewahrsein“ gibt, daß wir dieses pure Sein vergegenwärtigen können. Und ich denke, dieses pure Sein ist ganz und gar das Konstrukt unseres Denkens, reine Ontologie.
Und: Wenn Du behauptest, daß das pure Sein wahr ist, weil es dort keine Unwahrheit gibt, so frage ich mich, in welcher Hinsicht es dann wahr ist. Als etwas Absolutes, das über allem schwebt und nichts an sich heranläßt und nichts anderes duldet, außer sich selbst? Und selbst wenn alles schon pures Sein ist und wir es nur nicht wahrhaben wollen, warum gibt es dann überhaupt eine Intuition für Wahrheit und Unwahrheit? Oder ist diese Intuition auch nur Illusion, da ja alles gleichermaßen weder wahr noch unwahr ist? Und wenn alles vom Grunde her weder wahr noch unwahr ist, so frage ich mich, weshalb überhaupt irgendetwas in Erscheinung treten kann, wenn es nur diese erste Ursache als Ausgangspunkt und Ziel gibt? Wie kann aus einem Nichts etwas hervorgehen, wenn wiederum dieses Nichts der Maßstab ist, in den alles zurückkehren muß? Ist das Nichts bzw. die „Leere“ die wahrhaftige Richtung der Bewegung der Erscheinungen? Aber wenn auch dieses Nichts kein Maßstab ist, weil ja dieses Nichts (das weder wahr noch unwahr ist) kein Maßstab sein kann, ist jede Erscheinung in dieser Welt absolut haltlos und unkoordiniert und völlig unerklärlich. Und durch die Behauptung (z.B. von Wilber), daß Antworten auf all diese Fragen von unserem Denken her nicht möglich sind, weil nur die Erleuchtung uns eine völlig wortlose Antwort geben kann, wird natürlich jeder dazu verpflichtet sein, erst einmal den Zustand der Erleuchtung zu erreichen. Und wenn er dann erleuchtet ist, sind sowieso alle Fragen beantwortet und wir müssen uns nicht mehr mit all den lästigen Widersprüchen unseres konstruierten Denkens auseinandersetzen. Es wird hier ein totaler Bruch zwischen der Wahrheit an sich und den relativen Wahrheiten vorgenommen. Wenn man daran glauben will, bitte.
…
Gruß Dirk H.
(Bemerkung zu dieser Reaktion: Für mich wird authentisches Denken immer vom existentiellen Grund motiviert. Bewußtsein, Denken und existentielle Intuition bilden eine Einheit in der Person.)
(Meine Antwort auf Reaktion vom 24.8.01)
Hallo ...,
wenn man solche Begriffsverbindungen wie „pures Sein“ verwendet, muß man damit rechnen, daß andere sich damit auseinandersetzen und vielleicht sogar Zweifel anmelden. Und für mich ist insbesondere wichtig, daß man über die weiterreichenden Konsequenzen einer spirituellen Erfahrung auch spricht, damit sich in dieser Welt etwas ändern kann. In diesem Zusammenhang ist es schon wichtig, auch über den Inhalt der Worte nachzudenken und diese in den Kontext der eigenen Erfahrungen zu stellen. Und wahrhaft spirituelle Erfahrungen erkenne ich daran, ob sie in einem tiefen Zusammenhang mit unserem ganzen widersprüchlichen und paradoxen Leben stehen. Wahrhaft spirituelle Erfahrungen bilden die Voraussetzung für ein bewegtes und bewegendes Leben. Es geht für mich eben nicht nur um ein „direktes Verstehen“, wie Du schreibst, sondern um meine innerliche Veränderung, um meine innerliche Bewegung. Wilber klammert Bewegung als ein geistiges Phänomen innerhalb einer Erleuchtungserfahrung eindeutig aus. Darüber sollte man sich schon klar sein, wenn man sich einer Meditationsübung unterzieht. Und wenn Du auch schon 10 Jahre meditierst, so bedeutet es für mich gar nichts. Wichtig ist für mich vor allem der Mensch, der sich mir authentisch und liebevoll zu erkennen gibt. – Letzteres bildet für mich die Grundlage für alle echten Beziehungen. Und ich spreche auch Wilber einen persönlich-liebevollen Umgang mit den Menschen nicht ab, aber dieser findet in seiner „Philosophie“ keinen wahrhaften Niederschlag. Er verlangt als Voraussetzung für die höchsten Einsichten immer eine Entpersönlichung, was zu einer kalten und lieblosen Welt von „selbstbezogenen“ Meditierenden führt. Und jedes wahrhaftige Mitleid ist immer persönliches Mitleid. Wenn der Buddhist wirkliches Mitleid fordert, so kann er es immer nur im christlichen Sinne tun, nicht im persönlichkeitsauflösenden buddhistischen.
Eine Erfahrung kann nicht einfach so wegdiskutiert werden, da gebe ich Dir Recht. Aber es sind nicht alles echte Erfahrungen, sondern sehr oft antrainierte und unauthentische. Und vor allem die unauthentischen Erfahrungen können einem Menschen immer wieder zugänglich sein, sie sind quasi nach erfolgter und vorgegebener Übung (z. B. „Injunktion“) abrufbar. Für echte Erfahrungen gibt es keine vorgegebenen Übungen. Sie sind eben authentisch und unwiederholbar einzigartig. Echte Erfahrungen müssen sich immer wieder neu ereignen, aus dem Leben heraus. Gerade die unauthentischen Erfahrungen bilden in diesem Leben ein Schutzschild gegen das wahrhaft-geistige bzw. ganzheitliche Leben, ein Leben, welches den Schmerz und das Leid nicht meidet in der Auseinandersetzung mit einer gegenwärtig durch und durch verlogenen Welt. Der alltäglichen Lüge in dieser Welt kann man z. B. persönlich in den unechten bzw. gekünstelten Umgangsformen der Menschen untereinander begegnen; es geht meist immer um irgendetwas anderes, aber vor allem nicht um den konkreten Menschen. – Der Mensch wird heutzutage vorrangig als ein sekundäres Funktionswesen im System behandelt, da helfen auch keine Schönredereien, z. B. von Politikern, hinweg.
Zur „Fülle“ und „Leere“ hatte ich mich in diesem Forum (KenWilber-de) schon intensiv zu Wort gemeldet. Das wiederhole ich jetzt nicht noch einmal.
Gruß Dirk H.
(Meine Antwort auf Reaktion vom 27.8.01)
Hallo ...,
nenne mir bitte eine buddhistisch orientierte Philosophie (Autor, Buch o. Ä.), in welcher vom Grunde her das Prinzip der Persönlichkeit Priorität hat. Und selbst wenn es solch eine Philosophie geben sollte, was ich nicht ausschließen möchte, so sprengt sie dennoch den Rahmen der buddhistischen Grundhaltung, z. B. von Leere-ist-Form oder Satori oder Nirwana usw., in der die Persönlichkeit verschwindet bzw. nur einen Teil des Weltganzen ausmacht. Ich denke nicht, daß ich einem Vorurteil erlegen bin. Ich habe dazu auch in meinem 5. Teil (Berdjajew kontra Wilber) Stellung bezogen. Ausgehend von der buddhistischen Grundhaltung des Absoluten ist wahrhaftiges Mitleid nicht möglich. Meine Kritik an Wilber zielt genau in diese Richtung.
Ich behaupte keinen Absolutheitsanspruch des Christentums. Wenn ich sage „im christlichen Sinne“, so könnte man für das Wort „christlich“ auch synonym das Wort „persönlich“ (im geistigen Sinne und nicht im egozentrischen) verwenden. Beide Worte sind für mich austauschbar. Für das Wort „buddhistisch“ trifft das nicht zu. Im Sinne von „persönlich“ gibt es nichts Absolutes, denn Persönlichkeit setzt Zwei-Einheit bzw. Gemeinschaft voraus. Das alles kommt aber vertieft auch in meiner Kritik „Berdjajew kontra Wilber“ zum Ausdruck. Deine Kritik bezüglich eines Absolutheitsanspruches meinerseits ist nicht berechtigt! Im Sinne von „persönlich“ muß kein Mensch zunächst in Berührung mit sogenannten „christlichen Idealen“ kommen. Persönliche Einsichten sind uns von vornherein gegeben. Man könnte aber auch sagen, christliche Einsichten sind uns von vornherein gegeben. Von buddhistischen Einsichten könnte man es meiner Meinung nach überhaupt nicht sagen, auch wenn dies z. B. von Wilber behauptet wird – aber das ist reine Spekulation über etwas menschenfernes Absolutes.
Wenn ich von einer (wahrhaft) christlichen Philosophie spreche, so meine ich damit eine existentialistische oder personalistische oder ganzheitliche Philosophie. Mir geht es nicht um die Verteidigung oder Vorrangstellung der christlichen Kirchenlehre oder des historischen Christentums, welches vollkommen versagt hat. Ich stelle nicht das Christentum und den Buddhismus als historische Ereignisse gegenüber oder beziehe in dieser Hinsicht gar Stellung für das erstere. Für mich geht es um den Wesenskern, um die Grundannahmen dieser beiden Strömungen und nicht um deren historische Ausformungen und Verirrungen, insbesondere des Christentums. Über die Verirrungen und Verbrechen des Christentums ist ja nun wahrlich viel geschrieben worden, so daß ich nicht auch noch eine detaillierte Darstellung zu diesem Thema abliefern muß, ehe ich mich auf grundsätzliche Fragen einlassen darf.
Ich bezweifle auf keinen Fall und kann nur bestätigen, daß die Christen in der Vergangenheit oft alles andere als Christen im eigentlichen Sinne des Wortes waren. Die historische Kirche und die damit zusammenhängende Inquisition sind ein beredtes Beispiel für den Niedergang bzw. die Verneinung christlicher Nächstenliebe. Das historische Christentum hat seine eigenen Grundlagen verraten und muß verschwinden.
Ich ergreife gar nicht vehement Partei für die „christliche Lehre“ und schon gar nicht in ihrer scholastischen Ausformung. Wie kommst Du auf so etwas? Ich schreibe nur über das, was ich selber, aus eigenen Erfahrungen, nachvollziehen kann; christliche Weisheit beurteile ich streng nach diesem Maßstab! Die „christliche Lehre“ in ihrem ganzen Umfang ist mir übrigens nur sehr unvollkommen bekannt. Da habe ich echte Wissenslücken, aber das ist nicht unbedingt von Nachteil – ganz im Gegenteil; die meiner Meinung nach fundiertesten Einsichten in die christliche Weisheit habe ich in letzter Zeit vor allem über die Bücher von Berdjajew vermittelt bekommen. Dieser Autor hat das historische, autoritätshörige Christentum überwunden und forderte eine neue, eine innere und gemeinschaftliche „Kirche“. Davon bin ich begeistert. Für Berdjajew (und auch für mich) steht christliche Weisheit nicht als ein Dogma im Raum, sondern muß innerlich neu von jedem Menschen geschaffen und erlebt werden; christliche Weisheit bzw. Wahrheit kann sich so gesehen in jedem Menschen auf einzigartige und unverwechselbare Weise offenbaren. Der Mensch als Zentrum gottmenschlicher Offenbarung steht im Mittelpunkt wahrhaft christlicher Philosophie und wird nicht einem Absoluten und Uncharakterisierbaren und somit Abstrakten untergeordnet. Die Gefahr des Überwältigwerdens der Menschen durch den Glauben an ein Absolutes sehe ich insbesondere in jüngster Zeit. Diese Gefahr sah Berdjajew auch schon. Die Ausformungen buddhistischer Weisheit, insbesondere in der westlichen Hemisphäre (dazu zählen auch fernöstliche Länder wie Japan), unterlaufen das dynamische Persönlichkeitsprinzip als das maßgebende. Aber vielleicht kannst Du mir auch Gegenbeispiele nennen?
Auch von Nikolaus von Kues und Thomas von Aquin besitze ich nur vermittelte Kenntnisse, insbesondere von Berdjajew, aber auch anderen Autoren usw. usf. Ich halte mich aber dennoch nicht zurück, auch wenn ich nicht alle großen Philosophen studiert habe. Das schaffe ich sowieso nicht! Das schaffen die meisten Menschen nicht, das ist nur wenigen vorbehalten. Aber alle Menschen sind zu wahrhaft tiefen Einsichten und zur Verwirklichung dieser fähig, das macht den wahrhaftigen Kern christlicher Eschatologie aus – alle Menschen müssen sich erlösen und gemeinschaftlich verwirklichen. Und keiner darf und kann zurückgelassen werden, das widerspräche dem überaus komplexen Gebot der Nächstenliebe und würde die gemeinschaftliche Verwirklichung ausschließen. Die Selbstverwirklichung jedes einzelnen Menschen erfordert dessen zu realisierende Persönlichkeit als das Grundprinzip der Gemeinschaft. Wie gesagt, das historische Christentum hat versagt, vor allem, weil es dem Prinzip der Macht, der Notwendigkeit, dem Allgemeinen huldigte.
Du schreibst: „Dieser Satz, der – durch und durch verlogenen Welt- ist für mich bereits eine halbe Lüge. Ist das so einfach, da die böse und verlogene Welt und hier der wahre Mensch, oder umgekehrt, hier das wahre Jerusalem und dort draußen die bösen verlogenen Menschen?“ – Zunächst einmal sind solche Aussagen wie die „bösen, verlogenen Menschen“ sehr zweischneidig, und ich würde derartiges undifferenziert auch nicht von mir geben. Böse ist das Verlogene im Menschen, nicht der Mensch an sich. Es ist die Aufgabe eines jeden Menschen, vorrangig die inneren, aber damit verbunden auch die äußeren Lügen im Leben und in der Welt überhaupt zu überwinden. Die Lösung vom christlichen Standpunkt aus besteht in der gemeinschaftlichen Verwirklichung der Persönlichkeit. Die Lösung der buddhistischen Philosophie ist grundsätzlich anders geartet, in ihr entschwindet die Persönlichkeit. Zum Problem der Persönlichkeit und den überpersönlichen Werten siehe den Anfang des 2. Teils meiner Kritik.
Nun tun wir doch nicht so, als ob die Lüge in dieser Welt nicht grassiert – ich denke da z. B. an die Hungerkatastrophen in der Dritten Welt (ist natürlich schön weit weg), mitverschuldet durch die „moderne“ westliche Ökonomie, in der menschliche Werte nur eine untergeordnete Rolle spielen, die Kriege, angezettelt teilweise durch den Westen (Kosovo, Vietnam usw.), die Umweltzerstörungen, hervorgerufen durch massenhaft pervertiertes Konsumverhalten usw. usf. Aber auch unser Zusammenleben im „modernen“ Westen ist alles andere als gemeinschaftlich und innerlich, es ist äußerlich und entpersönlicht. Wir sitzen alle im selben Boot, ja, und machen die Welt entsprechend unserer Geisteshaltung, die vorrangig eine autoritätshörige ist, kaputt. Der „liebe Gott“ hat sich zurückgezogen, ich würde sagen, er hat sich aus unserem mechanisierten Leben zurückgezogen, weil die göttlichen Prinzipien sich mit diesem Leben nicht vereinbaren lassen. Der Mensch verzichtet lieber auf seinen göttlichen Grund (z. B. Liebe, geistige Freiheit), um die vermeintliche Sicherheit des materiellen Konsums genießen zu können. Aber der Konsum von einer Sache schafft nur momentane Ablenkung, wir brauchen immer wieder neues Spielzeug, um nicht von unserer Leere und Oberflächlichkeit deprimiert zu werden. Ich beschreibe hier natürlich die Tendenz in unserer Gesellschaft; jeder Mensch hat potentiell die Freiheit, auszubrechen, z. B. in Richtung geistiger bzw. ganzheitlicher Verwirklichung.
Gott kann selber nicht in die Geschicke der Welt eingreifen, das kann nur der Mensch. Aber der Mensch und Gott sind gemeinschaftlich eine Zwei-Einheit (siehe auch meinen Beitrag: Was ist Gott?). Das wahrhaftige Wirken des Menschen in dieser Welt ist immer ein gottmenschliches. Das ist die Essenz der wahrhaft christlichen bzw. personalistischen Philosophie. Gott als ein Machtwesen war eine Übertragung menschlicher Mißverhältnisse und beschränkter Eigenschaften auf Gott selber – dies war ein Trugbild und hat die Menschen in Zaum gehalten. Das alles ist natürlich sehr kompliziert und von mir hier nicht erschöpfend darzustellen – Berdjajew hat das sehr gut aufgearbeitet.
„Psychotechniken“ allein werden gar nichts bewirken, stimmt grundlegend die Geisteshaltung nicht. Und auch Meditation als eine vom täglichen Leben gesondert durchgeführte Aktion schafft nur Illusionen. Und wahrhaftige Integration der Welt bedeutet vom personalistischen Standpunkt aus immer Veränderung der Welt entsprechend wahrhaft innermenschlichen, personalistischen, christlichen bzw. ethischen Werten und Einsichten. Aber ich will hier auch sagen, daß auch die Werte Zeit für ihre Entwicklung brauchen. Die Entwicklung der Werte vollzieht sich immer im Zusammenwirken mit der sich ständig ändernden inneren und äußeren Welt der Menschen. Schließlich werden vom Menschen im Leben neue Werte geschaffen, sie entspringen keinem abstrakten Evolutionsstrom. Werte lassen sich auch nicht von einem unpersönlichen Absoluten her erklären. Ohne den Menschen findet keine Wertung statt, abgesehen von höherentwickelten Tieren, denen man wohl auch ein ethisches Vermögen zusprechen kann.
Wenn Du behauptest, daß ich mir einbilde, nostalgisch an alten Weltbildern anknüpfen zu können und den Rest („moderne Welt“) dabei einfach zu ignorieren, so verstehst Du meine ganze Kritik nicht. Wenn ich die „moderne“ Welt kritisiere, verherrliche ich nicht zwangsläufig bzw. automatisch die alte, vergangene und ausgediente Welt. Darf man denn die „moderne“ Welt nicht mehr einer tiefgründigen Kritik unterziehen? Die historische Vergangenheit wird nicht wiederkommen. Wer das Gegenteil behauptet, den kann man zumindest in dieser Hinsicht als einen Reaktionär bezeichnen. Aber das Ewige war in der Vergangenheit und ist auch heute wirksam in den Menschen, und darüber zu sprechen, das ist eins meiner Anliegen.
Gruß Dirk H.
(Meine Antwort auf Reaktion vom 27.8.01)
Hallo ...,
Du:
● Keine Frage, aber kennst Du denn wahrhaft spirituelle Erfahrung?
Ich:
Alle Menschen machen täglich spirituelle Erfahrungen in dieser oder jener Form. Dazu gehören auch die Erfahrungen des geistigen Schmerzes und Leidens – gerade davon sind die Menschen in unserer Zeit voll, aber auch der Liebe und Freude, der Fülle des Lebens. Wer diese Erfahrungen nicht macht, der ist geistig tot. Aber ich sage eindeutig: Einen absolut geistig toten bzw. apathischen Menschen wird es nie geben. D. h., selbst der abgeklärteste Mensch besitzt noch eine Regung tiefen Gefühls und tiefer geistiger Emotion. Ich sage auch, daß quasi das ganze Leben eines Menschen immer ein meditatives Element beinhaltet. Dieses Element ist unser ständiger Begleiter. Dieses Element wird jedoch von den meisten Menschen nicht mit dem Wort „Meditation“ beschrieben, eher schon mit dem Wort „innere Versunkenheit“, „innere Beschaulichkeit“. Ich habe mich zum meditativen bzw. kontemplativen Versunkensein intensiv in meinem 3. Teil (Berdjajew kontra Wilber) geäußert, aber auch schon in diesem Forum. Aber es gibt auch eine Art „Entrücktheit“, ein spontanes Sich-Versenken, durch das ein Mensch sich selbst als Person kaum noch wahrnimmt. Diesen Zustand erlebte ich oft als Kind, wenn ich z. B. „interesselos“ einen Gegenstand ansah. Dieser Zustand war mit Entspannung verbunden, einem Gefühl des Sich-Fallenlassens und der Hingabe; aber diese Hingabe war keine Hingabe in der Form der Liebe zu etwas Konkretem in gemeinschaftlicher Verbundenheit, sondern ein Zurück zu einem undifferenzierten Aufgelöstsein, zu einem vorbewußten Nichtwissen. Jedoch verschwand ich niemals vollständig in dieser Entrücktheit. Und je mehr ich nach diesen Zuständen suchte, umso weniger ereigneten sich diese. Wenn ich hier im Forum oder bei Wilber die Beschreibung von Meditationserfahrungen verfolge, werden in mir genau diese Erinnerungen kindlicher Entrücktheit wachgerufen. Ich habe mich für den Weg der Persönlichkeit entschieden, weil ich am Leben teilnehmen will. Jedoch nehmen die Ereignisse im Leben eines Menschen oft eine derart leidens- bzw. schmerzvolle Richtung, daß der leidgeplagte Mensch gerade und oftmals nur durch die Momente des Entrücktseins, des selbstvergessenen Versunkenseins, Erleichterung erfahren kann. Schwere, schicksalhafte Krankheiten lassen sich teilweise ohne Momente des Entrücktseins nicht ertragen. Der positive und zu bejahende Effekt des selbstvergessenen Entrücktseins (eine momentane Erlösung von allem) stellt jedoch keineswegs das primäre Prinzip der Persönlichkeit in Frage. Den Zustand kindlicher Entrücktheit habe ich als Erwachsener nur noch ganz selten erlebt; doch je mehr ich mich als Persönlichkeit begriff, umso weniger war ich auf diese Zustände angewiesen; das hat auch damit etwas zu tun, daß mir persönlich kein unerträgliches Leid widerfahren ist und ich nicht auf Zustände erleichternder Entrücktheit angewiesen war. Das Ereignis der Entrücktheit (hervorgerufen z. B. auch durch autogenes Training) stellt an sich kein Problem dar. Aber zum Problem wird es, wenn man meint, in diesem Zustand verharren zu können und sich aller Leiden zu entledigen. Die permanente und leidensverneinende Hervorrufung von „Entrücktheitszuständen“ durch bestimmte Techniken verhindert die Realisierung der Persönlichkeit; „Entrücktheitszustände“ stellen in diesem Zusammenhang eine Art Weltflucht dar. Man möchte den Weg der Persönlichkeit meiden, da er im Widerspruch zur Herrschaft der Notwendigkeit in der Welt mit Leiden verbunden ist. „Entrücktheit“ als höchstes spirituelles Prinzip hat die absolute Überwindung des Leidens zum Ziel – und das ist für mich eine absolute Lüge. Und wahrhaftige Meditation ist vor allem keine „Entrücktheitsmeditation“.
Du:
● Direktes Verstehen ist Sein.
Du meinst, dieses Verstehen bzw. Sein ändert nichts?
Ich:
Direktes Verstehen ist nicht Sein im Sinne der Ontologie oder im Sinne des unbeschreibbaren Absoluten. Sein ist ein doppeldeutiges Wort. Sein kann dynamisches Existieren oder statische Wandellosigkeit bedeuten. Die erste Bedeutung ist mit Veränderung verbunden, die zweite nicht. Die zweite Bedeutung ist ein geistiges Konstrukt.
Du zum „reinen Sein“:
● Diese Erfahrung kann immer weiter vertieft werden und sie ändert buchstäblich alles Erleben im Leben. Wenn das keine Veränderung ist … und zwar in jedem Moment immer wieder neu.
Ich:
Wenn „reines Sein“ als etwas unbeschreibbar Absolutes gemeint ist, so ändert diese Erfahrung natürlich unsere Einstellung zum Leben und unser Erleben überhaupt, aber nicht zur Wahrhaftigkeit bzw. Authentizität hin.
Du:
● Die Erfahrung der sogenannten Leere kennt keine Veränderung in der Erfahrung. Es ist eine Erfahrung jenseits von nennbaren Eigenschaften und wird deshalb meist mit Nicht-Beschreibungen charakterisiert. Erleuchtung geht aber darüber hinaus und bleibt nicht in der Leere stecken. Dann gibt es auch keinen Unterschied zwischen Leere und Fülle mehr und eine intellektuelle Diskussion diesbezüglich ist recht sinnlos.
Ich:
Ich würde sagen, Du möchtest solch eine Diskussion nicht. Ich betrachte solch eine Diskussion überhaupt nicht als sinnlos, sie ist sogar sehr entscheidend, weil sich an dieser entscheidenden Stelle unsere Geister trennen. Wie gesagt, zur Fülle und Leere habe ich mich in diesem Forum schon geäußert.
Du:
● In diesem tiefergehenden Verständnis von Erleuchtung ist nichts ausgeschlossen. Ein Erleben irgendeiner Art gibt es nur als Wandel, eben als Veränderung. Dogen kam so zu der Erkenntnis, dass Zeit selbst das Sein ist. Und das ist keine metaphysische Spekulation, sondern in den Worten spiegelt sich sein Erleben. Damit ist Erleuchtung Veränderung, und zwar wieder nicht als logische Schlussfolgerung, sondern als direkte Erkenntnis.
Ich:
Erleben ist Wandel – ganz recht. Aber diese Feststellung steht im Widerspruch zu Deiner Aussage: „Die Erfahrung der sogenannten Leere kennt keine Veränderung in der Erfahrung.“ Und genau das ist mein Punkt. Wie willst Du die Leere dann erfahren bzw. erleben? Ich sage: Jede Erfahrung ist mit (geistiger) Bewegung verbunden; eine Erfahrung, die keine Veränderung in der Erfahrung kennt, gibt es nicht – sie ist nicht erfahrbar. Von einem „reinen Sein“ läßt sich die Annahme, daß das „reine Sein“ als wandelloses Sosein erfahrbar wäre, nur abstrahieren, aber es existiert ein „reines Sein“ nicht als geistige Realität in uns – aber ich gebe zu, das läßt sich nicht beweisen. Jedoch sehe ich das Denken, das aus der Annahme eines spekulativen Seins entspringt, und dieses Denken empfinde ich schon als lieblos und in diesem Sinne unauthentisch. Und von daher ist für mich die Annahme eines „reinen Seins“ unhaltbar. Wahrhaftig tiefe Erkenntnis ist für mich immer ein persönlicher Akt emotional-geistiger Leidenschaft, verbunden mit Freude aus dem LEIDEN UM DIE WELT heraus, und genau dieser Zusammenhang fehlt mir insbesondere auch bei Wilber. Übrigens: Wenn ich immer von „spekulativ“ spreche, so möchte ich mit diesem Wort andeuten, daß hier auch ein intuitives Element hineinspielt. Aber diese Intuition ereignet sich in der Persönlichkeit und wird anschließend z. B. zu der Annahme einer spekulativen Leere umgedeutet. Wenn man, weiter gefaßt, die Erleuchtung auf einen „Großen Zweifel“ (K. Nishitani/ buddhistische Philosophie) reduziert, stellt sich schon die Frage, was dann an der Welt überhaupt gut sein kann und in welcher Weise wir Menschen in ihr überhaupt wirksam werden können oder sollen?
Und die Formulierung – Zeit ist Sein – birgt ein völliges Durcheinander in sich. Hier sollte man erst einmal die Bedeutung der Begriffe klären. Was ist Zeit? Was ist Sein? Und die direkte Erkenntnis können wir nicht einfach mit „Zeit“ oder austauschbar mit „Sein“ beschreiben. Das ist in sich widersprüchlich. Wenn sich in diesen Worten – Zeit ist Sein – ein direktes Erleben widerspiegelt und damit wahrscheinlich eine innere Bewegtheit ausgedrückt werden soll, erkenne ich dies an. Aber innere Bewegtheit kennt jeder Mensch, es kommt jedoch auch auf die Art der Emotionen und Gefühle an, mit denen die Bewegtheit verbunden ist. Darüber Worte zu verlieren, ist gerade heute wichtiger denn je! Denn Emotionen und Gefühle können auf die Verwirklichung der Fülle des Lebens und der Persönlichkeit gerichtet sein und sind dann authentisch bzw. selbstbestimmt, oder sie können einen destruktiven, vernichtenden Charakter annehmen und sind dann unauthentisch bzw. VORRANGIG, aber nicht absolut, fremdbestimmt. Aber das ist alles noch sehr viel komplizierter und in der Kürze hier nicht darzustellen. Darüber hinaus will ich auch eindeutig festhalten, daß Emotionen und Gefühle von geistig grundlegender Natur sind. Jedes Denken ist mehr oder weniger von Emotionen und Gefühlen durchsetzt. Der Mensch ist zunächst, aus der Tiefe, ein emotional-leidenschaftliches und sekundär denkendes Wesen. Beide Aspekte werden im ganzheitlichen Menschen stets schöpferisch-bewußt vereint. Gerade der Begriff der Leere impliziert jedoch Leidenschaftslosigkeit.
Ich schrieb:
Und wenn Du auch schon 10 Jahre meditierst, so bedeutet es für mich gar nichts.
Du darauf:
● Wie auch -- Du bist meinen Weg ja nicht gegangen :-)
Ich:
Kann ich Deinen Weg denn überhaupt gehen? Ich kann Deinen Weg auf gar keinen Fall kopieren, selbst wenn ich mich auf Deine Art der Meditation einlassen würde; ich bliebe trotzdem ganz ich selbst! Aber wahrscheinlich würdest Du mir sagen, daß ich die Erleuchtung nur erfahre, wenn ich bereit bin, mein Selbst loszulassen und ganz identisch mit allem zu werden. Doch das kann man nur sagen, wenn man der Illusion erlegen ist, daß es eine Erfahrung ohne oder außerhalb oder über der Persönlichkeit gibt. Jede Erfahrung ist persönlich. Richtig ist auf jeden Fall, daß das Nichts (als unergründliche Freiheit) bzw. die Leere das grundlegendste Mysterium der ganzen Welt ist, aber nicht als existentielle Erfahrung. Das Nichts ist nicht das erfahrbare Mysterium. Das erfahrbare Mysterium ist immer die Fülle. Existentiell erfahren wir immer die differenzierte Fülle des Nichts, nicht das undifferenzierte Nichts an sich – das ist unmöglich. Wie oben schon gesagt, das Nichts (Leere) ist uns spekulativ zugänglich. Wir erleben jedoch zumindest immer eine Form der Fülle, die auch destruktiv sein kann.
Du:
● Die Liebe, die Du hier beschreibst, ist eine relative Liebe. Liebe kann viel tiefer reichen. Sie ist dann beides, unpersönlich und persönlich. Eine Polarisierung kann nicht vollkommene Liebe sein. Wilber spricht immer von Transzendieren und Integrieren. Das Unpersönliche schließt das Persönliche ein und wird nicht selbstbezogen, kalt und lieblos.
Ich:
Jeder Mensch, der WAHRHAFT leidenschaftlich liebt, liebt immer persönlich. Liebe braucht IMMER den Geliebten gegenüber. Der Geliebte ist jedoch nicht nur der Mensch, sondern in erster Linie der göttliche Grund in einem selber. Liebe ist innerste Gemeinschaft (vor allem mit dem göttlichen Grund und dem Menschen ZUGLEICH) und einzig wahrhaftige Überwindung der Einsamkeit. Niemals und nirgendwo in der Welt wurde unpersönlich geliebt. Das, was uns als allgemeine, unpersönliche Liebe zu allem in der Welt erscheint, ist immer nur die Projizierung des göttlichen Grundes, des persönlich-offenbarten Ewigen in uns selbst, nach außen. Aus mir heraus ist die Liebe immer persönlich und konkret; sie umfaßt auch materielle Dinge, Pflanzen, Tiere. Die allgemeine Liebe, die die absolute Identität mit allem behauptet, ist konstruiert. Die allgemeine, unterschiedslose Liebe entschwindet zwangsläufig in der absoluten Identität mit allem. Jeder kann das Gegenteil behaupten, aber nicht wirklich realisieren, denn wer oder was könnte in einer absoluten Identität noch lieben?? Die wahrhaftigste Liebe ist die gemeinschaftliche Liebe zum göttlichen bzw. wahrhaft sich offenbarenden menschlichen Grund im Menschen selber. Unpersönlichkeit ist Leidenschaftslosigkeit und entbehrt jeglicher Liebe. Unpersönlichkeit beherrscht unsere Gesellschaft. Unpersönlich lieben zu wollen, ist der Versuch, seine Gefühle und Emotionen zu beherrschen und alles unter Kontrolle zu halten. Man möchte nicht unter seinen Leidenschaften leiden und verhindert dadurch die Sublimierung niedere Leidenschaften zu höheren. Man meint, den Leidensweg nicht gehen zu müssen. Die leidenslose bzw. leidenschaftslose, emotionslose „Meditation“ lehne ich grundweg ab! Wahrhaftige Meditation ist gesättigt mit emotional-sublimierten Leidenschaften, mit Fülle. Eine allgemeine und unpersönliche, unterschiedslose „Liebe“ ist entweder eine Illusion (Projizierung des persönlich-einzigartigen, offenbarten Ewigen nach außen) oder eine Flucht aus Angst vor unseren wahrhaft authentischen bzw. persönlichen Gefühlen, die im Widerspruch zu einer Welt der Notwendigkeit stehen und in dieser gefallenen Welt behauptet werden müssen, will man sich nicht gänzlich verleugnen. Durch eine unpersönlich-gläserne „Liebe“ werden die Menschen krank.
Wenn Du sagst: „Das Unpersönliche schließt das Persönliche ein und wird nicht selbstbezogen, kalt und lieblos.“ Von welchem Aspekt der Liebe – vom unpersönlichen oder persönlichen – geht denn das Liebevolle und Nichtselbstbezogene und Nichtkalte aus? Wenn die Liebe vom Persönlichen ausgeht, welches vom übergeordneten Unpersönlichen umschlossen wird, so ist die Liebe nur sekundär. Dieser ganze Zusammenhang stellt sich als eine in sich unschlüssige Konstruktion dar. Die einzig vorstellbare Rolle, die eine persönliche Liebe in einem übergeordneten Unpersönlichen spielen kann, ist die der allgemeinen, gläsernen, unpersönlichen Liebe. Aber wie das geschehen soll, das ist vor allem eine unlösbare Denkaufgabe, wenn Liebe letztlich nur allgemein und nicht konkret ist.
Ich:
Eine Erfahrung kann nicht einfach so wegdiskutiert werden, da gebe ich Dir recht. Aber es sind nicht alles echte Erfahrungen, sondern sehr oft antrainierte und unauthentische.
Du:
● Was soll es bedeuten in diesem Kontext? Was könnten Deine Worte bedeuten? In diesem Zusammenhang am ehesten, dass Meditation antrainierte und unauthentische Erfahrungen erzeugt.
Wenn Du das glaubst, warum sagst Du es nicht? Nennst Du das authentisch? Wenn Du es nicht glaubst, warum schweifst Du dann in etwas ab, worum es vorher gar nicht ging? Ist das authentisch?
Ich:
Ich habe die Meditation nicht pauschal kritisiert. Authentische Meditation steht für mich in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem ganzen Leben. Dazu gehören auch Leiden, aber auch Freude, mein Weg und mein Leben in Verbindung mit der Geschichte unseres Lebens und der Welt überhaupt. Darüber hinaus siehe den Anfang dieses Beitrages.
Du:
● Du argumentierst immer wieder mit der Liebe, als würde dieses magische Wort irgendwie besser als Sein oder direktes Verstehen oder Leere oder Fülle oder sonstwas ausdrücken, was wirklich ist. Aber wo ist da wirklich der Unterschied?
Ich:
Im Leben geht es darum, sich für die Entrücktheit oder die Liebe zu entscheiden. Davon hängt die Wahrhaftigkeit unseres Handelns in dieser Welt ab. Übrigens besitzen magische Worte einen kontrollierenden, beherrschenden Zug. Das konnte Wilber auch schon bei Jean Gebser nachlesen. Die sogenannte magische Stufe korrespondiert mit der mental-rationalen. Liebe dagegen läßt sich nicht beherrschen und kann nicht beherrschen. Liebe entschwindet aus jeglicher Beziehung, wenn in der Beziehung autoritäre Charakterzüge VORHERRSCHEN. Liebe ist Freiheit, das ist meine persönliche Erfahrung. Persönlich geliebt zu werden, ist der Wunsch eines jeden Menschen. Unpersönliche „Liebe“ kann diesen Wunsch nicht erfüllen.
Du:
● Die einen nennen es so, die anderen so. Wenn Du unbedingt die christliche Ausdrucksweise bevorzugst, dann kannst Du ja
den kontemplativen Weg mit christlichen Texten gehen. Entscheidend ist doch, ob eine Transformation erfahren wird oder nicht.
Ich:
Entscheidend ist die Art der inneren Veränderung – ist sie destruktiv, persönlichkeitsauflösend oder erfüllend, persönlichkeitsrealisierend? In diesem Zusammenhang müssen auch christliche Texte dem kritischen Blick standhalten. Und wenn das Wort „christlich“ das Prinzip der Person hervorhebt, hat es sehr wohl eine andere Bedeutung als z. B. das Wort „Satori“ usw ...
Du:
● In Würzburg gibt es z. B. Pater Williges. Der ist Zen-Meister und Kontemplationslehrer. Er gehört in beiden Bereichen zu den großen Lehrern. Der sieht da keinen Unterschied und kann das gleiche genauso mit Liebe wie mit Leere darlegen.
Ich:
Man kann immer alles in einen Topf werfen. Entscheiden muß der einzelne Mensch persönlich, ob es wahr ist oder nicht.
Du:
● Du präsentierst uns hier mehr Deine Argumente als Deine Erfahrung, willst damit aber andere Beschreibungen ausschließen. Wem oder was soll das dienen? Dein Widerspruch Berdjajew kontra Wilber wird (so wie ich es wahrnehme) von Dir erst erzeugt.
Ich:
Es muß jeder selber entscheiden, ob meine Beiträge authentisch sind oder nicht. Ich argumentiere gegen alles, was von mir eine unauthentische Folgsamkeit bzw. Anpassung verlangt. Ich stehe zu dem Widerspruch „Berdjajew kontra Wilber“. Bei meiner ersten Berührung mit Berdjajews Philosophie bin auch ich mit der Vorstellung einer Übereinstimmung beider Autoren herangegangen. Das kann ich längst nicht mehr aufrechterhalten.
Du:
● Jede Beschreibung, jedes Wort, jeder Mensch und jedes Ding auf dieser Welt hat den gleichen Ursprung und der ist nicht außerhalb dieser Worte und Dinge. Wenn man das nicht glauben will oder kann, bleibt man halt bei einer dualistischen Weltsicht, schon weil es gar nicht anders geht.
Ich:
Der „gleiche Ursprung“ ist für mich die unergründliche Freiheit. Sie ist niemals und für niemanden in ihrer Absolutheit ergründlich. Hier scheiden sich unsere Geister, weil Du das Gegenteil behauptest – oder nicht? Das Ziel des Menschen ist für mich nicht dieser Ursprung an sich, sondern seine gelichtete Wahrheit. Zwischen Ursprung und Wahrheit besteht ein grundsätzlicher, himmelweiter Unterschied. Der Ursprung ist nicht Wahrheit, sondern unergründlich, uncharakterisierbar.
Du:
● Wer aber dahin(ter) schauen will, sollte sich nicht mit scheinbaren Widersprüchen aufhalten. Berdjajew und Wilber, Christentum und Buddhismus drücken es je auf ihre Art aus. Das Verlogene verschwindet, sobald es aus unserem eigenen Erleben verschwindet, einfach weil wir verstehen. Jenseits der Widersprüche liegt das erfüllende Sein und schließt dies alles ein.
Ich:
Wie gesagt, VOM GRUNDE HER kann man das Christentum und den Buddhismus nicht in einen Topf werfen. Wer das nicht akzeptiert, will meiner Meinung nach einer tieferen Auseinandersetzung zu diesem Thema aus dem Weg gehen. Die Offenbarung der Wahrheit ist letztlich jedoch nicht unmittelbar von einer differenzierenden Auseinandersetzung abhängig, sondern setzt diese Auseinandersetzung lediglich voraus. Die Auseinandersetzung mit den Widersprüchen des Lebens ist ein Moment auf dem Weg zur Wahrheit, die jeder Mensch in seinem Leben führen muß. Es gibt kein glattes und widerspruchloses Leben. Die Wahrheit ist die WAHRHAFTE Überwindung der Trennung der Widersprüche. Diese überwindende Wahrheit ist ein paradoxes Ereignis von Zwei-Einheit (z.B. die Einheit des Wandellosen und Wandelbaren, des Persönlichen und Überpersönlichen, des Immanenten und Transzendenten, des Endlichen und Unendlichen, des Zeitlichen und Überzeitlichen IN DER PERSÖNLICHKEIT).
Gruß Dirk H.
(Meine Antwort auf Reaktion vom 29.8.01)
Hallo ...,
kurz zu Deiner letzten Reaktion. Die „Menschen dieses Jahrhunderts“ lernen alles Mögliche, und ich denke, daß ich mit meinen teilweise entlehnten Begriffen diese Menschen nicht überfordere. Auf Berdjajew konnte ich mich ziemlich schnell einstellen, vor allem weil ich es wollte – diese Voraussetzung reicht meistens aus, um einen anderen Autor zu verstehen. So erging es mir zuvor auch mit Wilber. Man muß sich mit dem, was ich schreibe, nicht befassen, es ist von mir nur ein Angebot. Freiheit ist das höchste Gebot.
Auf die Frage, wie sich dieses „ganzheitliche Verwirklichtsein“ anfühlt, möchte ich immer wieder und vor allem auf die Liebe verweisen. Die Liebe ist die Erfahrung im Leben, die in irgendeiner Form jeder Mensch AUF EINZIGARTIGE WEISE macht. Für den komplexen (ganzheitlichen) Umgang mit dem Liebes-Phänomen wird es nach meiner tiefsten Überzeugung keine detaillierten Anweisungen geben. Hier beginnt der Weg, den letztlich jeder eigenverantwortlich zur wahrhaftigen Gemeinschaft hin gehen muß. Gäbe es Anweisungen, wäre die Freiheit des einzelnen Menschen dahin. Wenn hinsichtlich der Anweisungen „heute christliche Ansätze reihenweise aussteigen müssen“, sehe ich darin einen Vorzug.
Ich möchte an dieser Stelle auch einmal bekennen, daß ich eine Art „Entleerungs-Meditation“ nicht gänzlich für überflüssig halte. Auch ich habe mich für kurze Zeit daran versucht, um mich von der Notwendigkeitsforderung des gesellschaftlichen Betriebes lösen zu können. Es war für mich, angeregt u. a. durch Wilber, ein weiterer Schritt. Das erkenne ich auch heute noch an. Im weiteren Verlauf habe ich für mich erkannt, daß ich dabei jedoch nicht stehenbleiben kann. Wesentlich war für mich immer meine GEISTIGE TRAUER um die Welt und für die Wahrheit. Leiden ist für mich eine wesentliche Eigenschaft des Geistes selbst.
Es gibt keine „technische Anweisung“ für die gemeinschaftliche Verwirklichung. Gemeinschaftliche Verwirklichung setzt göttliche Intuition, Liebesintuition des einzelnen Menschen voraus, auf die er zur Gemeinschaft hin geistig-schöpferisch reagieren, mit der er geistig-schöpferisch umgehen muß. Vom Grunde her besitzt jeder Mensch eine Liebesintuition, egal welche Wege er im einzelnen letztlich geht. Oftmals verleugnet der Mensch seine Liebe, die selber göttlichen bzw. wahrhaft menschlichen Ursprungs ist.
Es gibt also keine vorhersagbare, berechenbare Lösung. Es gibt kein Patentrezept. Die Lösung kann nur eine gemeinschaftliche und eine schöpferische zugleich sein. Jedoch kann man die unabdingbaren Voraussetzungen benennen, die für eine gemeinschaftliche Verwirklichung vonnöten sind. In diesem Zusammenhang sehe ich z. B. den Unterschied zwischen einer christlichen und einer buddhistischen oder hinduistischen Herangehensweise.
Grüße
Dirk H.
(Meine Antwort auf Reaktion vom 6.9.01)
Hallo ...,
egozentrisches Leiden ist selbstbezogenes Leiden, das stimmt. Ich sehe aber einen Unterschied zwischen einem egozentrischen, oberflächlich-alltäglichen Leiden und einem tiefen geistigen Leiden, das durch Mitgefühl, Mitleid und Liebe dem Menschen, den Tieren, der Welt überhaupt gemeinschaftlich, aber immer konkret zugewandt ist. Das oberflächlich-alltägliche, selbstbezogene Leid wird der wahrhaftigen Verantwortung nicht gerecht; das wahrhaftige Leid ist höchste Verantwortung im Sinne von Partizipation (ich verweise diesbezüglich auf Berdjajew kontra Wilber Teil 5). Leiden ist eine paradoxe Angelegenheit: Wenn wir fordern würden, daß jedes Leiden verschwinden müßte, verhinderten wir damit die Auseinandersetzung mit dem Leiden, welches aus dem Umgang mit einer begrenzt-notwendigen Welt immer wieder entsteht. Unser ganzes Leben werden wir diese verantwortungsvolle Auseinandersetzung führen müssen, es sei denn, wir verlieren uns in Gleichgültigkeit und Apathie. Alltäglich-selbstbezogenes Leid ist nicht wirkliches Leid im tiefen Sinne des Wortes; existentielles, geistiges Leid ist der Zugang und die Liebe zur Welt, zu den Menschen, die unseres verändernden Einflusses bedürfen. Und über dieses zugewandte Leid realisiere ich mich selbst ...
Gruß Dirk H.
(Beitrag 6270 um den 20.9.01 herum von mir geschrieben)
Hallo A.,
Du (6240):
"Fragen wir Dirk doch einfach, wie Menschen es denn schaffen, frei zu sein im Leiden. Also Dirk, wie ist dies gemeint, wenn du sagst: »Und erst aus dem frei durchlebten Leid heraus empfinde ich tiefe Freude aufsteigen.«? Wie kommt es zu dem qualitativen Unterschied hier?“
Ich:
„Freude aus dem Leid heraus“ – das ist etwas Geheimnisvolles, das sich in der Tiefe der liebenden Persönlichkeit ereignet. Ich sehe den Unterschied darin, daß der Zeuge eine spekulativ-rationale Abstraktion darstellt, der eben nicht zugleich leidend ist, und daß die freie, geistig-liebende Person, welche Leid und Freude, Emotionen und Gefühle aus der Tiefe heraus gleichermaßen umfaßt, sich als eine wahrhaft zu erlebende spirituelle Realität im Menschen, als das wahrhaft Menschliche und Göttliche zugleich offenbart. Ob nun der Zeuge oder die (ganzheitlich-liebende) Person, es ist vor allem eine Glaubensfrage; und entsprechend der Behauptung, daß man sich über den sogenannten Zeugen nur nach erfolgter Injunktion eine Meinung bilden kann bzw. darf, muß ich S. recht geben: „Das macht eine Diskussion natürlich überflüssig.“ In diesem Zusammenhang muß ich mich auch gegenüber D. (sein Beitrag: 5849) dahingehend korrigieren, daß eine Diskussion über den Unterschied von Leere und Fülle wahrscheinlich wirklich sinnlos ist. Die Frage heißt also: Welcher Glaube ist authentisch? Für mich entscheidend ist auch folgende Frage: In welcher Beziehung steht mein Glaube zum Leben, zur Welt und vor allem zum Menschen? Und unter diesem Gesichtspunkt hat für mich UNTER ANDEREM das Leid absoluten Vorrang. Entsprechend des Beitrages von M. (6229), auf den ich noch eingehen werde (ist nicht erfolgt) [Dirk Hübner], steht der Zeuge immer außerhalb, auch wenn noch so subtil über diese Tatsache „hinwegphilosophiert“ wird. Es geht einfach nicht: ‚reines Zeugenbewußtsein’ und ‚Welt des Ego-Films‘ bleiben immer zwei und absolut getrennt und kommen niemals zusammen. Die gegenteilige Aussage ist für mich bloße Behauptung.
Freude und Leid stehen in einem unzertrennlichen Zusammenhang. Zum Beispiel ist die wahrhaft liebende Fürsorge einer Mutter zu ihrem Kind auch immer mit Leid verbunden, und dennoch erfreut sich aus dem Herzen heraus die Mutter an ihrem Kind. Ich will hier jetzt nicht die Gefahren leugnen, die natürlich in jedem Mutter-Kind-Verhältnis lauern, wenn die Mutter eine Art „Übereifer“ und „Überliebe“ an den Tag legt und das Mutter-Kind-Verhältnis krankhaft wird. Das authentische Leiden des Liebenden wahrt immer auch die Freiheit des Geliebten. Die wahrhaft liebende Mutter leidet nicht zwanghaft, sondern ihr Leid ist frei, ist eine Herzenssache und eine Freude. Diese Gedanken sind es wert, weitergeführt zu werden, aber leider sitzt mir die Zeit etwas im Nacken.
„Und erst aus dem frei durchlebten Leid heraus empfinde ich tiefe Freude aufsteigen.“? – Das ist meine persönliche Erfahrung. So habe ich geliebt, und so liebe ich. Ich kann jedoch nicht für andere sprechen. Mehr will ich jetzt dazu nicht sagen.
Du (6232):
● Das, was den Menschen, beim sinnlosen Leiden aus der Bahn wirft, ist für mich, in Bezug auf Drewermann, die Angst. Weniger Angst bedeutet mehr Freiheit. Das Zeugenbewusstsein hebt den Menschen zu der Fähigkeit, auch das Leiden zu integrieren. Deshalb bedeutet der Zeuge, ein Mehr an Freiheit.
Auch die Angst kann man von mehreren Seiten betrachten. Es gibt z. B. die natürliche Angst vor dem Tod. Sie ist die Angst vor den Schmerzen, die mit dem Tod verbunden sind. Diese Angst ist wohl kaum zu vermeiden. Warum auch? Diese Angst hat eine natürlich-biologische Funktion. Es gibt die erniedrigende Angst vor einer fremden Macht, der ich gehorche – damit hängt das „schlechte Gewissen“ zusammen. Dann gibt es die existentielle Angst vor dem Tod, die Angst, ins Bedeutungslose (eigentlich ins Ewige als abgeschiedene Gottheit – Eckhart) zu entschwinden. Von dem Gefühl der Bedeutungslosigkeit wird der Egozentriker geplagt, wogegen er massiv, eben egozentrisch, anzugehen versucht – ein Teufelskreis. Erst mit der Realisierung der (gottmenschlichen) Persönlichkeit ist das existentielle Problem des Ewigen zur Wahrheit hin fortwährend schöpferisch zu lösen und zu überwinden – davon bin ich überzeugt. „Weniger Angst bedeutet mehr Freiheit.“ Darin stimme ich mit Dir überein, wenn weniger Angst meint, daß ich mich von meinem wahrhaftigen, schöpferischen, nicht fremdbestimmten Gewissen bzw. in diesem Sinne „reinen Gewissen“ im Verhältnis zu meinem ganzen Leben leiten lasse. Unter einem „schöpferischen Gewissen“ verstehe ich kein endgültiges Gewissen als moralische Instanz; es ist immer ein im Leben zu realisierendes Gewissen zur Liebe als Wahrheit hin gemeint. Dieser Prozeß ist mit Schmerzen, mit Leid und Freude verbunden. In der schöpferischen Realisierung meines Herzens (Gewissens) empfinde ich immer auch Freude.
Sinnloses Leiden wird nicht automatisch von Angst hervorgerufen. Die Angst verhindert höchstens, daß wir uns dem sinnlosen Leiden widersetzen (z. B., wenn wir uns fortwährend als „biologische Funktionswesen bzw. -sklaven“ mißbrauchen lassen). Sinnloses Leiden herrschte jedoch auch im KZ, in Hiroshima, in Vietnam usw., bzw. herrscht eben jetzt in New York und darüber hinaus. Menschen waren sinnlosem Leiden ausgeliefert, die grundsätzlich keine Angst hatten – ganz im Gegenteil. Dieses Leiden ist nicht zu rechtfertigen und ist ein Auswurf des Bösen. In solchen Momenten haben Menschen Gott verflucht, und wer könnte das nicht verstehen … Aber es ist nicht Gott, der die Macht hat, Böses zu tun. Es ist die Macht selber, die in einer in sich verschlossenen Welt wütet. Macht verhindert Gott – in uns.
Das einzige, was ich an einer „Zeugenmeditation“ befürworten würde, ist, daß es dazu beitragen könnte, uns von einer Welt des Gehorsams und der Autoritäten zu befreien. In diesem Sinne stimme ich mit Dir überein, daß ein Zeuge ein Mehr an Freiheit mit sich bringen kann. Aber die Verabsolutierung des Zeugen verkehrt sich ins Gegenteil, ins Böse. Der Zeuge wird selber zu einer wahrheitsfeindlichen Autorität und verhindert inneres Leben. Der Zeuge muß unmittelbar von der ganzen Person integriert werden. Der Zeuge darf immer nur ein Moment sein – er ist nicht die Wahrheit. Und der Zeuge kann niemals reiner Zeuge werden, das wiederhole ich immer wieder.
Kurz noch zu Deiner Anfrage:
● Wie empfindet ihr nach den Ereignissen vom 11.9.2001 die Veränderungen des Lebensgefühls …
Ich denke, daß die meisten Menschen im Westen ihre eigene Lebensweise nicht wirklich aufrichtig hinterfragen wollen. Wahrscheinlich die meisten Europäer (davon gehe ich zurzeit aus) möchten zwar, daß alles friedlicher wird, aber können einfach nicht verstehen, daß der Unfrieden vor allem von uns „Reichen“ und unseren lebensfeindlichen Verhältnissen inner- und außerhalb von uns ausgeht. Europa kann sich schön hinter den USA verstecken. Dort hegen mittlerweile die meisten Menschen offensichtlich Rachegelüste und fordern sichtbare (militärische) Taten. Wir stecken VOR ALLEM in einer geistigen Krise, die wiederum eine ökonomische Krise zur Folge hat. Und unter einer ökonomischen Krise verstehe ich nicht eine „Wachstumskrise“, sondern ein auf endlos steigenden und neu hinzukommenden Verbrauch ausgerichtetes Wirtschaften – das ist die eigentliche Wirtschaftskrise, die umfassend zerstörend wirkt. Ich halte unsere sogenannte „freiheitlich demokratische Grundordnung“ schon an sich für ein versklavendes, den Menschen subtil zur Unmündigkeit verdammendes System. Anpassungsfähigkeit an die systemorientierten Vorgaben ist das Kriterium eines „erfolgreichen“ Lebens. Der Mensch entscheidet nicht persönlich, existentiell, ethisch, er entscheidet gemäß der Systemforderung. Das habe ich schon in der DDR erlebt. Das ist die Ideologie des Kapitalismus. Beschränktes Systemdenken siegt wieder einmal über eine ganzheitliche Vernunft, die auch zu vernehmen ist, aber abgedrängt, verdrängt wird (vielleicht nicht mehr so gut wie früher). Begrenzte ideologische Vorstellungen beherrschen das gesellschaftliche Bild einer großen Anzahl von Menschen gerade in der „modernen“ westlichen Zivilisation und verhindern ein Umdenken. So schnell wird sich global nichts verändern – die meisten Menschen, vor allem im Westen, halten fester denn je an ihren liebgewonnenen und ablenkenden Gewohnheiten und verharren im Konsumdenken, ohne absehbares Ende. Es sei denn, die Katastrophe (welcher Art auch immer) weitet sich schneller aus als bisher angenommen. Und gerade das ist und kann noch furchtbarer werden!
Terroristen werden nicht so schnell von der „Bühne“ verschwinden. Unter ihnen sind Menschen, denen es persönlich sogar oft finanziell und materiell an nichts mangelt, und die in umsorgten Verhältnissen aufgewachsen sind; davon ausgehend hätten sie zumindest keinen Grund zu solch einer fanatischen Tat wie in New York. Wir müssen anerkennen, daß sie einfach nur unseren „U.S.-amerikanischen Stil“ auf die Spitze treiben, den vermeintlichen Hauptfeind aus den verschiedensten Gründen herauszujagen und zu töten – unterstützt und vorangetrieben durch fundamentalistisches Gedankengut bzw. durch eine fundamentalistische Ideologie. Das allerdings, was sich die USA und all die Mächte, die hinter ihr standen und stehen, an vernichtenden Militäraktionen usw. geleistet haben, ist ebenfalls ohne Beispiel. Und auch der Westen ist in seiner Art Machtausübung fundamentalistisch, z. B.: Die (scheinbare) „Freiheit“ des Marktes und der Börsen gilt für alle gleichmaßen, und wer nicht mithält, muß bluten. Schuldenerlasse werden nur halbherzig oder überhaupt nicht zugelassen.
Bush sprach im Zusammenhang mit den Anschlägen auf das W.T.C. usw. von einem feigen Verhalten der Terroristen. Doch das ist nun wirklich absolut falsch! Diese Menschen sind bis zum Äußersten gegangen – sie waren in keiner Weise feige und opferten ihr Leben. Aber anzunehmen ist, daß sie von Haß auf eine anonyme USA nahezu zerfressen waren. Blinder, wütender und vor allem fanatischer Haß treibt die Menschen in den Wahnsinn, und der hat, meiner Meinung nach, hier vorgelegen. Und dieser Haß ist keine Erfindung der Terroristen aus dem Osten oder woher auch immer, der Haß erstreckt sich weit in unser eigenes, westliches Leben hinein und hat u.a. auch dort seine geistig pervertierten Wurzeln. Ein von Haß beherrschter Mensch verliert jedes Gefühl für den Sinn des Lebens. Nur noch der Haß (verhüllt oder unverhüllt) erhält diesen Menschen aufrecht, und er muß entsprechend dieses Hasses handeln, um nicht von der höllischen Sinnlosigkeit seines (inneren) Lebens maßlos gequält zu werden. Solange es noch äußere Feinde gibt, können wir unsere eigenen Schatten verdrängen. Aber dieser Weg provoziert eine Katastrophe, die entsetzlicher sein wird als alles zuvor Geschehene. Kämpferisch-fanatische Verbundenheit der Menschen in Kriegszeiten kündet vom inneren Niedergang, eben von Haß. Dieser Haß braucht einen Feind. Doch dieser Feind wird erst zuletzt oder gar nicht die innergeistige Misere sein. Was geht in den USA und auch hierzulande wirklich vor sich?!
Ich denke, die einzige Lösung der Krise überhaupt kann nur vom individuellen Menschen ausgehend erfolgen, indem dieser seine Persönlichkeit schöpferisch realisiert, um von innen heraus unser Leben gemeinschaftlich radikal ändern zu können in Richtung individueller und gemeinschaftlicher Wahrheit zugleich. Vom Inneren des Menschen, jenseits von Gut und Böse, muß das Licht kommen, von dem ausgehend der Mensch das Böse auch in sich und außerhalb von sich schöpferisch bewältigen kann. Ich glaube einzig an eine innergeistige, schöpferische Revolution, der einzig eine wahrhaft gemeinschaftlich-soziale Umgestaltung folgen kann. – Aber ich mache mir keine Illusionen hinsichtlich eines weitverbreiteten geistigen Mittelmaßes.
Die Welt kann man nicht nach irgendwelchen machtorientierten und -beschränkten Maßstäben retten wollen. In dieser Hinsicht kann vom Westen derzeit keine wirkliche Hilfe und Rettung ausgehen. Die westliche Lebensweise fördert geradezu das sinnlose Leiden innerhalb ihrer selbst. Der Westen züchtet selber das Prinzip des Terrorismus. Und was auch passiert, wen wundert’s noch?! Das macht alles sehr traurig!
Grüße Dirk Hübner
(Meine Antwort auf Reaktion vom 25.9.01)
Hallo ...,
Aus Deinem Beitrag:
● „Wilbers Ansatz ist, dass er damit die Begrenztheit der engeren Ansätze kritisiert, ohne die grundlegenden Wahrheiten dieser Ansätze zu verwerfen. Er kritisiert also nicht ihre Wahrheiten, sondern nur ihre Unvollständigkeit.“
Ich:
Die Unvollständigkeit in Berdjajews Ansatz besteht Wilber zufolge in der Behauptung, daß die Realisierung der Persönlichkeit das höchste Ziel darstellt. Das „leere Zeugen-Gewahrsein“ steht für Wilber über der (ganzheitlichen) Persönlichkeit und ihrer persönlichen Erfahrung und soll diese umschließen.
Ich dagegen schließe mich Berdjajews Denken an und behaupte, daß die Unvollständigkeit gerade in einer impersonalistische orientierten Philosophie und Spiritualität wurzelt.
Berdjajews personalistische Philosophie steht letztlich der buddhistisch orientierten „Leerheitsphilosophie“ konträr gegenüber, weil letztere die Person zu überwinden trachtet – denn Person in ihrer Authentizität bedeutet Leiden, aber auch Freiheit, Liebe, Wahrheit. All diese Aspekte der Person kann man entsprechend einer personalistischen Philosophie nicht voneinander trennen.
Die Behauptung „Berdjajew kontra Wilber“ hat für mich eine grundlegende Berechtigung.
Du:
● So zitiert Wilber Isherwood:
"Der wahre Zeuge läßt alles aufsteigen, was aufsteigen will: Leidenschaft, Gelassenheit,
Engagement, Gleichgültigkeit, tief empfundene Feindseligkeit – was auch immer. Die Auffassung, daß dies eine tödliche Getrenntheit vom Leben sei, ist albern".
Ich:
Solange der „Zeuge“ unparteiischer Beobachter bleibt, befindet er sich in einer ‚tödlichen Getrenntheit vom Leben’. Der „Zeuge“ muß selber das Leid erfahren, die Liebe oder auch die Feindseligkeit, um das Leben überhaupt wahrnehmen zu können. Doch sobald der „Zeuge“ das Leben wahrnimmt, ist er nicht mehr „Zeuge“, sondern Person. Darüber hinaus ist ein reiner „Zeuge“ für mich eine unrealisierbare Vorstellung, eine völlige absurde Vorstellung vollständiger Emotionslosigkeit und LEIDEN-schaftslosigkeit.
Und Leid ist für mich nicht Form, sondern ein geistiger Aspekt unseres persönlich wahrnehmbaren Geistes, eine seiner ursächlichsten Eigenschaften. Ich persönlich beobachte niemals mein Leid, sondern es ist mein persönlicher Geist selber, der leidet – immer und ewig in mir und bei allem, was ich tue. Und erst aus dem frei durchlebten Leid heraus empfinde ich tiefe Freude aufsteigen.
Du:
● Ist er/sie aber im Reflex gefangen, oder zwangsläufig in sein/ihr Leid verstrickt, kann er/sie nicht mehr unbedingt frei wählen. Und gerade diese Verstrickung kann zum Tod der Entwicklung führen. Dieses Leid birgt die Gefahr der Nichtentwicklung, egal wie mutig Mensch da auch reingehen mag.
Ich:
Leid, welches man nicht frei auf sich nimmt, ist sinnloses Leid. Sinnloses Leiden ist nach Berdjajew dunkles Leiden. Dunkles Leiden ist höllisches, sinnloses Leiden, ist geistiger Stillstand und Tod. Im freien Leiden zum Leben hin dagegen entfaltet sich unsere wahre geistige Kraft.
Gruß Dirk Hübner
(geschrieben am 29.9.01)
Meine Korrektur und Ergänzung zum Beitrag 6270 (KenWilber-de)
Berdjajew schreibt:
„Der leidende Mensch erlebt ein doppeltes Leiden. Einerseits leidet er unter den über ihn verhängten Prüfungen und Schicksalsschlägen, unter Krankheiten, Not, Verrat, Einsamkeit, Enttäuschung in seinen Mitmenschen usw., usw. Andererseits leidet er aber unter der eigenen Auflehnung und dem eigenen Aufstand gegen das Leiden; er leidet, weil er das Leiden zu ertragen nicht willig ist und das Leiden verdammt. Dieses zweite Leiden ist noch viel bitterer als das erste. Wenn der Mensch sich entschliesst, die Leiden innerlich anzunehmen, wenn er den Sinn der über ihn gesandten Leiden zu erfassen beginnt, so wird sein Leiden erträglicher, durch das neue Bewusstsein wird es gemildert und verklärt. Das dunkle Leiden, das allerentsetzlichste, ist eben das Leiden, das den Menschen innerlich erbittert und ihn zum Aufstand und Kampf gegen sich aufbringt. Das Leiden, in dem der Mensch einen höheren Sinn erblickt und das er innerlich bejaht, wird zum hellen, die Wiedergeburt herbeiführenden Leiden.“ – Zitiert aus: „Von der Bestimmung des Menschen, Versuch einer paradoxalen Ethik“ (Gotthelf-Verlag, 1935, S. 163)
In dieser Hinsicht ist dunkles Leiden sinnloses Leiden: Man will das Leid nicht ertragen, von welchem man ergriffen wird. Man erfaßt den Sinn des Leidens nicht. Berdjajew schreibt im oben erwähnten Buch: „Der Mensch vermag die grössten Leiden auf sich zu nehmen und zu ertragen, wenn er nur den Sinn dieser Leiden erfassen kann; die Kräfte des Menschen sind gewaltig.“
Ich schrieb an ... :
„Leid, welches man nicht frei auf sich nimmt, ist sinnloses Leid.“ – Das stimmt nicht. Richtig ist: Leid, welches man nicht annehmen will und ablehnt, provoziert sinnloses Leiden im Sinne des dunklen Leidens.
Ich schrieb an ... :
„Sinnloses Leiden wird nicht automatisch von Angst hervorgerufen. Die Angst verhindert höchstens, daß wir uns dem sinnlosen Leiden widersetzen (z. B. wenn wir uns fortwährend als „biologische Funktionswesen bzw. -sklaven“ mißbrauchen lassen). Sinnloses Leiden herrschte jedoch auch im KZ, in Hiroshima, in Vietnam usw., bzw. herrscht eben jetzt in New York und darüber hinaus. Menschen waren sinnlosem Leiden ausgeliefert, die grundsätzlich keine Angst hatten – ganz im Gegenteil. Dieses Leiden ist nicht zu rechtfertigen und ist ein Auswurf des Bösen. In solchen Momenten haben Menschen Gott verflucht, und wer könnte das nicht verstehen … Aber es ist nicht Gott, der die Macht hat, Böses zu tun. Es ist die Macht selber, die in einer in sich verschlossenen Welt wütet. Macht verhindert Gott – in uns.“ Hier herrscht meinerseits ein großes Durcheinander. Aber es ist die Leidensproblematik auch nicht einfach. … schrieb (6232): „Das, was den Menschen, beim sinnlosen Leiden aus der Bahn wirft, ist für mich, in Bezug auf Drewermann, die Angst. Weniger Angst bedeutet mehr Freiheit. Das Zeugenbewusstsein hebt den Menschen zu der Fähigkeit, auch das Leiden zu integrieren. Deshalb bedeutet der Zeuge, ein Mehr an Freiheit.“
Weniger Angst vor dem Leid bedeutet mehr Freiheit. Freiheit und Leid gehören zusammen. Insofern kann sinnloses, dunkles Leiden auch durch die Angst vor dem Leiden an sich hervorgerufen werden. Aber die Menschen im KZ haben gelitten – ohne jeden Zweifel. Und wohl die wenigsten haben sich gegen das Leid auflehnen können oder wollen, dazu war alles viel zu spürbar grausam und qualvoll und vor allem unausweichlich. Es gab vielleicht auch wenige Häftlinge, die sich in Positionen befanden, die ihnen die Möglichkeit gaben, sich in gewisser Weise vom Leidensgeschehen abzuschotten oder gar eine Art Zeugenbewußtsein zu entwickeln. Vielleicht waren sogar einige Nazis selber gelegentlich einfach nur im Zeugenbewußtsein, um innerlich Abstand halten zu können von dem unermeßlichen Leid. Führt nicht die Annahme eines Zeugenbewußtseins selber zum dunklen, sinnlosen Leid, durch welches man sich selbst bekämpft bzw. verhindert oder gar vernichtet? Das habe ich in ähnlicher Weise z. B. auch im 3. Teil meiner Kritik „Berdjajew kontra Wilber“ zum Ausdruck gebracht.
In den USA jedoch verhält es sich anders. Das Leid verwandelt sich bei vielen Menschen dort in Haß, d. h., das Leid wird umgelenkt auf den Feind, den es zu vernichten gilt. Auch auf diese Weise läßt sich bitter nötige Leidensarbeit vermeiden.
Der Mensch ist vom geistigen Grunde her ein freies Wesen. Er leidet normalerweise, wird er zu einem Funktionswesen degradiert. Aber das Phänomen, daß hierzulande viele Menschen schon dann zufrieden sind, wenn sie in ihrem Leben vor allem eine Funktion erfüllen können, zeigt, daß diese Menschen die Erniedrigungen gar nicht mehr wahrnehmen und sich teilweise in einem apathischen Zustand befinden. Sie haben sich den Gewohnheiten überlassen. Wahrhaft innere geistige Veränderungen vollziehen sich in ihnen schon lange nicht mehr, da sie in einem entscheidenden Maße leidensunfähig geworden sind. Aber auch in diesem Zusammenhang sei gesagt, daß es eine absolute Leidensunfähigkeit nicht gibt. Und es gibt immer noch genug Menschen, die leiden können und zunehmend den Erniedrigungen widerstehen wollen.
Das Leid muß man nicht rechtfertigen, sondern es gehört zum (geistigen) Leben dazu. Die Bejahung des Leidens ist die Annahme des Kreuzes, sagt Berdjajew. Und Gott hat man verflucht für die Macht, die er über die Menschen ausgeübt hat. Aber hierzu stimmt meine Aussage: „Aber es ist nicht Gott, der die Macht hat, Böses zu tun. Es ist die Macht selber, die in einer in sich verschlossenen Welt wütet. Macht verhindert Gott – in uns.“ Dunkles Leiden ist sinnlos, weil es sich gegen das Leiden an sich auflehnt. Das Leiden ist jedoch einer der unmittelbarsten und wesenhaftesten Züge des Menschen. Wer das Leiden nicht zulassen oder nur von einem Zeugenstandpunkt aus betrachten will, verhindert sich als Menschen, und auch das kann in einer destruktiven Weise sehr qualvoll sein.
Gruß
Dirk Hübner
(geschrieben am 30.06.2002)
Sehr geehrter Herr K.,
vielen Dank für Ihre Kritik.
Ich weiß nicht, inwieweit Sie mit meiner Homepage vertraut sind – dort lege ich Rechenschaft über meine Erkenntnisquellen ab. Ich gehe von der Liebesintuition aus, die sich mir und jedem Menschen insbesondere in der Begegnung mit dem anderen Menschen und mit Gott zugleich offenbaren kann (Einheit von Ich und Du im Wir). Gott ist für mich nicht reine Begeisterung, wie sie mir in den Mund zu legen scheinen. Gott ist Gewissensfreiheit, Kampf um dieses Gewissen, welches sich in der tragischen Begegnung des ganzheitlichen bzw. transzendentalen Menschen (genauer Gottmenschen – „Zwei-Einheit“) mit der Welt innerlich-immanent, subjektiv offenbart (damit habe ich mich in meinen Homepage-Beiträgen genauer auseinandergesetzt). Ursprüngliche Erkenntnisquelle ist diejenige Intuition, durch die wir uns wesentlich menschlich und göttlich zugleich schöpferisch zu erkennen geben, worauf das Phänomen innerlich wahrhafter Begeisterung beruht. Aber die Intuition allein kann gar nichts bewirken, noch kann sie existieren, wenn es nicht auch noch eine pragmatische, d. h. objektivierende Erkenntnis gibt, durch die unser praktisches Leben möglich wird und ohne die Intuition in der Luft hängen bliebe.
Sie verlangen von mir ein „UNABHÄNGIG(ES)“ Erkenntnisstreben. Daraus schließe ich, daß Sie eine Erkenntnis wollen, die vom Menschlich-Subjektiven befreit ist. Doch ich meine gerade, daß es solch eine Erkenntnis nicht gibt. Es gibt nirgends eine Erkenntnis, die vom subjektiven Wollen, die von subjektiven Emotionen und Gefühlen gänzlich befreit wäre. Alle, die behaupten, ihre Erkenntnis wäre rein „objektiv“ und völlig frei aller eigenen Intentionen und Intuitionen, unterliegen einer Illusion. Selbst das Lösen einer scheinbar rein logischen, mathematischen Aufgabe setzt voraus, daß es von einem Menschen vorgenommen wird, der einen Sinn und ein Ziel mit der Lösung der Aufgabe verbindet, der motiviert ist, z. B. eine mathematische Aufgabe zu lösen. Ohne jegliche ursprüngliche Motivation würde nichts, aber auch gar nichts vom Menschen zu schaffen sein. Was meinen Sie denn, woher sich diese Motivation speist? Für mich liegt die ursprüngliche Motivation im Menschen selber, in seinem schöpferischen Wollen, den Sinn des Ganzen zu erfassen. Der Punkt ist meines Erachtens vor allem auch der, daß der Sinn über unsere gottmenschliche, d. h. ethische Grundintuition von uns Menschen schöpferisch erkannt werden kann und muß, damit wir unserer ganzheitlichen Bestimmung gerecht werden können, die da heißt, das Reich Gottes auf Erden zu erschaffen – doch gerade dieser Prozeß ist ein tragischer, weil sich die zur Starrheit tendierende Welt dem wahrhaft-gemeinschaftlichen „Liebesschaffen“ des Menschen permanent widersetzt. Erkenntnis ist nicht reiner Selbstzweck, sofern mit dem Selbst das in sich selbst gefesselte, nichtgemeinschaftliche Ego gemeint ist, welches sich in der Welt vorrangig nur objektivierend nach autoritativen Maßstäben zu orientieren vermag. Aber mit all dem habe ich mich umfassender in meinen Beiträgen beschäftigt.
Wörter wie „Hingezogenfühlen“ oder „Begeisterung“ sind nicht meine Zentralbegriffe bzw. – genauer – Zentralsymbole für existentielle Phänomene, auf die ich mich berufe. Mein „Zentralbegriff“ an sich heißt: Liebesintuition. Die Liebesintuition ist dem Menschen immanent gegeben und bildet den wesentlichsten Kern seiner Erkenntnis überhaupt. Weitere Ausführungen dazu finden Sie auf meiner Homepage.
Eckhart stehe ich kritisch gegenüber. Ich habe mich, ich gebe zu, nicht erschöpfend intensiv mit ihm beschäftigt. Er gehört aber auch nicht zu meinen „Quasi-‚Favoriten’“, sondern war für mich eine nicht ganz unerhebliche Begegnung auf meinem geistigen Weg. Ich vermute eben gerade nicht in der Abgeschiedenheit der Gottheit die Wahrheit an sich – im Gegensatz zu Eckhart. Die Gottheit, die einen anderen bzw. anderes nicht kennt, kann meines Erachtens als unergründliches Nichts, aber nicht als Wahrheit verstanden werden. Denn Wahrheit ist für mich schöpferische Freiheit, gottmenschliche Fülle, die eben nicht reines Nichts, sondern die Offenbarung der Gemeinschaft von Persönlichkeiten in einer Persönlichkeit ist.
Ich behaupte in meinen Auseinandersetzungen gerade, daß vom buddhistischen Ansatz her massiv spekuliert wird, d. h., die buddhistische Philosophie resultiert oftmals aus einer Umdeutung existentieller Erfahrungen.
Ich bete Berdjajew nicht an, sondern fühle mich mit seinem Denken innerlich und intuitiv verbunden.
Mit freundlichen Grüßen
Dirk Hübner
(Aus meinen Antworten vom 2.7., 6.7. und 9.7.2002 an Herrn K.)
Den Begriff „intersubjektiv“ verwendet auch Wilber. Deshalb wird dieser Begriff auch von mir berücksichtigt („Berdjajew kontra Wilber“). Aber ich würde das Wort „intersubjektiv“ durch das Wort „transsubjektiv“, wie es Berdjajew verwendet hat, ersetzen. Durch die Vorsilbe „trans“ wird deutlicher auf die Tiefendimension des Menschen hingewiesen, die eine unabdingbare Rolle spielt, wenn sich der Mensch sinnvoll der Welt im weitesten Sinne zuwendet.
Wahrhaft individueller Intuition liegt immer ein universaler Gehalt (Liebe, Freiheit, Wahrheit, Mitleid, Leid usw. usf.) zugrunde. Diese Intuition ist jedem Menschen gegeben und verlangt nach der individuellen Antwort, die Intuition im Verhältnis zur Welt (im weitesten Sinne) mit Leben zu erfüllen. Aus diesem Grunde sprach ich in meiner ersten Mail von der Gewissensfreiheit und von der ethischen Grundintuition bzw. Liebesintuition.
Der Sachverhalt, daß es regnet, kann nur die Person erfahren und insbesondere der Mensch geistig beschreiben. Der Sachverhalt des Regnens existiert außerhalb der Person gar nicht. Für einen Stein regnet es nicht. Erkenntnis existiert nicht unabhängig vom Existierenden. Als die ersten Wassertropfen vom Himmel fielen, als noch kein bewußtes Leben existierte, hat niemand festgestellt, daß es regnet. Sie trennen die Erkenntnis des „Sachverhalts“ „es regnet“ vom Menschen, der erkennt – und das ist eine falsche erkenntnistheoretische Darstellung. Das läuft auf eine sogenannte reine objektive Erkenntnis hinaus – aber die gibt es nicht. Erkenntnis ist sowohl subjektiv-ethisch-emotional als auch subjektiv-objektivierend-rational. Verschwindet eine Komponente, existiert die ganze Erkenntnis nicht mehr. Wenn jemand denkt, denkt er als Person, und das schließt immer Emotionen, Ratio, Intuitionen, Gedächtnis usw. gleichermaßen ein. Unabhängig vom Menschen als Person regnet es nicht. Es findet ein Prozeß statt, den jedoch erst wir Menschen als Regen bezeichnen und erleben. Deshalb sage ich: Ob etwas wahr ist oder nicht, ist vom Motiv des Suchenden oder Finders gänzlich abhängig! Wenn Sie sagen, es regnet nur naß, werten Sie den Prozeß des Regnens nach Ihren persönlichen Maßstäben. Schon das Wort „Regen“ enthält Wertungen und Beimischungen, die in der unbelebten Natur an sich nicht existieren. Unabhängig von unserer Wertung können wir den Regen nicht beschreiben. Indem wir Menschen den Regen als Regen bezeichnen, geben wir dem Regen einen Sinn.
Genauso verhält es sich mit Ihrem x. Das x als x existiert genauso nur für das erkennende Subjekt. Natürlich schließt die Erkenntnis immer objektivierte Elemente ein, d. h., Erkenntnis ist sowohl subjektiv-existentiell als auch subjektiv-objektivierend zugleich. Aber was ist das x unabhängig bzw. außerhalb des erkennenden Subjekts? Es ist sinnlos, weil erst der Erkennende dem x einen Sinn verleiht bzw. den Sinn in das x eindringen läßt. Doch der Sinn offenbart sich immer nur geistig, d. h. subjektiv-existentiell. Sagen Sie mir doch, was die materielle Substanz x unabhängig vom Subjektiven ist? Und sobald man eine Antwort gibt, läßt man seine subjektiven Deutungen einfließen, es sei denn, man sagt, daß das x gar nicht existiert bzw. einfach Nichts (Gottheit) ist. Aber so negierte man den Sinn, und gerade auch das wäre eine Lüge, denn der Sinn springt uns allenthalben entgegen – innerlich-existentiell bzw. subjektiv. Oder etwa nicht?
Hinter aller scheinbar reiner Logik verbirgt sich immer auch ein irrationales bzw. arationales, d. h. alogisches Element – der geistig-existentiell motivierte Mensch.
Das Wort „Wahrheit“ an sich ist ein Wortsymbol (und kein definierter Begriff) für eine höchste innermenschliche, geistige Erfahrung. Außerhalb des Existentiell-Menschlichen ist die Wahrheit immer relativ, d. h. lügenhaft. Ich behaupte keine „objektive Wahrheit“, sondern wende mich gegen eine solche. Ich behaupte: Die existentielle Wahrheit, die einzigartig und persönlich ist, die jeder Mensch in sich trägt und schöpferisch im Leben realisiert werden sollte, um sich zu offenbaren.
Die Liebesintuition ist dem Menschen immanent gegeben und bildet den wesentlichsten Kern seiner Erkenntnis überhaupt. Ich weiß es, nicht weil ich eine vorrangig rationale Beweisführung durchgeführt habe und ein absolutes Ergebnis präsentieren kann, sondern weil die auf Gemeinschaft orientierte Liebesintuition das ist, was mich in meinem Leben am meisten und intensivsten beschäftigt hat, worauf ich intuitiv den größten Wert lege. Wenn andere Menschen darauf nicht den größten Wert legen, so sage ich, verbauen sie sich den Zugang zur gemeinschaftlichen Wahrheit in sich selbst. Aber im Tiefsten drängt es jeden Menschen, geliebt zu werden und zu lieben. Oder? Es gibt keine allgemeinverbindliche, kalte, abstrakte bzw. absolute Wahrheit, die für alle gleichermaßen und autoritativ, d. h. äußerlich beherrschend gilt. Diese Wahrheit ist immer ein Stück weit Lüge. Liebe ist Wahrheit, ist Freiheit – die einzig wahre Freiheit im Menschen. Im Mittelpunkt meines Erkenntnisstrebens steht der liebende, d. h. vor allem der lebendige Mensch. Aber oftmals, gerade in einer von Rastlosigkeit getriebenen Gesellschaft wie der unsrigen, verdrängt der Mensch seine Liebe und ist geistig unlebendig. Darauf aufmerksam zu machen, ist eines meiner Anliegen.
Letztens hörte ich einen Satz, den ich hier sinngemäß wiedergeben möchte: Wahr ist das, woran wir glauben. – Nicht einmal der Atheist kommt an dem Glauben vorbei, daß es eben für ihn Gott nicht gibt, daß es Unsichtbares (Sinn, Geist) nicht gibt. Daran glaubt der Atheist ( was in der Vergangenheit ein wichtiges Moment für die Befreiung vom hierarchischen Kirchenglauben darstellte). Der Glaube ist eine Grundtatsache des Lebens und geht der Wissenschaft voran.
Die Wortverbindung „transzendentaler Mensch“ habe ich dem Werk Berdjajews entlehnt. Dort finden Sie aus dem Zusammenhang heraus eine klare Erläuterung dieser Wortverbindung. Vielleicht nur so viel: Der Ausdruck „transzendentaler Mensch“ verweist auf den ganzheitlichen, ungeteilten Menschen, der kraft seiner geistigen Gabe (existentieller und objektivierender Art im Verbund) die Welt im weitesten Sinne geistig durchdringt und verändert. Dabei orientiert sich der transzendentale Mensch schöpferisch an den transzendenten bzw. ethischen bzw. überpersönlichen Prinzipien Liebe, Freiheit, Gewissen, Leid, Mitleid und Mitgefühl, innerer Authentizität und Ganzheit, Fülle usw. – Menschlichkeit, die immanent dem Menschen gegeben ist und nur immanent wirken kann, die er in der Auseinandersetzung mit einer dem Menschen bedrängenden Welt realisieren, aber auch verdrängen bzw. zudecken oder auch pervertieren kann (Entfremdung, Fremdbestimmung, Autoritätshörigkeit durch die Schwäche der Persönlichkeit hervorgerufen). Der Mensch ist also nicht von vornherein gut, sondern muß um das Wahre in sich und in der Welt zugleich kämpfen. Die Welt ist keine gegebene, sondern eine zu verändernde, aus dem Verlangen der ethischen Intuitionen heraus, für die es einzustehen gilt, die aber keine Befehle darstellen, sondern frei angenommen oder aus Anpassungs- und Entfremdungsgründen verworfen werden können. D. h. wiederum: Es gibt keine Garantie für die Wahrheit – es kommt auf die geistige, d. h. mündige Stärke des Menschen an.
Der Mensch ist physisches, seelisches und geistiges Wesen zugleich, d. h., er ist Mikrokosmos, er trägt alles konkretisiert, ganzheitlich, geistig in sich. Er ist als Person existentielles Zentrum – dies läßt sich vom Kosmos nicht sagen, der keine „Empfindungsorgane“ für Freude und Leid besitzt und über kein Bewußtsein verfügt.
Natürlich kann jeder behaupten, er berufe sich auf Intuitionen und will eigentlich nur Macht. Aber wenn Macht mit im Spiel ist und der andere Mensch erniedrigt werden soll, ist dies gerade ein Indiz dafür, daß etwas faul ist mit der Intuition. Es kommt also immer darauf an, in welchem Zusammenhang von Intuition gesprochen wird. Ich spreche in meiner Auseinandersetzung vom machtlosen, nicht zwingenden höchsten Prinzip, welches in uns immanent wirkt (Einheit von Transzendenz und Immanenz). Der wahre Gott ist nicht allmächtig im hierarchischen Sinne, sondern liebend und leidend und mitleidend und ruft nach unserer Freiheit. Ist es nicht die Freiheit, nach der wir streben, die wir wollen und suchen? Doch die Freiheit ist nicht leicht, denn sie läuft nicht konform mit einer angepaßten Welt, mit einem angepaßten Leben, und verlangt Widerstand. Wer sich zur Freiheit bekennt in einer Gesellschaft, die Anpassung fordert, unterliegt immer der Gefahr, geopfert bzw. verstoßen zu werden. Damit bringe ich auch eigene Erfahrungen zum Ausdruck. Ich bin, um dem vorzubeugen, kein Verfechter absoluter Anarchie, die ebenfalls grausam ist. Notwendigkeit und Freiheit stehen im Wechselverhältnis. Wichtig wäre, daß uns die Notwendigkeit nicht beherrscht und zerstört (physisch, seelisch und geistig), sondern daß von der Freiheit (im Menschen) her die Notwendigkeit schöpferisch zugelassen und begrenzt wird.
Wenn ich einen Menschen liebe, bin ich nicht in mich gefangen, sondern erkenne im Du das Ich des anderen und im Du mein Ich zugleich. Das Du und das Ich bilden zusammen das Wir, die Gemeinschaft. Der Dialog des Liebenden und des Geliebten führt zur Fülle der Liebenden in der Gemeinschaft. Wesentlich dabei ist jedoch, daß ich nur lieben kann, wenn mein Ich sich nicht im anderen Ich auflöst bzw. mit dem anderen Ich identisch wird, sondern die Selbstidentität wahrt. In der Liebe erfüllen sich das Ich und das Du durch die überpersönlichen Werte, durch Gott als immanent wirkenden transzendenten Wert – Liebe, Freiheit, Schönheit, Fülle, Wahrheit. Dafür (Liebe, innere Gemeinschaft) gibt es keine Beweise …
Ja, ich würde sagen, es gibt auch unaufrichtige, d. h. vorgetäuschte Begeisterung. Es gibt auch fanatische, bösartige, oberflächliche Begeisterung, Begeisterung für das Töten usw. „Innerlich wahrhaft“ steht gegenüber, daß innere, subjektive Prozesse auch unwahr sein können, sofern sie fremdbestimmt sind, d. h., von außen her bestimmt werden.
Nicht der Mensch an sich, in seiner diesseitig begrenzten Verfassung, ist das Maß aller Dinge, sondern der Mensch, der in sich die überpersönlichen Werte (auf die ich genügend hingewiesen habe, aber für Sie hat offensichtlich Liebe, Leid, Mitleid usw. keine ausschlaggebende Bedeutung) im Verbund mit den anderen Persönlichkeiten fortwährend verwirklicht. Fortwährend deshalb, da der Mensch wesentlich dynamisch, d. h. lebendig ist, sofern er seine Persönlichkeit realisiert. Wenn Frauen von Männern vergewaltigt werden, dann liegt es bestimmt nicht daran, daß die Männer starke Persönlichkeiten ausgebildet haben, sondern, ganz im Gegenteil, sich in einem geistig schwachen und zerrissenen Zustand befinden und von niederen und/oder pervertierten Instinkten und Intentionen getrieben werden.
Gewalt geht vor allem von den Menschen aus, die zu grausamen Vernichtungsfeldzügen in der Lage waren und sind (Hunger in der 3. Welt, Kriege, Machtgebaren). Wenn nicht der Mensch im Mittelpunkt des Geschehens, unseres Denkens, unserer Philosophie stünde, sondern nur eine z. B. abstrakte Erkenntnis, die hinnimmt, wie es nun einmal ist in der Welt, in der der Mensch halt zufällig weilt, dann wäre diese Philosophie sinnlos. Ich glaube daran nicht und lasse mir meinen Glauben an den authentisch-wahren Menschen nicht zerstören und zerreden, an welchem auch philosophisch gearbeitet werden muß.
Natürlich kenne ich die relative, objektivierte Wahrheit, die als kommunikative Übereinkunft festgelegt ist, damit die praktischen alltäglichen Verrichtungen geleistet werden können. Aber Wahrheit ist eben nicht gleich Wahrheit. Wenn der Mensch liebt, hat Wahrheit für ihn eine ganz andere, außeralltägliche, außerlogische Bedeutung und ist überhaupt nicht nützlich und praktisch, sondern überlogisch und existentiell.
Zu „konkret“: Die Persönlichkeit erlebt die existentielle Wahrheit, d. h. die nach meinem Ansatz höchste Wahrheit, geistig konkret bzw. real.
Zum „Geist“: Damit meine ich mehr als die rein psychische Konstellation, das spürbare Ich-Bewußtsein als spürbares Persönlichkeitsbewußtsein (zu welchem die körperliche und psychische bzw. seelische Komponente dazugehört), welches ganzheitlich durch die transzendenten bzw. ethischen bzw. transzendierenden Prinzipien der Menschlichkeit (Liebe, Freiheit, Gewissen, Leid, Mitleid usw.) wahrhaft erfüllt wird. Die Geistwahrnehmung ist eine unmittelbare existentielle Realität.
Das Vorhandensein der „Materie“ ist relativ und begrenzt. Es geht mir aber nicht um den Gegensatz zwischen Geist und Materie, sondern um den zwischen Freiheit und Notwendigkeit.
Zu „lebendig“: Steht auch auf meinen Internetseiten (Ethik u. Metaphysik). Ich unterscheide zwischen dem geistigen Leben und dem organisch-biologischen Leben. Persönlichkeit ist eine geistige Kategorie, und „lebendig“ bezieht sich hier also eindeutig und unmißverständlich auf den geistigen Akt.
Okay, auch „alles fließt“ ist ein Dogma. Ich habe nichts gegen Dogmatik, solange diese nur auf etwas über der Dogmatik Stehendes symbolisch hinweist, solange sie von mir nicht Anpassung in Form eines Gesetzes verlangt, sondern Freiheit gewährt in Blickrichtung auf eine geistige, außergesetzmäßige Welt. Statik ist ein relativer, kein absoluter Zustand. Die Welt ist im Grunde dynamisch durch und durch. Selbst die scheinbar vollkommen erstarrte Materie ist in sich dynamisch und findet nirgendwo einen absoluten Ruhepunkt. Der Gegensatz Dynamik und Statik ist relativ und gilt nur in Blickrichtung auf eine gesetzmäßige Welt. Auch der Mensch kann sich so in einer geistig erstarrten Verfassung befinden, wie Sie in mir vermuten.
„Schöpferisch“ meint hier: aus dem Nichts in Blickrichtung des Sinns, welcher durch die Wortverbindung „liebende Persönlichkeit“ symbolisch benannt wird.
Zu „universal“: Es besteht ein Unterschied zwischen dem Allgemeinen und dem Universalen. Das Allgemeine ist objektivierter Art, praktisch auf kommunikative Verständigung ausgerichtet – z. B. auch Logik, Mathematik, Naturwissenschaft –, aber ist auch Autorität – z. B. Staat, Nation, Gesetzesmoral. Das Universale ist der transzendente Grund in der Person und insbesondere im Menschen, durch welchen die Person/der Mensch schöpferisch seine Persönlichkeit/Menschlichkeit realisiert. Der Mensch, und ich betone das immer wieder, agiert aber immer ganzheitlich, d. h. – für die Realisierung der Persönlichkeit ist er kommunizierend und partizipierend zugleich. Mit dem „kollektiven Unbewußten“ und den Archetypen im Sinne von Jung müßte ich mich erst genauer beschäftigen, um darüber Aussagen machen zu können. Aber auf jeden Fall ist das Universale dynamisch (Liebe) und nichts Statisches im Sinne von Urbildern oder Ideen.
Gäbe es keine Gleichheit, wäre ein Verwandtschaftsgefühl unter den Menschen ausgeschlossen bzw. nicht möglich. Ja, ja, woher weiß ich das, wo sind Beweise … Die werden Sie niemals bekommen. Denn der Geist des Menschen (bei Ihnen die Psyche – was ich als falsch ansehe) ist Urrealität in ihm. Wie wollen Sie etwas beweisen, das unmittelbar Sie selbst sind? Müssen Sie Ihre Existenz beweisen (beweisen = im logisch-rationalen Sinne), oder wird Ihre Existenz nicht als etwas völlig Selbstverständliches, Gegebenes angesehen, weil alle mehr oder weniger diese Urrealität in sich wahrnehmen? Muß man immer erst (logisch) beweisen, daß man ein Mensch ist? Und gerade auch diese Fragen berühren das Problem der Erniedrigung des Menschen, indem er eben nicht als Mensch, sondern vorrangig als Funktionswesen betrachtet und ge- bzw. verbraucht wird.
Unabhängig von seinem Vorgestelltwerden ist das Subjekt existent, aber nicht das Objekt. Das Objekt existiert nur korrelativ zum Subjekt und für ein Subjekt in der gesetzmäßigen Welt. Wenn Sie aber daraus schließen, daß ich meine, daß die Welt, wenn der subjektiv Erkennende nicht da ist, auch nicht mehr da ist, so verstehen Sie mich nicht. Ich sage unter anderem nur, daß wir nicht wissen, was die Welt unabhängig vom subjektiven Erkennen wirklich bzw. scheinbar „objektiv“ ist. Ich will sagen, daß es im Erkenntnisprozeß auf das Subjekt ankommt, das erkennt. Und das Subjekt nimmt eine scheinbar gegebene Welt nicht einfach nur hin, sondern im Erkennen schon wird diese Welt verändert – ansonsten gäbe es gar keine Entwicklung, keinen Zuwachs der Erkenntnis und keine Möglichkeit, entsprechend der Erkenntnis, die Welt zu verändern. Die Erkenntnis ist auch vom Standpunkt des Erkennenden abhängig, von seinem Glauben. Ändert sich der Glaube, ändert sich auch die Erkenntnis(-richtung) usw. usf. Das ist eine Beobachtung, die sich anhand der Bewußtseinsgeschichte nachvollziehen läßt. Und es gibt auch nicht nur eine äußere, objektivierte Welt, sondern auch eine innere, geistige Welt.
Bin ich quasi schicksalhaft verurteilt, in einer zeitlichen Aufsplitterung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu leben, wenn die Zeit unaufhörlich ist? Oder spüre ich manchmal auch, wie ich in Momenten heraustrete aus der Zeit, wie ich im Überzeitlichen bzw. Außerzeitlichen wirke? Und gibt es in Momenten außerzeitlichen Wirkens (genauer: geistigen, transzendierenden bzw. durchdringenden Schaffens) nicht auch Wandel, Prozeß, Dynamik – eben Liebe? – Ich weiß, ich weiß – alles nur Hirngespinste – traurige Welt!
Ein „absolutes Dogma“ ist ein Unsinn – okay. Für mich stellt es eine Überspitzung dar. Die Wahrheit ist auch kein „absolutes Dogma“, wie ich es bei Wilber finde als „absolute Wahrheit“. Wilbers Wahrheit ist Dogma – letztlich als ein absolutes Dogma – Dogma steht in diesem Zsh. für eine Wahrheit, die in sich erstarrt und gefangen ist und absolutistische Herrschaft ausübt. Wahrheit ist bei Wilber ein scheinbar mystischer Zustand in der Art Leere-ist-Form und Form-ist-Leere, was dogmatisch als Absolutes, als Grund und Gipfel bzw. Sein der Welt angesehen wird.
Der Sinn der „Abgeschiedenheit“ ist „leer“ werden. Und dann? Was passiert dann? Können wir beim Leerwerden stehenbleiben? Oder müssen wir nicht zur Fülle weiterschreiten, wie ich meine? Wenn alles leer ist, warum soll ich dann erwachen aus der Kontemplation und „einem Bedürftigen ein Süppchen“ geben? Was treibt mich noch an, um tätig zu werden, wenn ich entleert bin?? Auf jeden Fall ist die Intuition Eckharts, zu helfen, wahr, bloß die Frage lautet: Woher die ethische Motivation für die Hilfe an den Armen? Das ist für mich die wichtigste Frage.
Zu „Einheit der Persönlichkeit“: Sie ist im Grunde da. Aber jeder Mensch kann sich entfremden (z. B. durch Verdrängung, fremdbestimmte Anpassung usw.) und seine Persönlichkeit zerstören, daß er nicht mehr weiß, wer er eigentlich ist. Die Persönlichkeit ist keine festgelegte Einheit im statischen Sinne. Die Realisierung der Einheit der Persönlichkeit ist eine dynamisch-schöpferische Aufgabe und mit geistiger Anstrengung verbunden. Auf die „Einheit der Persönlichkeit“ kommt es an. Tiefenpsychologie und Psychotherapie sind in Frage zu stellen, solange sie zur analytischen Zergliederung der Persönlichkeit neigen. Beide Wissenschaftsmethoden benötigen aus diesem Grunde einen existentialphilosophischen Hintergrund.
Ich unterscheide zwischen Evolution und innermenschlichen, d. h. geistigem Schaffen. Persönlichkeit ist demnach ganzheitliches Schaffen und außerhierarchisch im Gegensatz zur Evolution. Z. B. kann der Gegensatz von Leben (im geistigen Sinne) und Nicht-Leben nur von der selbstbewußten Person (z. T. auch Tieren) wahrgenommen werden, indem die Persönlichkeit diesen Gegensatz innerlich emotional-geistig primär erlebt bzw. wahrnimmt (nicht analytisch). Objektivierte Analyse und objektivierte Erkenntnis sind sekundäre Ableitungen. Ich beweise es Ihnen nicht, denn letztlich wäre dies ein unendliches Unterfangen, weil Beweise immer nur relativ und niemals absolut sind. Denn die Welt ist durch und durch dynamisch.
Gott ist selber paradox (Kierkegaard): Er ist sowohl das Überpersönliche als auch das Persönliche im Menschen, Transzendenz und Immanenz im personalen Subjekt zugleich. Diese Erkenntnis ist existentialistisch hergeleitet. Offensichtlich meinen Sie fälschlicherweise, daß das „Überpersönliche“ etwas außerhalb des Subjekts, des Menschen, sein muß. Vielleicht vermischen und vermengen Sie Gottheit und Gott, was entsprechend Berdjajews zum Gottheitsmonismus führen muß und unmenschlich ist.
Und auch Widersprüche sind nicht nur scheinbar – in der objektivierten Welt schon gar nicht. Und die Widersprüche, die Paradoxa, werden auch in der Persönlichkeit nicht völlig negiert, aufgelöst, denn dann wäre absolutes Nichts, keine Bewegung mehr. In der Persönlichkeit finden die Widersprüche ganzheitlich zusammen (im Gegensatz zur Welt der Subjekt-Objekte-Spaltung), was wir sprachlich-symbolisch nur unvollkommen und niemals exakt ausdrücken können. So ist z. B. die Erfahrung der Liebe (wahrhaftes Leben) nicht absolut von der Erfahrung des Todes zu trennen. Liebe ist aber dennoch die fortwährende Überwindung des Todes.
Die paradoxe Einheit von Endlichem und Unendlichem ist in der Persönlichkeit geistiger Art, in Blickrichtung der objektivierten Welt logisch nachvollziehbarer und objektivierter Art. Ich denke, es besteht eine nicht widerspruchslos zu denkende Einheit von Endlichem und Unendlichem. Paradox meint bei mir also, vom Denken her paradox. Das müßte ich in meiner Auseinandersetzung deutlich werden lassen. Und wenn zwischen Endlichem und Unendlichem keinerlei Widersprüchliches bestände, wären beide Aspekte identisch. Und das wäre für mich ein in keiner Weise nachvollziehbarer Gedanke – weder logisch noch existentiell. Dieser Gedanke gilt nicht einmal für die unergründliche Gottheit – das Nichts. In Blickrichtung des Nichts lösen sich alle Kategorien der Erkenntnis apophatisch auf. Im Nichts existiert weder Endliches noch Unendliches.
Also erst einmal niemals „zwei Menschendinge“. So etwas gibt es bei mir nicht. Mensch und Mensch stehen sich auch nicht wie These und Antithese gegenüber. Das sagen Sie. Jeder authentische Mensch ist schon höchste Synthese, vollständig und ganz. Die innermenschlichen Beziehung steht über dem Gegensatz These und Antithese.
Nehmen wir Mitleid: Sie hatten doch schon mal Mitleid mit einem anderen Menschen oder mit einem Tier, oder nicht? Was soll ich da aufzeigen? Aber ich kann begründen, weshalb wahrhafte Intuitionen mit universalem Gehalt unabdingbar sind. Ohne diese Intuitionen der Menschlichkeit hätte sich der Mensch niemals ethisch-moralisch in der Welt offenbaren können, er hätte niemals dem Bösen in sich selbst und dem daraus resultierenden grausamen Wirken in der Welt über seine egozentrische Anlage hinaus widersprochen. (‚Ach, zwei Seelen in meiner Brust.’) Und dieser Prozeß ist weiterhin voll im Gange und verlangt geistige Hingabe und Anstrengung. Gäbe es die ethischen Intuitionen nicht, könnten wir gewissenlos zerstören und morden. Der Mensch wäre sich gegenseitig völlig egal – usw. Und teilweise wurden die wahren Intuitionen der Menschen so zugedeckt und pervertiert, daß so etwas wie die KZs in der Geschichte nicht ausgespart blieben. Beispiele ließen sich nahezu endlos anreihen. Woher nehmen wir denn die Gewißheit, daß Mord nicht vertretbar ist? Einfach, weil wir es aufgezeigt und für nützlich befunden haben? Warum morden denn die Menschen immer noch, auch wenn es ihnen keinen Nutzen bringt – einfach aus Haß, Eifersucht usw.? Die Geschichte der Menschheit hat deutlich aufgezeigt, daß der Mensch sich nicht immer nützlich verhalten hat und verhält!
„Psychischer Erkenntnisprozeß“ – was immer das sein soll? Aufzeigen? Ich kenne nur einen geistigen Erkenntnisprozeß, den der Mensch (als Einheit von Körper, Seele (Psyche), Geist) ganzheitlich vollzieht. Sie verstehen gar nicht, was ich mit der Einheit von subjektiv-existentieller und subjektiv-objektivierter Erkenntnis meine, die mehr oder weniger immer einen Prozeß und kein (absolutes, feststehendes) Ergebnis darstellt (dann wäre es keine Erkenntnis mehr). Und Sie verstehen auch nicht, worauf es mir ankommt: Es gibt kein absolut feststehendes Resultat der Erkenntnis. Die Erkenntnis, die erkannt worden war und niedergeschrieben worden ist, muß bei jeder erneuten Durcharbeitung neu erkannt werden. Auf dem Blatt Papier existiert die Erkenntnis nicht wirklich, sie wird erst im Menschen zur Erkenntnis. Der Erkenntnisprozeß an sich ist schon Resultat und Inhalt zugleich und geht ständig, ununterbrochen (so lange z. B. der Mensch lebt) weiter. Die geschriebenen Bücher z. B. sind Mittel und Übermittler des Erkenntnisprozesses, das Resultat im Verbund mit dem Inhalt jedoch muß immer wieder neu entstehen im Menschen, um erkannt zu werden. Man spricht auch von der Erkenntnisfähigkeit der Natur, doch davon halte ich nichts – das ist falsch, denn es fehlt in der geistig unbelebten Natur das erkennende Subjekt. Sie versuchen, die Erkenntnis analytisch aufzugliedern, und zerstückeln sie dabei. Das kann man machen, aber man muß sich bewußt sein, daß Erkenntnis nur ganzheitlich im Menschen real vonstattengeht.
Ich schrieb:
„Unabhängig vom Menschen als Person regnet es nicht.“ – Damit meine ich nicht, daß es den Vorgang, den wir Menschen als Regen bezeichnen, nicht gibt. In welche Schublade wollen Sie mich hier andauernd schieben? Das, was ich meine, bezieht sich auf die Erkenntnis. Es ging ja ursprünglich auch um die „unabhängige Wahrheit“. Und da gilt: „Ob etwas wahr ist oder nicht, ist vom Motiv des Suchenden oder Finders gänzlich (= im ganzheitlichen Sinne) abhängig!“ Der Regen als ein naturhafter Prozeß ist definierbar und gesetzlich und auch ohne den Menschen vorhanden. Aber die Erkenntnis „Regen“ ist unsere Erkenntnis als Menschen des Vorgangs „Regen“ und ist in uns immer subjektiv real. Nur wir bezeichnen (bzw. werten) den Regen als Naß, weil wir entsprechende Organe ausgebildet haben, die zur entsprechenden Wahrnehmung führen. Und erkennen wir nicht mehr im Regen als nur seinen „objektiven Sachverhalt“? Einen Sinn (unbewußt wirkender Logos) hat der Regen auch ohne den erkennenden Menschen im Kreislauf der Natur. Aber wo endet dieser Kreislauf? Muß man nicht so weit gehen und sagen: Auch der Regen ist weitestgehend auf den Menschen angelegt, damit letztlich der Mensch entstehen und sich verwirklichen kann? Wo ziehen Sie die Grenzen? Und kann man überhaupt Grenzen ziehen? Oder ist der Mensch nur ein reines Zufallsprodukt der Evolution? Muß da nicht noch mehr sein – ein Sinn, Logos, welcher in Richtung Person, Mensch, unbewußt orientiert (aber nicht zwingt – die Welt versinkt gleichzeitig auch im Chaos)? Ich habe dazu etwas mehr und detaillierter in „B. kontra W.“ geschrieben.
Wenn wir das Wort „Regen“ denken, fügen sich alle möglichen Beimischungen wie Gefühle, Bilder, konkrete Erlebnisse, naturwissenschaftliche Vorstellungen usw. usf. ein. Denken wir das Wort „Regen“ ohne Inhalt, was möglich ist, verliert es seinen Sinn und hört auf, Wort zu sein.
Ja, ich sage, persönliche Maßstäbe sind auch emotional. Auch die Ratio existiert nur in einem emotional-geistigen Zusammenhang in der Person. Die existierende Person agiert ganzheitlich, und einzelne körperlich-seelisch-geistige Komponenten existieren nicht gesondert.
Und Sie trennen alles, was zu einer völlig falschen Vorstellung von Erkenntnis führt. Die Erkenntnis muß man vor allem auch erforschen im Akt seines Geschehens und nicht vorrangig nur durch Zerlegen des Erkenntnisaktes in seine so nicht existierenden Bestandteile. Wenn Philosophie nur nach dem Prinzip einer aufgliedernden und trennenden Semiotik betrieben werden darf, hat der Mensch als ganzheitlich lebendiges Wesen und Sinn der Philosophie verloren. Ein Grammatiklehrbuch ist ja wichtig für den systematischen Unterricht. Aber Systematik pur für eine Philosophie geht am Menschen vorbei. Darauf lasse ich mich nicht ein.
Mit „Sinn“ umfasse ich sekundär sowohl den objektivierten „Sachverhalt“ als auch primär die existentiell-intuitive Urrealität, die in die Erkenntnis eingeht. Letztere ist mehr als analytisch-rationales Kalkül, es ist die Schönheit der Natur, eben auch des Regens, die/der sich für uns immanent-sinnerfüllend offenbaren kann. Die Schönheit der Natur zu erleben, immanent, geistig, sollte normalerweise jedem Menschen im Leben möglich sein.
Und das Wort „existieren“ ist immer auch in zweierlei Hinsicht verwendbar: Man kann sagen, daß eine objektivierte Welt existiert, wenn mit „existieren“ das Vorhandensein dieser Welt gemeint ist. Man kann vom existentialistischen Standpunkt aber auch sagen, die objektivierte Welt existiert nicht, was meint, sie ist nicht subjektiv-existierend bzw. geistig lebendig wie die selbstbewußte Person – der Mensch. Denn die unabhängig vorhandene Welt ist nicht der Mensch. Oder? Und vor allem: Die Welt existiert in uns Menschen als Erkanntes niemals so, wie sie äußerlich-unabhängig existiert. Ich müßte selber ein Stein werden, eins zu eins, um letztgültig zu wissen, was Stein ist. Und das ist unmöglich. Es wird, was die äußere unabhängige Welt angeht, immer Unwägbarkeiten geben. Und da der Mensch zum Teil auch irdisch, d. h. objektiviert ist, gilt das auch für ihn. Und da der Mensch nicht einfach Gott, d. h. ein transzendentes Prinzip, ist, sondern schöpferisch bzw. frei Gott in sich (der Mensch als diesseitiges und jenseitiges Wesen zugleich) realisieren muß, ist er jeweils immer einzigartig. Und sobald der Mensch sich realisiert, wahrnimmt, nimmt er auch Gott auf einzigartige Weise wahr, was wiederum heißt, daß auch Gott in jedem Menschen einzigartig, unverwechselbar ist. Und dennoch ist Gott auch das überpersönliche transzendente Prinzip – Liebe, Leid, Mitleid, Freiheit, Wahrheit usw., was für alle Menschen grundsätzliche, überpersönliche und in diesem Sinne universale (nicht allgemeine, d. h. gesetzliche bzw. „objektive“) Bedeutung hat.
MfG
Dirk Hübner
(Aus meiner Korrespondenz mit Herrn H. – Juli 2002)
Ich denke nicht, daß der Mensch dazu berufen ist, die Naturgesetze neu zu schaffen. Das ist für mein wirkliches Wollen nach Liebe nicht von Belang. Ich spüre in mir primär kein Verlangen nach einer, wenn auch schöpferischen, Neugestaltung der Gesetze. Eigentlich will ich über die Gesetze hinausgelangen, aber ich muß anerkennen, daß ohne ein Mindestmaß an Gesetzmäßigkeit eine grausame Anarchie um sich greifen würde. Von dieser Seite aus betrachtet sind Gesetze unabdingbar bedeutsam.
Ich denke weiterhin, daß die objektivierte Welt in gewisser Weise real vorhanden ist, aber nicht im geistig-subjektiven Sinne. Ich behaupte den korrespondierenden Dualismus von Subjekt und Objekt, über den der Mensch fortwährend hinausgelangen muß (aber nicht absolut), will er leben. Die Bestimmung des Menschen offenbart sich ihm letztlich in seiner Subjekt-Subjekt-Beziehung.
Wäre ich vollkommener göttlicher Magier, könnte ich alle Widerstände in der Welt beseitigen und fiele auf diese Weise in ein undifferenziertes Nichts. Wollte ich jedoch leben, wäre ich gezwungen, als Schöpfer das Böse in der Welt zu errichten, damit ich im Widerstand gegenüber dem Bösen das wahre Leben erkennen kann. Aber weitergedacht: Wäre ich letztlich allumfassender Schöpfer in der übereinstimmenden Schöpferkraft aller Ichs, dann wäre das ganze Leben von meinem/unserem Ursprung aus allumfassend prädestiniert. Wo wäre da noch Offenheit?
… ich kann Ihnen nicht zustimmen. Ich als menschliche Person fühle mich nicht als ein Teil irgendeines übergeordneten Ganzen. Das ist eine meiner Grundaussagen.
In diesem Zusammenhang schließt „fühlen“ „wissen“ ein. Dieses „Wissen“ ist jedoch kein objektiviertes und zu beweisendes Faktenwissen, sondern existentiell gefühltes Wissen. Ich fühle und weiß mich unmittelbar als Persönlichkeit (als personales Ich, aber nicht als zeitweiliges Rollen-Ich) ganz und nicht geteilt. Eine gespaltene Persönlichkeit ist keine ganze. Die Frage nach der Persönlichkeit (nicht gleichzusetzen mit autonomer Individualität) ist meines Erachtens die Frage des/unseres Lebens schlechthin.
Die Persönlichkeit des Menschen ist geistiger Art, ist ein geistiger Akt. Mein menschlicher Körper ist ein ganzheitlicher Aspekt meiner Persönlichkeit, gehört zu meinem Persönlichkeits-Ich, zu meiner Persönlichkeitserfahrung. Mein Körper wird von mir nicht in objektivierender, sondern in existentieller Weise erfahren. Ich erfahre meinen Körper unmittelbar geistig-existentiell. D. h., der personal zu erfahrende Körper unterscheidet sich wesentlich von dem geistig bzw. subjektiv vorgestellten, objektivierten Körper. Insofern ich meinen Körper objektivierend betrachte, ist er nicht mehr ein ganzheitlicher Aspekt meiner Persönlichkeit, sondern Natur und unpersönlich und kann von mir nur naturabhängig gedacht werden. Wird mein Körper von mir naturabhängig gedacht, betrachte ich ihn als einen Teil der Natur. Doch dieser Körper ist nicht der geistig-menschliche, sondern der natürliche Körper als Teil eines gesetzmäßigen Zusammenhangs. Insofern ich meinen Körper nur als einen Teil der Natur betrachte, ist er nicht mein Körper-Ich.
Weiterhin: Die Natur meiner Seele ist primär geistig begründet und steht sekundär in einem natürlichen Zusammenhang. Ich erfahre die Seele personal-mikrokosmisch, in der Einheit von Körper, Seele und Geist, und nicht unpersonal-makrokosmisch. So ist das bei mir, und danach richten sich meine philosophischen Äußerungen. Aber der Mensch ist ein tragisches Wesen, denn er ist auch in den natürlichen Ablauf eingebunden, als biologisches Wesen, und muß den daraus entstehenden Konflikt bezüglich seines geistigen Freiheitsstrebens ein Leben lang bewältigen. Die Bestimmung des Menschen ist meines Erachtens aber nun wirklich nicht biologischer , sondern freiheitlich-geistiger Art.
MfG
Dirk Hübner
(Beitrag vom 30.11.02 für KenWilber-de@yahoogroups.com)
Hallo,
nach langer Zeit mal wieder eine Wortmeldung von mir.
Es geht mir um das hier diskutierte Rationalitätsproblem in Anlehnung an Wilber.
Ich möchte mal fragen: Wenn bereits ein einjähriges Kind dazu in der Lage ist, „Mama“ zu sagen und mit diesem BEGRIFF eine eindeutige Zuordnung vornimmt, wie kann man dann diesem Kind eine prä-rationale Bewußtseinstufe unterstellen, wie Wilber es macht? Ich denke, daß ein Mensch, sobald er auf die Umwelt in irgendeiner Weise aktiv reagiert, geistig ein rationales Moment einschließt.
Wilber geht noch weiter:
„Hat etwa das Neugeborene die Fähigkeit, sich kognitiv in die Rolle eines anderen zu versetzen? Nein, diese Fähigkeit taucht erst um das siebte oder achte Lebensjahr auf. Aber ohne diese Fähigkeit, sich in die Rolle eines anderen zu versetzen, gibt es auch keine Fähigkeit zu wirklichem Mitgefühl, zu altruistischer Liebe oder intersubjektiver Fürsorge; es gibt keine rücksichtsvolle Ethik und moralische Tugend und keinen Dienst am anderen. Dieser kindliche Zustand ist nach praktisch einhelliger Meinung ein äußerst egozentrischer und narzißtischer Zustand“ (S. 452/ 453, Das Wahre, Schöne, Gute; Ausgabe 1999).
Zu Rollendenken, gebe ich Wilber recht: Dazu ist ein kleines Kind weitgehend noch nicht in der Lage. Dazu bedarf es entsprechender rationaler Fähigkeiten. Aber wenn ich beobachte, daß ein nicht einmal zweijähriger Junge sehr wohl die Stimmungen seiner Eltern sehr deutlich spürt und aufnimmt und darauf (mitfühlend) reagiert, was soll ich dann von dem obigen Zitat halten? Oder hat dies etwa mit „wirklichem Mitgefühl“ nichts zu tun? Ist das einfach nur purer Narzißmus? - Wilber erklärt die Kinder zu Narzißten, damit sein Evolutionsschema des „GEISTES“ aufgeht.
Wilber schreibt:
„Ein kurzes Beispiel: Bei der kognitiven und moralischen Entwicklung von Jungen und Mädchen ist das Stadium des im präoperationalen oder präkonventionellen Denkens weitgehend durch den eigenen Blickwinkel des Individuums bestimmt (‚Narzißmus’). Auf der folgenden, der operationalen oder konventionellen Stufe bleibt zwar der eigene Blickwinkel bestehen, doch kommt jetzt die Fähigkeit hinzu, auch die Perspektive anderer nachzuvollziehen. Nichts ging verloren, vielmehr kam etwas hinzu. In dem Sinne kann diese neue Stufe mit Recht höher oder tiefer genannt werden, nämlich wertvoller und nützlicher für eine breitere Palette von Interaktionen. Konventionelles Denken ist wertvoller als präkonventionelles, weil es ausgewogene moralische Reaktionen ermöglicht (und postkonventionelles Denken bringt abermals einen Wertzuwachs mit sich)“ (S. 80; Das Wahre, Schöne, Gute; Ausgabe 1999). – Weiterhin schreibt Wilber:
„Rationalität schafft einen tieferen Raum von Möglichkeiten, in dem tiefere und ausgreifendere Gefühle fließen können – nicht gefesselt durch mein isoliertes Mögen und Nichtmögen oder durch Konventionen dessen, was offiziell als wirklich gelten kann“ (Wilber, K.: Eros, Kosmos, Logos, Wolfgang Krüger Verlag, 1996, S. 222).
Wilber spricht Kindern tiefe Gefühle ab, weil er Gefühle in deterministisch-evolutionäre Abhängigkeit von Rationalität stellt. Doch ich habe neulich erfahren können, wie ein kleiner vierjähriger Junge seinen Vater tröstete. Der Junge spürte den tiefen Schmerz, den sein Vater erleiden mußte und litt mit ihm, wollte ihm mitleidend helfen und äußerte dabei auch tiefe Einsichten. Das war mitfühlender Dienst am anderen. Dazu war/ist kein Rollenbewußtsein/-denken nötig!
Ich hatte mich als fünfjähriger Junge im Kindergarten in ein Mädchen unserer Gruppe verliebt. In der Nähe dieses Mädchens bekam ich rasendes Herzklopfen, fing an zu stammeln und litt unter meinem Versagen. War dieses Liebesgefühl nur ein narzißtisches Mißverständnis? Das lasse ich mir nicht einreden! Da Wilber den Menschen GÄNZLICH in ein evolutionäres Stufenmodell einpaßt, wertet er die Kinder automatisch ab, da sie, Wilber zufolge, automatisch nicht zu tiefen Gefühlen in der Lage sind. Wer eine höhere Geistesstufe erreicht hat, ist entsprechend des obigen Zitates (S. 80) „wertvoller und nützlicher für eine breitere Palette von Interaktionen. Konventionelles Denken ist wertvoller als präkonventionelles, weil es ausgewogene moralische Reaktionen ermöglicht (und postkonventionelles Denken bringt abermals einen Wertzuwachs mit sich)“. Diese letzte Aussage trifft nur zu, wenn man das rationale Vermögen höher einschätzt als die Liebe, als die Gefühle. Das kommt für mich nicht infrage! Nicht das rationale Vermögen, sondern die Liebesintuition ist die ethisch-moralische Grundlage unseres Handelns und unserer authentischen (d. h. nicht fremdbestimmten) Vernunft. Und daß für die Mutter ihr Kind einen ganz besonderen Wert besitzt, wird bestimmt nicht dadurch gemindert, daß das Kind noch nicht zu „konventionellem Denken“ in der Lage ist. Jeder Mensch ist unabhängig von seinen Fähigkeiten zu jeder Zeit seines Lebens von allerhöchstem Wert. Und dies gilt auch für Verbrecher, ansonsten wäre die Todesstrafe ja kein Problem. Auch Verbrecher sind zunächst einmal Menschen. Und da nehme ich in Vergangenheit und Gegenwart keinen Menschen aus!
Ich habe in meinem Beitrag „Berdjajew kontra Wilber“ (siehe dazu auch diese Diskussionsgruppe) den Narzißmus als eine Krankheit insbesondere von erwachsenen Menschen bezeichnet. Kleine Kinder kommen für diese Krankheit in der Regel noch nicht infrage, da sie noch kein ausgeprägtes Rollenbewußtsein/-denken besitzen.
Daß „irrational“ vor allem negativ mit „unvernünftig“ assoziiert wird, hat nach meinem Dafürhalten auch etwas mit unserer traditionell positivistischen Geisteshaltung zu tun. Wilber unterscheidet quasi zwischen irrational, rational und arational – gleichzusetzen mit prärational, rational und transrational. Doch diese chronologische Einteilung halte ich für völlig verfehlt. Der Mensch als ganzheitliches Wesen, als Person, operiert von Anfang an mit einem Mindestmaß an rationalem Vermögen, und das hört, solange der Mensch lebt, niemals auf. In der Tat kann man mit bestimmten meditativen Techniken die Ratio nahezu ausschalten. Gelänge dies jedoch einem Menschen absolut und dauerhaft, käme dieser Zustand dem Gestorbensein gleich. Sehr wohl weist Wilber darauf hin, daß „transrational“ das Rationale nicht vernichtet, sondern einschließt. Aber wenn er die sogenannte „nonduale Bewußtseinsstufe“ (z. B. in „Das Wahre, Gute, Schöne“ etc.) beschreibt, so bleibt dabei im Dunkeln, wo da eigentlich noch Rationales zu finden ist.
Die Welt hat einen irrationalen Grund, das Nichts. Hiermit stimme ich mit Wilber und dem östlichen Denken überein. Aber dieser Grund ist nicht zugleich die Wahrheit. Die Wahrheit ist eine ganzheitlich-persönliche, eine wahrhaft geistig-menschliche Dimension und Aufgabe, für die sich jeder einzelne Mensch einsetzen muß. Und Irrationalität ist nicht von vornherein unvernünftig schlecht, sondern bedarf unserer schöpferischen Aufmerksamkeit, damit diese Irrationalität nicht pervertiert und eine Schattenexistenz aufbaut und uns zu sich herabzieht. Auch Gefühle sind vom Grunde her irrational und müssen über den Verstand und unsere ethische Intuition, Gott (Grundintuition), und im gemeinschaftlichen Leben zugleich schöpferisch gewahrt werden.
L. G.
Dirk Hübner
P.S.: Bei all meiner Kritik an Wilber: Er war und ist für mich dennoch ein wichtiger und anregender Denker.
Daß er jetzt sehr krank ist, tut mir sehr leid!
(Aus meiner Antwort vom 3.12.02 zur Diskussion im KenWilber-de@yahoogroups.com)
Zunächst einmal sage ich: Irrationalität versus Rationalität, oder anders gesagt: Gefühl versus Verstand, Ratio. Vernunft ist umfassender als Rationalität = Verstand, Ratio. Vernunft ist eine integrale geistige Leistung und beinhaltet danach grob gesagt irrationales bzw. arationales (für mich dasselbe) Gefühl, Ratio und (ethische) Intuition zugleich. Gefühl, Ratio und Intuition treten immer personal bewußt und niemals unabhängig bzw. getrennt voneinander auf.
Bei Wilber ist Rationalität nicht völlig klar definiert. In EKL setzt er sie mit dem Wort „Vernünftigkeit“ gleich, weiterhin mit „Wissenschaft“, und erläutert z. B. auf den Seiten 455 bis 462, was Rationalität alles so bewirkt. Aber auf jeden Fall trennt er in EKL chronologisch prärational (= präpersonal), rational (personal), transrational (transpersonal). D. h. logisch wiederum, daß Rationalität bei Wilber die personale Stufe meint. Die Frage lautet weiterhin: Ist prärational gleichzusetzen mit präkonventionell usw., und ist die prärationale Bewußtseinsstufe nur eine rein gefühlsmäßige? Oder wie viel Verstand gesteht Wilber Kindern unter dem 7. oder 8. Lebensjahr entsprechend zu? Oder können kleine Kinder eventuell auch mal vernünftig sein? Alles nicht ganz klar bei ihm. Und das ist auch kein Wunder, weil er die menschliche Person unter den Begriff Rationalität subsumiert. Die menschliche Person ist nicht nur einfach Rationalität, selbst wenn unter Rationalität Vernünftigkeit zu verstehen ist, da die Vernünftigkeit nur ein Ausdruck, ein Produkt, eine Fähigkeit ganzheitlichen Zusammenwirkens von Gefühl, Ratio und (ethischer) Intuition der Person ist und nicht deren Ursache. Aber daß nun die Fähigkeit eines einjährigen Kindes, „Mama“ zu sagen, nicht auch eine kognitive Verstandesleistung sein soll, will mir nicht einleuchten. Und für mich sind auch kleine Kinder im Vorschulalter Persönlichkeiten.
Ich habe Piaget nicht gelesen, und ich denke, daß das auch nicht notwendig ist, um in dem Punkt, wo es um tiefgreifende bzw. tiefergreifende Gefühle bei Kindern geht, Wilber kritisieren zu können.
Ja, und um das eigene schematisierte Denken nicht in Gefahr zu bringen, erklärt man kurzerhand das Gedächtnis für gänzlich unglaubwürdig bzw. untauglich. Da gehe ich nicht mit. Ich sage: Wir interpretieren nicht nur, sondern erinnern uns auch wirklich und lebhaft. Ansonsten hätte die Vergangenheit nur eine sekundäre, verzerrte Bedeutung. Wir können nur in der Gegenwart leben, wenn uns auch persönlich authentische Erinnerungen bleiben, ansonsten wären wir völlig haltlose Wesen und nicht lebensfähig. Ich könnte zu keiner Selbsterkenntnis kommen, gäbe es nicht einen immer wiedererkennbaren personalen Kern in mir, mein authentisches Persönlichkeits-Ich. Wenn Wilber z. B. auf S. 459 von EKL (1996) sagt: „Rationalität läßt aus der alten Rollenidentität eine Ich-Identität hervorgehen“, so frage ich mich entsprechend, wer ich im Kleinkindalter eigentlich gewesen bin. Offensichtlich nicht ich. Aber nach den Fotos zu urteilen, hatte der Mensch damals schon gewisse Ähnlichkeiten mit mir heute. Auf der gleichen Seite 459 fährt Wilber fort: „Die moralische Entscheidung liegt jetzt beim Individuum, das für seine relativ autonomen Entscheidungen selbst die Verantwortung tragen muß …“ Und kleine Kinder sind unfähig, eigene moralische Entscheidungen zu treffen? Sind sie denn nur Automaten und besitzen keine Ich-Identität? Für Wilber muß das so sein, sonst geht sein System flöten.
Stimmt nicht. Konventionen sind Übereinkünfte, Regeln des Umgangs, Verhaltensnormen. Kinder befolgen sehr wohl Regeln, ansonsten würde ja z. B. im Kindergarten das reinste Chaos herrschen. Kinder sind sogar auf Regeln erpicht, bekommen Angst, wenn etwas anders läuft, als sie konventionell gewohnt sind.
Ich will mich nun nicht mit Dir darüber streiten, wie tief die „Weisheit“ von Kindern geht. Und auf jeden Fall ist das kindliche Weltbild eingeschränkt. Aber das verhindert nicht, daß sie z. B. einfühlsam die Stimmungen ihrer Eltern erfassen können. Das sollte man nicht unterschätzen. Außerdem sind sie in ihren Äußerungen viel unverblümter und ehrlicher, d. h. authentischer, als die sogenannten Erwachsenen, deren personales Ich durch Rollendenken und -verhalten oftmals vernebelt wird (z. B. Etikette wahren).
Nichts einzuwenden. Aber das Verständnis und die Interpretation sind schon sekundär. Die Liebe ist primär motivierend – das war für mich damals wie heute so. Und genauso wird der Verstand und umfassender die Vernunft erst durch die Liebesintuition wahrhaft aktiv und nicht umgekehrt, wie Wilber das sieht. Denn ein umfassenderes rationales Vermögen muß nicht in erster Linie durch Liebe inspiriert werden, sondern kann auch vehement einem pervertierenden Machtstreben entspringen und für das Machtstreben genutzt werden. Liebe als ethischer Imperativ. Die Ratio an sich ist gar nichts.
Bei Wilber löst sich der personale Mensch (als geistiges Wesen) im „transpersonalen GEIST“ auf. Welcher Wert sollte denn in diesem "GEIST" auch enthalten sein, wenn dieser „GEIST“ per definitionem uncharakterisierbar bzw. „leer“ ist?
(Aus meiner Antwort vom 4.12.02 zur Diskussion im KenWilber-de@yahoogroups.com)
Rollenspiele und damit Konventionen sind im Kindergarten gang und gäbe (Friseur-, Kaufmannsladenspiele). Kinder imitieren Erwachsenenrollen. Kinder erziehen sich gegenseitig, und das schon im Kindergarten. Sie petzen (dem Erzieher z. B.), wenn einer sich rollenwidrig verhält. Alles eigene Erfahrungen und Beobachtungen. Mit Rollenspielen versetzt man sich in die Rolle eines anderen. Daß bei kleinen Kindern dies noch relativ oberflächlich geschieht, bezweifle ich nicht. Aber insofern müßte man Wilber sogar dahingehend widersprechen, daß die Fähigkeit, sich in die Rolle eines anderen zu versetzen, schon im Kleinkindalter beginnt und fortlaufend vertieft wird, bis schließlich der Erwachsene oft gar nicht mehr genau weiß, wer er eigentlich ist. Das ist dann schon sehr bedenklich. Und es mag sein, daß im Alter von sieben oder acht Jahren ein besonders tiefes Rollenverständnis ausgeprägt ist.
(Aus meiner Antwort vom 5.12.02 zur Diskussion im KenWilber-de@yahoogroups.com)
Zunächst bin ich Wilber ja zustimmend gefolgt, dann entwickelte sich in mir ein Widerspruch, der mich auch heute noch inspiriert – zumal ich mich ja auch relativ ausgiebig mit Wilber beschäftigt habe. Und mich auch diesbezüglich auszutauschen, ist mir ein Bedürfnis, auch wenn der Austausch bisher eher mager und ernüchternd für mich ausfällt – in welcher Hinsicht auch immer.
Nehmen wir ein kleines dreijähriges Kind, daß unwirsch mit seinem Teddy umgeht, und die Bezugsperson sagt, daß es auch den Teddy liebhaben soll: Appelliert dabei die Bezugsperson nur an den Verstand oder nicht vor allem auch an das potentiell vorhandene Mitgefühl des Kindes?
Wenn Du den Kindern sagst, sie sollen keine kleinen Tiere umbringen, und sie verinnerlichen es nicht mitfühlend, werden sie es oft bald wieder tun. Aber Du schreibst eben von kleinen Tieren, bei größeren Tieren kippt die Sache schon um, weil die Kinder zunehmend fühlen und schließlich erkennen, daß das andere lebende Wesen in gewisser Hinsicht ihnen ähnlich ist und Schmerzen empfindet usw. Dazu muß das Kind keine objektivierte Vorstellung vom Tod besitzen, wobei Todeserfahrungen auch schon kleine Kinder machen können, wenn sie sich existentiell durch Umstände im weitesten Sinne bedroht fühlen (selbst erfahren, aber das zählt ja offensichtlich nicht). Und spätestens kleine Kinder untereinander bringen einander nicht arglos um. Erwachsene könnten gar nicht so viel aufpassen, um die Kinder unbeschadet über den Tag zu bringen, hätten die kleinen Kinder nicht schon ein eigenes Mitgefühl (ich erinnere an das Zitat „wirkliches Mitgefühl“ bei Wilber nicht vor dem 7. Lebensjahr), daß sie in eine echte authentische, innerlich mitfühlende Beziehung zueinander eintreten läßt – unabhängig davon, daß dieses Mitgefühl sich ständig vertiefen kann. Aber das muß nicht sein. Erwachsene haben gelegentlich überhaupt kein Mitgefühl mit Kindern, und das kommt sehr häufig vor – auch in der Schule (Überforderung der Kinder vor allem zeitmäßig und durch den Lernumfang, verstandesmäßiges Lernen steht im Vordergrund, Vernachlässigung individueller Besonderheiten bzw. allgemeine nichtindividuelle Lehrmethoden usw. usf.). Darüber hinaus sage ich aber nicht, daß Kinder immer die reinsten Unschuldsengel wären, auch bei ihnen können Gefühle pervertiert werden. Auch kleine Kinder können voller Wut sein, aus verschiedensten Gründen (alles schon miterlebt).
Hier tritt ein altes Problem zutage. Gibt es überhaupt irgendeine wissenschaftliche Methode, die völlig neutrale Beschreibungen liefern kann und das eigene subjektive Wollen vollkommen ausschließt? Nein. Wir setzen für das wissenschaftliche Arbeiten zunächst immer Annahmen voraus und forschen dann. Auch ein Piaget hat Voraussetzungen und Vorüberlegungen in sein Forschen eingebracht, ansonsten hätte er mit dem Forschen erst gar nicht angefangen. Und eine nüchterne, neutrale Herangehensweise in der Erforschung der inneren Welt von Kindern halte ich von vornherein weder für angemessen noch für möglich. Für die innere Welt der Kinder ist Einfühlungsvermögen notwendig, sonst nützt das ganze einfache Zuhören und Rekonstruieren nichts. Aber Einfühlungsvermögen ist eben auch nicht nachweisbar und wird deshalb für das wissenschaftliche Forschen offiziell kaum zugelassen werden. Es läßt sich halt nicht alles beweisen.
Um mich an frühere Gefühlsmomente zu erinnern, muß ich mich doch nicht auf mein früheres Weltbild/Konzept zurückentwickeln. Natürlich kann ich heute eine ganz andere Sicht an den Tag legen. Aber deshalb sind doch die Erinnerungen gefühlsmäßig-bildhaft (was auch eine Verstandesleistung einschließt) rekapitulierbar, nicht was die einzelnen äußeren Tatsachen betrifft, an die man sich oftmals nur noch fehlerhaft erinnert, was aber nicht ausschlaggebend ist. Auf die wesentlichen Erinnerungsmomente kommt es an, und die können einem innerlich immer wieder sehr deutlich werden. Ein Trauma aus meiner Kindheit (ich war Anfang 6) wird mir ewig im Gedächtnis bleiben, auch wenn ich heute ganz anders damit umzugehen weiß und die Angst überwunden habe (auch dank meiner Eltern), die mich damals ergriffen hatte (das waren auch Todesängste, auch wenn ich das so nicht hätte interpretieren können). Übrigens haben meine Eltern meine damalige Panik bestätigt. In diesem Zusammenhang ist mir das Mitleid mit all seinen Facetten zu einem anderen Menschen immer noch gegenwärtig, wenn ich mich heute an dieses Geschehen zurückerinnere.
Sobald das Kind sich seiner selbst bewußt wird, hat es einen Kern wie ich auch, und da steht es mir, mit all meiner weiteren Entwicklung, in nichts nach. Wie dieser Kern des Kindes sich entfalten oder auch verdrängt und abgetötet (niemals gänzlich) werden kann, das wird sich dann zeigen. Du stellst die Persönlichkeit in eine sich fortlaufend verändernde Entwicklungslinie. Für mich ist die Persönlichkeit paradox, d. h., sie entwickelt sich und gewinnt an Tiefe, aber zugleich bleibt sie selbst. Die Dynamik des Persönlichkeitskerns ist eine andere, außerhierarchische Dimension – so sehe und beschreibe ich das, ein klein wenig abweichend von Berdjajew, aber im Grunde ihm nicht widersprechend. Nur nach außen gerichtet entwickelt sich die Persönlichkeit stufenförmig in Anlehnung an eine hierarchisch/holarchisch gegliederte Welt. Mehr auch in "Berdjajew kontra Wilber".
Z. B. auch in diesem Punkt verstrickt sich Wilber in Widersprüche. Das kommt zunächst daher, daß er „ethisch“ und „moralisch“, wie z. B. in „Das Wahre, Gute, Schöne“, geschehen und von mir in „Berdjajew kontra Wilber“ belegt, nicht wirklich zu unterscheiden weiß. Ich hatte Wilber zitiert: „Rationalität läßt aus der alten Rollenidentität eine Ich-Identität hervorgehen“. Und weiter: „Die moralische Entscheidung liegt jetzt beim Individuum, das für seine relativ autonomen Entscheidungen selbst die Verantwortung tragen muß …“. Aber bevor die Ich-Identität hervorging, war der in der Rollenidentität gefangene Mensch offensichtlich gänzlich fremdbestimmt, auf Befehle und Anordnungen von anderen angewiesen. Ich sage dazu, daß es solch einen Menschen nirgends gibt, denn dann wäre er kein Mensch mehr, sondern ein, sagen wir, biologischer Computer. Jeder Mensch als Person besitzt eine unabhängig authentische (insbesondere ethische) Entscheidungs- und Wertungsfähigkeit, auch wenn sie noch so schwach entwickelt ist (auch wenn der Mensch zuweilen auf viele Anordnungen angewiesen ist). Erst auf diese Weise können wir uns WAHRHAFT moralisch (auf Grundlage der ethischen Intuition) verhalten und uns überhaupt entwickeln. Wilbers Stufenmodell und seine moralische Entwicklungslinie schließen sich gegenseitig aus. Denn wirkliche, eigenverantwortliche Moralentscheidungen, die moralische Entwicklungslinie, beginnt, Wilbers Konzept logisch durchdacht, erst irgendwann in der Entwicklung des Menschen, aber offensichtlich noch nicht in der früheren Kindheit (für Wilber präpersonal, offensichtlich sogar noch vor Rollen-Identität). (Generell halte ich hinsichtlich der Person das Stufenmodell und die Entwicklungslinie für kompatibel.) Auch Wilber hat einen scheinbar ganzheitlichen Ausgangspunkt – seinen absoluten „GEIST“. Aber dieser ist uncharakterisierbar und gibt uns keine Hinweise für ein konsistentes Menschenbild. Und genau auf dieses Menschenbild kommt es mir an, welches sich bei Wilber konfus und nur schemenhaft zu erkennen gibt, weil es nicht wirklich (sondern nur scheinbar) im Mittelpunkt seiner Auseinandersetzung steht (auch wenn er Menschliches sehr anrührend zu erzählen weiß, wie z. B. in „Mut und Gnade“, ich beziehe mich hinsichtlich meiner Kritik vor allem auf seine philosophischen Theorien).
In diesem Zusammenhang halte ich mich an den berühmten Ausspruch von Angelus Silesius: „Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben; werd’ ich zunicht, er muß von Not den Geist aufgeben.“ – Und so verschwindet auch die gottmenschliche Person. Dennoch ist die Person ewig, aber nicht im zeitlichen Sinne. Dies ist eine paradoxe existentielle Erfahrung. Dieses Paradoxon ist logisch-rational nicht lösbar. Wir erfahren die Wahrheit innerlich, ganzheitlich, existentiell, und wissen und erfahren doch zugleich, daß wir sterbliche Wesen sind und die Wahrheit in der Zeit nicht unendlichen Bestand hat. Der Mensch ist eben sowohl ein zeitliches als auch ein überzeitliches, d. h. ethisch-religiöses Wesen als ganze Person. Mit dieser Problematik hat sich auf unvergleichliche Weise insbesondere Berdjajew beschäftigt, dem ich bekanntermaßen (B. kontra W.) sehr zugetan bin – das muß ich ja nicht verleugnen.
(Aus meiner Antwort vom 16.12.02 zur Diskussion im KenWilber-de@yahoogroups.com)
Ich frage mich immer wieder, wie sogenannte Transzendenz erfahrbar ist. Doch wohl nur immanent, in uns als geistige Person. Wo gibt es einen freien Willen, wenn nicht in uns als Menschen, als Personen? Für mich gibt es keine Transzendenz ohne Immanenz, denn ich entscheide mich ethisch doch zunächst innerlich und nicht irgendwo außerhalb bzw. fremdbestimmt. D. h., Transzendenz ist ein Wesenszug meines Herzens in mir, Transzendenz ist mir immanent. Und Transzendenz kann nur ethisch sein, wenn sie sich auf etwas bezieht, zuvorderst auf einen anderen Menschen, auf eine andere Person, aber auch auf die Natur usw. "Nondualität" ist für mich ein irreführender Begriff (vor allem auch so, wie ihn Wilber definiert), der mit der innermenschlichen, existentiellen Realität nicht zu vereinbaren ist. Der immanente nichtobjektivierte Prozeß gestaltet sich nach meiner Überzeugung immer zwischen einem Ich und einem Du in einem Wir, d. h. in der Zwei-Einheit und nicht in der absoluten Einheit, die Wilber als „Nondualität“ bezeichnet. Und nichtegozentrische, nichtnarzißtische Liebe des Menschen zu sich selbst ist nur möglich, wenn er immanent in Zwei-Einheit mit dem Göttlichen vereint ist, wenn er mit seinem Wesenskern in sich existenzdialektisch verbunden ist (siehe auch Berdjajews Buch: Existentielle Dialektik des Göttlichen und Menschlichen – Kopie z. B. über Unibibliothek erhältlich).
Wilber kann aus seinem nondualen Ansatz heraus gar nicht erklären, wie die ethische Intuition in uns als Personen real werden soll. Das habe ich auch in meinem Beitrag „Berdjajew kontra Wilber“ besprochen.
Der Dualismus bezeichnet das Nebeneinanderbestehen zweier verschiedener, nicht zur Einheit führbarer Zustände, Prinzipien, Denkweisen, Weltanschauungen, Willensrichtungen, Erkenntnisprinzipien (laut Philoso. Wörterbuch). Gelegentlich spricht man auch vom absoluten bzw. strengen Dualismus. Gegenüberstehen sich die Welt der Ideen und die Welt der Wirklichkeit (Platon), weiterhin gut und böse (Augustinus), jenseits und diesseits, irdisch und himmlisch, Objekt und Subjekt usw. Das Duale ist also philosophisch-weltanschaulich kein irdisches Problem, sondern ein Irdisches-versus-himmlisches-Problem. Der Idealismus wollte alles monistisch dem absoluten Geist (übergreifende Einheit der Gegensätze – Hegel) zu- bzw. unterordnen. Berdjajew dagegen kämpfte sowohl gegen den strengen Dualismus als auch gegen den absoluten Monismus und erkannte im Dualismus ein notwendiges und ethisch zu überwindendes Durchgangsstadium des gottmenschlichen Erkenntnis- und Wahrheitsprozesses (die Welt darf nicht hingenommen, sondern muß schöpferisch-ethisch verändert werden = ethischer Imperativ, Herz, ethisch motiviertes Gewissen). B. sprach vorsichtig von einem ethisch-eschatologischen Monismus, nicht als das Absolute, sondern als eine im persönlichen Leben fortlaufend zu verwirklichende Aufgabe. Den Dualismus gänzlich zu überwinden bedeutet, den Menschen zu überwinden bzw. zu vernichten, denn dieser ist immer sowohl irdisch-physisch als auch himmlisch-geistig, d. h., unsere Bestimmung ist eine ganzheitliche und nicht nondual.
Übrigens ist auch der rein diesseitig bzw. irdisch orientierte Materialismus Monismus reinsten Wassers und nicht Dualismus.
Eine Integration ist m. E. nur durch das existentielle Zentrum (die ganzheitliche Persönlichkeit) möglich, die in sich Transzendenz und Immanenz vereint. Das Spekulieren über das „Nonduale“ entsprechend Wilbers Theorie kann ethisch-moralisch überhaupt gar nichts bewirken, weil es nicht das menschliche Herz zur Grundlage hat und sprachlich nur zu Abstraktionen führt, die mit dem Leben nichts zu tun haben.
(Aus meiner Antwort vom 18.12.02 zur Diskussion im KenWilber-de@yahoogroups.com)
Ich habe mir mittlerweile die von U. empfohlenen Links angesehen und möchte auf folgende Zitate daraus eingehen:
(Aus „Die redaktionellen Tricks des Gehirns“, Florian Rötzer 20.03.2000)
„So meint er (Benjamin Libet) beispielsweise, dass angesichts der Verzögerung des bewussten Willens die Funktion des Bewusstseins wahrscheinlich nicht darin liege, Handlungsketten zu initiieren, sondern willensbestimmte Ereignisse zu selektieren, was auch heißt, dass sich Handlungspotentiale, die vor dem Erleben des bewussten Willens einsetzen, DURCH EINE ART VETO-AKTION ABGEBROCHEN WERDEN KÖNNEN (Hervorhebung von mir).“
(Aus „Die Pseudoherrschaft des Ich – Interview mit Prof. Dr. Dr. G. Roth“)
" Dieses Ich, dieses Bewusstsein, ist für das Bewertungssystem nur ein besonderes Hilfsmittel, das genau dann eingesetzt wird, wenn komplexe, neuartige Situationen auftauchen, für die die bisherige Erfahrung nicht sagt, was zu tun ist.“ – „Wenn die Entscheidungssituation frei ist und wenn wenig emotionale Vorbelastung da ist, wenn wenig Vorgaben durch meinen Charakter und meine Persönlichkeit, dann hat dieses Ich große Gestaltungsmöglichkeiten.“ – „Das Ich steigt aus dem Unbewussten auf, und was es macht, ist mit dem limbischen System konform oder nicht. Die Konflikte werden MEIST (Hervorhebung von mir) zu Gunsten des limbischen Systems, zugunsten der Emotionen gelöst.“ – „Jeder Mensch wird von diesem WEITGEHEND (Hervorhebung von mir) unbewusst arbeitenden Bewertungssystem getrieben. Dieses System geht nur nach der Regel vor: wiederhole das, was für dich günstig, positiv, erfolgversprechend ist, und vermeide das, was für dich schlecht ist, schmerzhaft.“
Diese Zitate widersprechen der Feststellung, daß GÄNZLICH „alles ganz einfach geschieht“. Aber Herr Roth schränkt die Freiheit (insbesondere Willensfreiheit) des Menschen schon ganz schön ein. Typisch für seine evolutionär-reduktionistische Sicht ist, daß er das Menschenbild zerpflückt und davon ausgeht, daß die jeweiligen Komponenten des Geistes unabhängig voneinander existieren könnten. Persönlichkeit wird mit dem „limbischen System“ gleichgesetzt („limbische Persönlichkeit“ – was auch immer das sein soll). Das Ich-Bewußtsein gesellt sich dann irgendwann während der Kindheit zu dessen Persönlichkeit dazu, zuvor war die Persönlichkeit weithin unbewußt. Aber was versteht man allgemein eigentlich unter einer Persönlichkeit? Dazu schaue ich mal in das philosophische Wörterbuch (Kröner): „…, im Unterschied zur Person, das innere Eigensein des Einzelnen, so wie er sich subjektiv als unvergleichbar und daher als einmalig erlebt, dieses Eigensein vollbewußt reflektiert.“ – Das steht im Widerspruch zu den Aussagen von Herrn Roth. Herr Roth hat offensichtlich eine andere Vorstellung von Persönlichkeit, die er weitgehend auf unbewußte Prozesse einschränkt. Ich kann ihm das Gegenteil nicht beweisen, aber muß ich ihm deshalb glauben, wenn ich mein Menschsein innerlich ganzheitlich erlebe und nicht zerpflückt – dort meine Persönlichkeit, hier mein Ich? Herr Roth gesteht ein, daß für komplexe Situationen eine übergeordnete Wertungsinstanz, das Ich, unerläßlich ist. Aber was ist dieses „Ich“, nach welchen Maßstäben kann es werten – etwa rein rational durch Denken und Abwägen nach kausalen Richtlinien? Dem hat schon Kant eine Abfuhr erteilt – das funktioniert nicht. Kant führte entsprechend den Begriff „Ding an sich“ ein und entwickelte die Antinomienlehre. (Kant: Kritik der reinen Vernunft.) Herr Roth sagt: "Unser Bewusstseins-Ich ist wesentlich sprachlich und sozial vermittelt, und unser Bewertungssystem biologisch-egoistisch.“ – Und was ist einerseits unser Bewußtseins-Ich und andererseits unser Bewertungssystem angeblich „unwesentlich“? Eventuell frei, nichtdeterministisch, persönlich wollend?!
In allem ist immer auch ein bißchen Wahrheit. Für richtig halte ich, daß wir als Menschen auch biologisch-physische Wesen sind und völlig überfordert wären, wollten wir unsere unbewußten Abläufe immerzu im einzelnen bewerten bzw. kontrollieren. Es können willkürliche in unwillkürliche Handlungen übergehen. Der Mensch ist auch ein „Gewohnheitstier“. Aber das Wesen des Menschen, was ihn wesentlich zum Menschen macht, sind ja auch nicht in erster Linie seine unwillkürlichen physischen Prozesse und seine gewohnheitsmäßigen Automatismen (die der Mensch entwickelt, um sich Freiräume zu schaffen), sondern sein selbstbewußter, d. h. authentischer und nicht fremdbestimmter Geist, den Herr Roth offensichtlich weitgehend für eine Fiktion bzw. Illusion hält. Wenn Herr Roth sagt: „Jeder Mensch wird von diesem weitgehend unbewusst arbeitenden Bewertungssystem getrieben. Dieses System geht nur nach der Regel vor: wiederhole das, was für dich günstig, positiv, erfolgversprechend ist, und vermeide das, was für dich schlecht ist, schmerzhaft.“ – Unerklärlich bleibt dann aber, weshalb Menschen Wege gehen, die diesen utilitaristischen Prinzipien, d. h. den Nützlichkeitserwägungen, nicht automatisch folgen. Weiterhin Roth: „Das Konzept, das ich vorgestellt habe, erklärt, dass es auch den klügsten Leuten nicht gelingt, aus den Denk- und Gefühlsschemata ihrer Zeit herauszuspringen.“ – Und wie steht es da mit ihm? Weshalb gab es denn so etwas wie eine Bewußtseinsentwicklung? Warum konnte überhaupt Geschichte stattfinden? Weiterhin Roth: „Und das zweite ist auch richtig: die Naturwissenschaften können immer nur den Grad der Plausibilität maximieren, nicht Wahrheiten verkünden.“ – Und wie plausibel ist seine Theorie, ist sie denn wahr?
Aber das Duale ist eben nicht nur ein philosophisch-weltanschauliches Problem, sondern natürlich auch im alltäglichen Leben erkennbar – jedes „Ja“ existiert nur im Zusammenhang mit einem möglichen „Nein“ (oben – unten, rechts – links usw.). Und das meinte D. offensichtlich zunächst, als er von der „irdischen Realität“ sprach. Die Frage lautet nun aber: Ist das Duale auf diese „Realität“ beschränkt? Ich sage: Nein. Das Duale ist ein Grunderlebnis der personalen Existenz und setzt sich bis in die Tiefe und Höhe des geistigen Herzens fort. Darüber hinaus möchte ich deshalb auch sagen: Z. B. lieben wir, wenn es einen anderen gibt, den wir lieben können. Liebe verbindet, aber sie identifiziert nicht. So erlebe ich das existentiell – und ich kann in diesem Zusammenhang nicht für andere sprechen. Andere können dazu ja sagen oder es auch ablehnen. Ich lehne dagegen Konstrukte allgemeiner, alles umfassender, undifferenzierter Einheitsliebe ab, denn es gibt auch sehr viele Erscheinungen in dieser Welt, gegen die sich mein Herz, mein ethisches Gewissen auflehnt. Ich kann nicht alles und jeden gleichermaßen lieben, sondern ich mache sehr wohl Unterschiede, und Liebe ist vor allem auch eine Frage konkreter realisierter Gemeinschaft (Ich und Du im Wir), die nicht von vornherein in Vollkommenheit gegeben ist. Das meditative Einüben eines undifferenzierten Leerheitszustandes führt zur Lähmung unseres authentischen Wollens und macht den Menschen stumm und unethisch. Wenn Wilber letztlich sagt: Alles ist in Ordnung, wie es ist, so kann ich dieser Aussage, solange ich lebe, nicht zustimmen, was in keiner Weise dazu führt, daß ich nicht immer wieder Momente innerer Harmonie und Freude erleben kann, trotz einer immer wieder auftretenden Tragik im Leben.
(Aus meiner Antwort vom 20.12.02 zur Diskussion im KenWilber-de@yahoogroups.com)
Ich sehe kein Problem darin, mich mit solchen Fragen nach der Möglichkeit authentischer Willensfreiheit auch gedanklich, diskursiv auseinanderzusetzen. Wichtig dabei ist bloß, daß ich den Boden unter den Füßen nicht verliere, und damit meine ich, daß wir den Verstand nicht losgekoppelt von unserem ganzen Menschsein gebrauchen dürfen, daß wir nicht (ethisch-gefühlsmäßige) Intuitionen unterdrücken, ohne die der Verstand eben haltlos in die Irre geht. Wir brauchen einen inneren Halt. Doch das Komplizierte und Problematische dabei ist, zu erkennen, daß dieser Halt wirklich unserem authentischen Wesen entspringt und sich nicht an eine verinnerlichte Fremdbestimmung (Über-Ich) anlehnt. Und noch weitergehender heißt das, daß dieser Halt nichts Festgelegtes, Prädestinierendes bzw. Allmächtiges ist, sondern nach meiner Überzeugung nur unser sich bewegendes schöpferisches Herz sein kann. Und ich will mich an dieser Stelle doch noch erklären angesichts Deines Nichtverstehens meines Begriffsgebrauches: „Existentialdialektisch“, „Zwei-Einheit“ meint genau dies, daß der Mensch schöpferisch sein kann, weil er das „Ich“, das Menschliche, nur spürt bzw. wahrnimmt, weil in ihm, im Herzen, auch zugleich ein „Du“, das Göttliche, vorhanden ist. Der Mensch ist nicht nur einfach begrenzter und monistisch eindimensionaler Mensch, sondern zugleich auch unendlicher Gottmensch. Zu dieser Überzeugung gelange ich im Leben (seit meiner bewußten Kindheit) fortwährend, da sich das Göttliche in mir als Gewissensintuition immer wieder offenbart – gerade in Momenten der inneren Auflehnung gegen die allenthalben auftretende Unmenschlichkeit, aber auch in der Wahrnehmung meiner persönlichen Schwächen (die auch Stärken sein können) und Gewohnheiten, Bequemlichkeiten, Verführbarkeiten und auch meiner gelegentlichen Ungerechtigkeiten anderen gegenüber usw. usf. Selbsterkenntnis rührt auch daher. Der Mensch ist nicht nur gut, sondern auch böse, aber weder das eine noch das andere grundsätzlich und ein für allemal bzw. vorausbestimmt. Das Göttliche im Menschen ist die Möglichkeit, daß er das Böse in sich schöpferisch überwindet, daß er im Leben schöpferisch an sich und an der Welt im weitesten Sinne arbeiten kann (dafür gibt es keine Erfolgsgarantie). Aber das Göttliche hört auf, göttlich zu sein, wenn es autoritär uns zu bestimmen beginnt, wenn es machtvoll eben nicht mehr göttlich ist. Das Göttliche in uns bedarf unseres Menschseins, und das heißt wiederum, unserer Freiheit. Der Mensch ist ein freies Wesen, das seine wesenhafte Freiheit dem Göttlichen in sich entgegenbringen muß bzw. das sich frei auf das Göttliche bezieht. Das Wichtigste dabei ist, daß der Mensch während seines ganzen selbstexistenten Lebens immer schon sowohl göttlich als auch menschlich ist – also in einem höheren Sinne dual und dieses in sich niemals gänzlich getrennt. Und der authentische Prozeß zwischen dem Göttlichen und Menschlichen ist ein Dialog, ist dialektisch (wechselseitig schöpferisch religiös-ethischen Humanismus schaffend – nicht im objektivierenden Stil, sondern als ursprünglich gottmenschlicher, d. h. zwei-einheitlicher Wille), genauer existenzdialektisch (weil wir Menschen wesenhaft existierend sind). Die Verabsolutierung von Gott und dessen Erhebung zur Allmächtigkeit läßt aus ihm ein menschenverachtendes Monstrum werden (monotheistische Kirche). Letztlich geht es im Leben um die Freiheit, die jedoch, und das will ich auch mal sagen, nicht nur einfach Willensfreiheit im Sinne von Entscheidungsfreiheit ist. Berdjajew sagt an verschiedenen Stellen sinngemäß, daß die Freiheit erst dort beginnt, wo die Entscheidung getroffen worden ist. An einem Beispiel verdeutlicht heißt das: Wenn ich mich für die Freiheit der Liebe zu einem geliebten Menschen entscheide und gegen den Erfolg einer den gesellschaftlich niederen Zwängen angepaßten Karriere, so beginnt die eigentliche Freiheit erst nach dieser (letztlich über-, außerchronologischen) Entscheidung bzw. die Freiheit ist diese Liebe an sich. Die Liebe ist jedoch keine endgültige Erlösung von allem Schmerz, sondern gerade den Liebenden wird die Diskrepanz zu einer Welt der (partiellen) Erniedrigungen und Entwürdigungen schmerzhaft bewußt, einer Welt, die man schöpferisch bewältigen muß, der sich jedoch niemand im Leben entziehen kann. Die Liebe ist ständig in Gefahr (tragischer Prozeß der Liebe) und geht oft zugrunde, aber niemals gänzlich. In jedem noch so verknöcherten Herz schlummert die Liebe – eine urchristliche Wahrheit (Ethik) ungeachtet vieler unchristlicher Dogmen und Verbrechen des sogenannten Christentums und seiner Adepten, eines Christentums, das diesen Namen nicht immer, oft oder gar meist nicht verdient hat bzw. verdient. Der Name „Christentum“ macht uns wahrlich noch nicht zu besseren Menschen, sondern ist von seinem ursprünglichen existentiell-wahren Wesensgehalt her eine hohe ethische Verpflichtung. Und der Verstand spielt dabei keine unerhebliche Rolle – ganz im Gegenteil. Und z. B. auch der Buddhismus hat, soweit ich das beurteilen kann, ebenfalls einen hohen ethischen Anspruch hervorgebracht, doch gerät er ebenfalls in die Falle von Verabsolutierungen, die den Menschen nichten bzw. dabei untergehen lassen – so sehe ich das derzeit auch und vor allem im Zusammenhang mit Wilbers Theorie.
Hallo D.,
zunächst einmal ist gegen das Spekulieren nichts einzuwenden. Z. B. ist die Naturwissenschaft letztlich auch Spekulation, wenn sie an ihre Grenzen stößt, auch wenn diese immer weiter hinausgeschoben werden. Naturwissenschaft ist objektivierende Erkenntnis. Anders verhält es sich mit der ursprünglich nichtspekulativen existentiellen Offenbarung (Gewissen, Herz, Liebe, Freiheit), deren bewußte Verdeutlichung jedoch zugleich auch ein objektivierendes Erkenntnismoment umschließt. Und die Offenbarung ist im hohen Grade eine leidenschaftliche, ansonsten würde sie in unserem Bewußtsein keinen Eindruck hinterlassen und uns motivieren, das Bewußtsein an sich ist auch immer schon leidenschaftliches Selbstbewußtsein. Mein Bewußtseins-Ich ist in mir eine mit nicht immer gleichbleibender Intensität erlebte leidenschaftlich-emotionale Wahrnehmung, daß hilflos bliebe, könnte es nicht seine unterschiedlichen partizipierenden (einfühlenden) und kommunizierenden Bestrebungen mittels des Verstandes ordnen. Dabei entstehen im Laufe des Lebens vernünftige Einsichten, die jedoch schon im nächsten Moment unvernünftig sein können – dies ist eine Frage der Tragik des konfliktgeladenen Lebens (Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit) und letztlich der personalen Liebe, die nicht immer vernünftig erscheint und im Verhältnis zum alltäglichen Leben oft nicht „vernünftig“ ist („Liebe macht blind“ [?]). Vernunft an sich ist eine schwankende Angelegenheit und richtet sich nach den Prioritäten, für die sich ein Mensch mehr oder weniger schöpferisch entscheidet. Der Maßstab kann meine Liebe sein, aber auch die Liebe kann sich verkehren und zur Tyrannei werden, wenn ich nicht akzeptieren will, daß ich die Liebe nicht mit Macht verwirklichen kann. Liebe vergeht dann augenblicklich und war doch der Auslöser meines entsprechenden Handelns. An der Tragik des Lebens und der Liebe scheitert letztlich die Vernunft. Das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit läßt sich in unserem Leben niemals ein für allemal optimal lösen. Es gibt keine absolute bzw. allumfassende Harmonie. Harmonie ist alleinig ein existentielles Moment der ganzheitlichen Persönlichkeit, weil nur in ihr Ganzheit geistig real erfahren werden kann – davon gehe ich aus. Ohne Momente der Harmonie, in denen wir uns auch mit der Welt eins fühlen können, würden wir keine Ruhe finden, um uns zu besinnen. Aber eine immerwährende Harmonie dagegen führt uns ins Aus, in die Leere des Unerfülltseins. Ich finde es auch immer wieder schizophren, wenn man sagt, daß man nun gelassen auf die Dinge, die da geschehen, (von einer nondualen Bewußtseinsverfassung aus) herabblickt und sich plötzlich doch wieder über dies und jenes zu echauffieren beginnt. Dies gilt auch für Wilber. Auch wenn er betont, z. B. beim Schreiben seines Buchs EKL die sogenannte „Schau-Logik“ verwendet zu haben, so beschreibt er zumindest seine Einheitserfahrungen aber als einen nicht mehr wollenden, sondern einfach als einen irgendwie nondual wahrnehmenden Zustand („Alles ist in Ordnung, wie es ist.“) – und dies ist der Weisheit letzter Schluß – absolute bzw. destruktive Harmonie). So, wie Wilber „Nondualität“ beschreibt, erkenne ich darin einen panentheistischen Zug (Enthaltensein des Weltganzen in Gott = Monismus – u. a. Plotin), den ich ablehne.
Wann spekulieren wir eigentlich? Spekulieren wir, wenn wir lieben, wenn sich uns das Gewissen offenbart, wenn sich ein innerliches Freiheitsgefühl einstellt, wenn wir mitleiden, wenn wir uns verbunden fühlen mit einem anderen Menschen? Ich denke nicht. Aber wir spekulieren im gewissen Grade darüber, was einen Menschen bewogen hat, sich so zu entscheiden und zu verhalten, wie er sich entschieden und verhalten hat, weil die Lebensgeschichte eines Menschen eben auch einen diesseitig-objektivierten Tatbestand umfaßt, der so komplex ist, daß wir diesen rational niemals gänzlich zu umfassen vermögen, um daraus sichere logische Rückschlüsse ziehen zu können. Aber unser existentielles Einfühlungsvermögen, unsere Fähigkeit, innerlich zu einem „Du“ zu transzendieren, erlaubt es uns, die geistige Verfassung eines anderen Menschen zu erschließen (unter Einschluß der zugänglichen Tatbestände), um darüber hinaus erkennen zu können, wer er wesentlich ist und wie er handeln würde oder weshalb er so und nicht anders gehandelt hat (wobei man erwähnen muß, daß es auch hier niemals eine endgültige Sicherheit gibt, weil der Mensch im freiheitlich-geistigen Sinne letztlich unendlich ist). Dies wiederum ist eine Frage persönlich realisierter Gemeinschaft, durch die wir uns einander erschließen bzw. jemanden erschließen können. Auch Hitler mit seiner zerrissenen Persönlichkeit besaß dieses Vermögen des Transzendierens (Liebe) wie jeder Mensch, welches jedoch durch seine narzißtischen, menschenverachtenden, machtkalkulierenden Orientierungen und Handlungen verdrängt und zugedeckt wurde. Hitler hat sich selbst, er hat die Menschen verraten und zertreten, aber, und das darf man nicht einfach ignorieren, er war auch ein gebranntes Kind seiner Zeit und Verhältnisse (siehe z. B. Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität; und es gibt bestimmt noch mehr aufschlußreiche Bücher zu diesem Thema).
Noch einmal zum Spekulieren: Wie verhält es sich diesbezüglich nun mit der Nondualität? Wird sie rein spekulativ angenommen, z. B. weil ja alles eins ist – sagt uns der Verstand (aber nicht nur), oder ist sie eine reale geistige Erfahrung? Vor allem auch deshalb habe ich „Berdjajew kontra Wilber“ geschrieben. Ich sage, die Nondualität ist ein rein spekulatives Konstrukt, zumal in ihr entsprechend spekulativer Behauptung alle Konturen zwischen mir und dem anderen verschwinden, man identisch wird und es so nichts mehr zu erfahren gibt. Mir hält man vor, daß ich dies einfach behaupte, ohne die entsprechenden Injunktionen (Wilber) durchgeführt zu haben – d. h., ich habe keine Leerheits-Meditation durchgeführt und bin deshalb auch nicht glaubwürdig. Dies läßt sich nicht widerlegen, zumal man mir bei jedem Versuch, eine Leerheits-Meditation durchzuführen, meine Unfähigkeit vorhalten könnte – vom Standpunkt „sichere Erkenntnis“ aus natürlich. Ein weiterer Kritikpunkt meinerseits an der sogenannten nondualen Bewußtseinsverfassung, der entscheidender und der deshalb auch mein Hauptargument ist, ist ihr völlig unklarer ethischer Inhalt. In „Das Wahre, Gute, Schöne“ werden die Konsequenzen ersichtlich, die sich aus der sogenannten Nondualität ergeben, die unethisch bzw. gar nicht ethisch sind – das habe ich in meiner Arbeit (auch wenn sie vielleicht nicht gerade perfekt ist) belegt und erläutert. Wilber vermischt Ethik und Moral und wird vor allem auch deshalb unklar in seiner Argumentation.
Wie komme ich nun darauf, zu behaupten, daß Wilber Immanenz und Transzendenz voneinander trennt? Für mich hat Transzendenz zunächst eine andere Bedeutung als für Wilber. Mit Transzendenz verbinde ich überpersönliche Werte (Liebe, Freiheit, Gott – Du, Gewissen – damit verbunden die ethische Grundintuition, Menschlichkeit, Gemeinschaft – Wir, [schöpferische] Gerechtigkeit), die sich nur immanent, in der geistigen Person, verwirklichend offenbaren können. Diese Bedeutung bespricht Wilber im Zusammenhang mit der Transzendenz nicht. Für Wilber ist Transzendenz ein Akt des evolutionären Überschreitens (unter Einschließen) von einer Bewußtseinsstufe zur nächst höheren. Höhere transzendente Stufen sind verbunden mit Transpersonalität. Das Schwierige bei Wilber ist, daß er theoretisch zwar sagt, daß die transpersonale Bewußtseinsstufe die Person nicht nichtet, sondern ihr etwas hinzufügt, aber bei seiner Beschreibung nondualen Gewahrens, nondualer Meditation, genau diese Person nicht mehr zu erkennen ist, weil das Ego, das Ich, sich im Kosmos verliert, was wiederum als Segen dargestellt wird, weil Wilber das Ich ausschließlich mit Egozentrik und Narzißmus gleichsetzt und die Fähigkeit zu wahrhaftem Transzendieren (Überschreiten) diesem Ich quasi abspricht. U. a. dadurch herrscht bei Wilber ein heilloses Durcheinander (obwohl er dieses Durcheinander erstaunlich genial zu handhaben weiß), das ich vielleicht nicht immer zufriedenstellend entwirren kann – das fällt mir auch sehr schwer. Also noch einmal: Ich sage von meinem Transzendenzbegriff aus, daß Wilber Transzendenz von Immanenz trennt, da in der sogenannten Nondualität nach meinem Verständnis nichts Transzendentes zu finden ist, welches sich immanent in der Person offenbaren könnte – z. B. ethische Grundintuition –, während für Wilber Nondualität letztlich nicht charakterisiert werden kann. Bei meiner kurzen Recherche vorhin habe ich aber weder in EKL noch in WGSchöne eine konkrete Erörterung von Seiten Wilbers zur Einheit von Transzendenz und Immanenz gefunden. Im Register von EKL findet sich nicht einmal der Begriff Immanenz.
Noch ein Wort zu den Freiheitsgraden der Holone. Ich halte auch nichts davon, daß Wilber u. a. die Holontheorie auf den menschlichen Bewußtseinsbereich unverhältnismäßig ausweitet, d. h., daß die Bewußtseinserweiterung primär unter einem evolutionären Schema betrachtet wird. In diesem Zusammenhang halte ich auch nichts von der Einteilung der Bewußtseinsstufen in die psychische, die subtile, kausale und die nichtduale Ebene. Was auch immer mit diesen Ebenen beschrieben wird, die Einteilung führt dazu, daß der Mensch als ganzheitliches Wesen in evolutionärer Weise auseinandergerissen wird. Meine Beobachtung ist nämlich, daß Kinder oft mehr Freiheit haben als Erwachsene, vor allem auch deshalb, weil sie noch nicht durch rollenverhaftetes Schablonendenken, durch Etikette u. a. egozentrische Auswüchse verdorben sind – sie sind dazu meist noch gar nicht so in der Lage und sprechen die Dinge, die sie bewegen, noch unverblümter aus, was für Erwachsene auch schon mal unangenehm sein kann und die Erwachsenen dazu veranlassen kann, dieser Unverblümtheit über alle Gebühr Einhalt zu gebieten. Für mich persönlich muß ich sagen, daß ich empfinde, daß die Wahrheit meiner Kindheit auf einer erweiterten Bewußtseinsstufe, die für mich zum einen eine sekundäre Anlehnung an die äußeren hierarchischen Strukturen z. B. in Natur und Kultur ist, wieder stärker in mir hervortritt – die Authentizität meiner Gefühle, mein Persönlichkeits-Ich, stärkeres Zurückdrängen überflüssigen Rollendenkens, Freiheit in meinem Wollen und Freiheit in meinem Empfinden, um nur einige Beispiele zu nennen. Damit will ich andeuten, daß ich die Bewußtseinserweiterung primär nicht hierarchisch einteile, weil ich spüre, daß mein Persönlichkeitsempfinden und -Ich mir immer geblieben ist, nur die Intensität dieses Ichs schwankt von Zeit zu Zeit. Und Bewußtseinserweiterung hat für mich zwei Aspekte, zum einen primär nichthierarchisch als Zunahme an Lebensgefühl, -fülle bzw. innerlich-existentieller Lebensintensität und existentiell-gemeinschaftlicher Nähe zu den Menschen meiner Umgebung bis hin zum Kosmos usw., zum anderen sekundär in Anlehnung an eine hierarchisch strukturierte Welt. In der Person wirken beide Aspekte stets zusammen.
Soweit L. G.
Dirk Hübner
(Aus meiner Antwort vom 22.12.02 zur Diskussion im KenWilber-de@yahoogroups.com)
Warum gehst Du davon aus, daß hinter meiner „Wahrheit“ eine Autorität steht? Dem habe ich genügend widersprochen. Ich beziehe mich auf die schöpferische Freiheit, was nichts mit Autorität zu tun hat.
Natürlich gehe ich von meinen Überzeugungen aus und entwickle mein entsprechendes Weltbild – was soll ich sonst auch tun? Soll ich mir selbst widersprechen und sagen: Alles nicht richtig, was ich sage, oder alles ist richtig, was gesagt und gedacht wird, damit man mir keinen absoluten Wahrheitsanspruch vorwerfen kann? Aber ich verlange an keiner Stelle (Wilber auch nicht), daß die Menschen meine Argumentation unkritisch für wahr halten. Ich argumentiere gegen ethisch unakzeptable Konsequenzen Wilberscher Theorie und gehe da von meinen Überzeugungen aus und begründe sie auch.
Ich sage doch nicht einfach: Ich habe diese Meinung, und wer dem nicht zustimmt, der hat Unrecht. Sondern ich habe einen Ausgangspunkt und Wilber hat einen Ausgangspunkt. Nun kommt es doch darauf an, zu welchen Konsequenzen in humanistischer und religiöser Hinsicht diese Ausgangspunkte jeweils führen. Darf ich nun nicht mehr sagen, daß ich den Gedanken „Alles ist in Ordnung, wie es ist“, von meinem Gewissen her nicht akzeptieren kann, zumal ich das ja auch begründe? Versteh ich nicht. Für mich ist das alles nicht nur ein Wortspiel, tut mir leid.
L. G.
Dirk Hübner
(Antwort vom 16.1.03 auf Anfrage)
Hi Dirk, hier ein Textauszug: „Aus dem Nichts heraus entsteht immer etwas noch nie Dagewesenes, etwas Neuartiges und keine Projektion.“ Wie kann sich der Mensch dieser Aussage nähern … haben wir einen Zugang zu solch einer Erkenntnis? Nicht die bloße Bestätigung, weil wir ein Buch gelesen haben … Gibt es eine Möglichkeit für das Bewußtsein, aus dem Nichts zu schöpfen, das Neuartige zu schöpfen? Was könnte das bedeuten … können wir uns diesen Fragen nähern? Gruß S.
Hallo S.,
Deine Fragen zielen auf sehr Wesentliches ab. Nicht umsonst habe ich die oben zitierte Aussage fettgedruckt hervorgehoben. Sie entsprang meinen Überlegungen, die sich im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung zu „B. kontra W.“ und in Übereinstimmung mit meiner persönlichen Lebenswahrnehmung und –geschichte ergeben haben.
Ein Buch kann mir nichts bestätigen, solange ich es nicht selbst innerlich nachvollziehen kann. Das ist für mich ganz wichtig. Zurzeit versuche ich gerade (und immer mal wieder), mich Jakob Böhme anzunähern. Ein wirklich nicht leicht verständlicher Autor, das Lesen seines ersten Werkes habe ich mittendrin abgebrochen. Den Zugang zu Böhme erlange ich jedoch immer wieder über Berdjajew. Berdjajew selber neigt eigentlich eher dazu, nicht viel zu zitieren – Böhme bildet da bei ihm eine der wenigen Ausnahmen. Wenn Berdjajew Böhme zitiert und deutet, sage ich immer wieder: Ja! Ich sage ja, weil die Deutungen mich in meinem Streben nach einem selbstbestimmten, freien und authentischen Existieren bestärken und nicht schwächen bzw. Gefolgsamkeit verlangen. Keiner kann letztlich über mein Leben bestimmen, ich selbst muß mich realisieren, will ich leben (das setzt auch Widerstand gegen die Herrschaftsversuche anderer über mich voraus). Dazu gehört aber vor allem auch die Gemeinschaft mit anderen, die jedoch nicht immer möglich ist. Die Verwirklichung der Gemeinschaft ist für mich eines der kardinalen Probleme des Lebens – immer und zu jeder Zeit. Gerade auch in dieser Hinsicht krankt unsere Gesellschaft, und dieser Umstand betrifft jeden Menschen ganz konkret. In einer Gesellschaft, in der sich Individualismus und – damit verbunden – Isolation, leere Einsamkeit, des Weiteren Funktions- und Anpassungsdenken breitmachen, wird es dem Menschen sehr schwerfallen, zu sich selbst zu finden.
Ich schreibe Dir das, um noch einmal klarzustellen, daß ich keine konkreten Lösungen anzubieten habe, sondern daß ich nur aus meinem eigenen Wollen heraus darauf hinweisen kann, daß jeder Mensch freie Anstrengungen zur Selbsterkenntnis unternehmen muß, um Antworten auf all die mehr oder weniger weitreichenden Lebensfragen zu finden. Doch eine absolute Antwort wird es nicht geben – dies bedeutete Stillstand und nicht Dynamik des Lebens. Und das Ringen um Selbsterkenntnis ist zugleich auch ein Kampf für eine echte Gemeinschaft. Konkrete Lösungen können nur dort angestrebt werden, wo auch konkret gelebt und im höheren Sinne gekämpft wird (dafür gibt es keine Garantie – das bestätigt sich mir im Leben immer wieder). Ein Guru wird diese Aufgabe nicht lösen können, jeder Mensch ist gefragt, auch wenn dies noch so aussichtslos erscheint.
Ich erfahre immer wieder, daß Selbsterkenntnis primär nicht durch das Lesen von Büchern erlangt wird, sondern in erster Linie eine fortwährende Vertiefung in die eigene Existenz und Lebensgeschichte (z. B. das Hervorrufen lebendiger Erinnerungen – sowohl freudvoller als auch tragischer Art) ist, die wesentlich immer mehr umfaßt als nur rein Individuelles – eben auch Gemeinschaftliches und Überpersönliches. Die Bestätigung von Büchern kann nur geschehen, wenn ich schon Selbsterkenntnis erlangt habe und weiterhin erlange. Dann erst kann ich über Bücher in eine gemeinschaftliche Beziehung mit dem Autoren treten, auch wenn dieser nicht mehr lebt, dann erst erhalten Bücher für mein Suchen eine sehr große und unabdingbare Bedeutung. Und wie gesagt, mir gelingt die gemeinschaftliche Beziehung z. B. zu einem Autoren nicht immer oder auf Anhieb – es ist ein Prozeß und oft sogar ein mühevoller. Und manchmal erkenne ich erst nach und nach, daß sich unter bestimmten Bedingungen Gemeinschaft nicht wirklich herstellen läßt. Deshalb auch meine Kritik an Wilber. Ob sie berechtigt ist, das muß jeder Mensch, der sich mit meiner Kritik auseinandersetzt, selber entscheiden. Ich habe bisher relativ wenig Zustimmung erfahren. Damit kann ich leben.
Nun konkreter zu Deinen Fragen (ich bringe hier meine persönlichen Überzeugungen zum Ausdruck, die sich auch aus meinen intuitiven Wahrnehmungen ergeben):
Mit dem Wort „Nichts“ weise ich symbolisch auf einen Quell hin, ohne den sich die Existenz der Welt und unsere persönliche Existenz nicht denken läßt, ohne den die Welt letztlich auch nicht erfahrbar wäre. Wichtig dabei ist jedoch, daß ich nicht der Ansicht bin, daß das „Nichts“ als solches eine Wesenheit wäre, die eine eigenständige Existenz hat, in der alles schon Gestalt annimmt und aus der wir uns nur noch zu bedienen bräuchten. Wäre es so, gäbe es keine Freiheit in unserem Handeln, wir wären vorbestimmt, alles wäre schon im Nichts festgelegt. Das sogenannte „Nichts“ ist meiner Ansicht nach reines Potential von und zu allem in der Welt. Erfahrbar ist niemals das „Nichts“ an sich, sondern die auch durch den Menschen erfahrbaren Phänomene des „Nichts“. Das menschliche Bewußtsein speist sich demnach aus diesem Potential fortlaufend. Das menschliche Bewußtsein bezeichne ich zugleich immer auch als Selbstbewußtsein, welches es wesentlich ist. Ich behaupte, daß das „Nichts“ sich phänomenal wesentlich als mein selbstbewußtes Ich offenbart. Ich erfahre das Nichts also zuvorderst als mein Persönlichkeits-Ich. Ich behaupte dies, weil ich erkenne, daß mein Ich nicht einfach eine feste, starre Bewußtseinserfahrung ist, sondern daß ich mein Ich mit einer Art existentiell erfahrbarer Bewegtheit (Dynamik) unmittelbar wahrnehme. Diese Bewegtheit (Dynamik) wiederum kann jedoch nur vonstattengehen, wenn sie immer wieder neuartig und noch nie dagewesen ist. Komplizierter wird es nun dadurch, daß ich mein Ich niemals wiedererkennen würde, würde es fortlaufend durch ein völlig neuartiges ersetzt bzw. ausgetauscht werden. Das Paradoxe für unseren Verstand ist in diesem Zusammenhang (wie ich dies auch in „B. kontra W.“ angedeutet habe), daß ich mein Persönlichkeits-Ich als ein bewegtes und sich veränderndes und zugleich als ein wiedererkennbares und bleibendes erfahre. Meinen Ich-Kern nehme ich noch so wie früher wahr, und doch nehme ich auch wahr, daß ich mich verändert habe im Laufe meines Lebens. Ich bin immer noch ich und doch habe ich mich auch verändert. Und ich habe mich immer auch gefragt, wer ich denn eigentlich bin. Man kann niemals gänzlich sagen, man ist genau dieser beschreibbare Mensch. Selbsterkenntnis kommt niemals zum Abschluß, sondern ist ein Weg zu immer tieferer Authentizität. Mit anderen Worten: Ich bin ich und kämpfe zugleich um mein tieferes und authentischeres Ich (immer in Gemeinschaft als unabdingbare Voraussetzung). Aus dem „Nichts“ entsteht nach meiner Ansicht keine Projektion. Aus dem unergründlichen „Nichts“ bzw. Potential bzw. der unergründlichen Freiheit (alles synonym) heraus lebt der Mensch seine Existenz fortwährend neu. Ansonsten wäre er tot bzw. nicht existent. Man sagt auch, ein Mensch sei unlebendig bzw. geistig tot. Dies ist jedoch immer nur eine relative Feststellung, denn ein jeder lebende Mensch trägt den Funken des (geistigen) Lebens in sich – ist er auch noch so klein oder wird er auch verdrängt, verzerrt, pervertiert usw.. Das Gefühl an Lebendigkeit ist immer dann am größten, wenn wir uns der Welt im weitesten Sinne (bzw. auch einem uns nahestehenden Menschen usw.) schöpferisch nähern, wenn wir die Zeit transformierend überwinden, wenn wir uns ganz auf unser existentielles Wesen konzentrieren und dabei Gemeinschaft stiften. Hier entstehen Momente schöpferischer Fülle aus dem Nichts, aus der Freiheit. Wir nehmen das „Nichts“ als Fülle unseres ganzheitlichen Menschseins wahr. Wenn sich mir in Momenten das Gefühl offenbart, jetzt bin ich ganz und gar Mensch – hier und jetzt –, dann schöpfe ich zugleich auch aus der unergründlichen Freiheit, aus dem sogenannten „Nichts“. Aber, und das ist für mein Existieren und mein darauf aufbauendes philosophisches Denken sehr wichtig, das „Nichts“ ist nicht Gott, das „Nichts“ als solches ist noch nicht meine ethische (Grund-)Intuition, mein Gewissen, an welchem ich geistig-ganzheitlich arbeite und arbeiten muß, will ich Mensch bleiben und fortwährend werden. Das „Nichts“, die unergründliche Freiheit, ist mein Quell, aus dem ich frei und in Verbund mit meiner ethischen Intuition (Gott) schöpfe. Die Richtung meines authentischen Wollens, meines authentischen Handelns bestimme ich aus dem Verbund mit meiner Intuition und meiner Freiheit zugleich, deren Quell das „Nichts“ ist. Im wahrhaften, authentischen Handeln eines Menschen wirken alle drei existentiellen Aspekte zusammen. So deute ich meine existentielle Wahrnehmung. Das „Nichts“ ist danach also die unergründliche Freiheit, im Persönlichkeits-Ich verwirklicht sich die göttliche Freiheit, deren schöpferischer Quell das „Nichts“ ist. Wir erkennen das „Nichts“, weil sich unser Leben fortlaufend erneuert – mehr oder weniger spürbar, letzteres ist eine Frage der aktuellen Realisierung der Persönlichkeit. Gäbe es diese Voraussetzung des unergründlichen „Nichts“ nicht, wäre jede Veränderung ausgeschlossen, da sich nichts erneuern könnte, da nichts entstehen könnte, was vorher noch nie dagewesen ist. Das widerspricht meiner persönlichen Lebenswahrnehmung und wäre auch logisch nicht zu erklären.
Ich hoffe, daß ich mich Deinen Fragen etwas nähern konnte.
MfG
Dirk
(4.5.06)
Lieber Herr ...,
vielen Dank für Ihre Post. Ich kann diese erst heute beantworten.
Einem Gedankenaustausch steht von meiner Seite nichts entgegen.
Seit dem Tod von Klaus Bambauer vor 4 Jahren ist es ziemlich ruhig um die Beschäftigung mit Nikolai Berdjajews Werk im deutschen Netz geworden. Damals existierte im Netz noch das deutsche Forum „Russische Spiritualität“ mit umfassenden und anregenden Texten von und zu Berdjajew und anderen russischen Denkern (Solowjew z.B.). Meine Stellungnahme (zu finden auf meiner Seite) hatte ich in der Auseinandersetzung mit einem Beitrag von K. Bambauer geschrieben. Der entsprechende Text von K. Bambauer wie auch andere wertvolle Texte von ihm (unabhängig von meinen kritischen Einwänden) sind leider heute im Netz nicht mehr zu finden, oder zumindest, ich habe etliche von ihnen bisher nicht wieder gefunden [hier weiterhin: https://www.borisogleb.de/relphil.htm, Dirk Hübner, 2025]. Dennoch, eine Diskussion mit mir zu Berdjajew kam nie wirklich richtig in Gang. Aus meiner Sicht bemühte man sich im Forum „Russische Spiritualität“ zudem, z. B. im Sinne von Ken Wilber die Unterschiede von christlichem und buddhistischem Denken zu verwischen. Das entsprach nicht meiner Intention.
Ich biete keine Seminare an und weiß auch von keinen. Sie, Herr …, sind z. B. einer der ganz wenigen, die sich über E-Mail speziell zum Thema Berdjajew an mich wenden. Wenn Sie schreiben: „Ich bin … (nur) Naturwissenschaftler“, so kann ich von meiner Seite sagen, ich bin nur arbeitslos, damit meine ich, Berdjajew hat sich an uns Menschen, unabhängig von unserer Profession, gewandt, nicht an uns als gelehrte Philosophen, zu denen ich auch nicht gehöre.
Leider ist es so, daß die geistige Atmosphäre in meinem Lebensumfeld eher in einer skeptischen und ablehnenden Haltung gegenüber allem Christlich-Religiösen verharrt. Christliches wird meist mit der Institution Kirche gleichgesetzt und abgelehnt. Das Christliche, wie es Berdjajew gedacht und gelebt hat, wird nicht verstanden oder will man nicht verstehen. Zu mir hat ein Bekannter gesagt, daß ich, da ich mich doch nun so intensiv mit Berdjajew etc. beschäftigt habe, endlich mal öffentlich wirksam werden solle. Aber damit wäre ich in einer Atmosphäre, in der letztlich vor allem dem autorisierten Gelehrten Glauben geschenkt wird und in der die Freiheit des Geistes schnell verlorengeht, völlig überfordert. Derzeit rufe ich oft eher Angst und Ablehnung mit meinem Anspruch auf geistige Freiheit hervor. Was ich mir vorstelle und wünsche, das sind zunächst freie Gespräche unter geistig freien Menschen, die es unter anderem vermögen, unsere gegenwärtige Lebenssituation im umfassendsten bzw. tiefsten Sinne infrage stellen zu können.
Mit freundlichen Grüßen
Dirk Hübner
Greifswald
(26.5.06)
Lieber Herr ...,
nun doch noch vor Pfingsten eine schnelle Reaktion auf Ihre Einwürfe.
Ich habe mir nun auch wiederum das Kapitel „Sein und Freiheit …“ (Berdjajew: „Von des Menschen Knechtschaft und Freiheit“) durchgelesen.
So wie ich es sehe, hat Berdjajew ja nicht in der Art zu einer Subjektivierung aufgerufen, die sich von jeglicher Objektivierung radikal abwendet. Dies würde letztlich eine absolute Weltentsagung nach sich ziehen. Berdjajew selbst war ein Kämpfer in dieser Welt, der jedoch eine höhere jenseitig-geistige Welt (Freiheit, Wahrheit) vehement in der diesseitig-symbolischen Welt der Objekte schöpferisch zur Geltung bringen wollte. Dabei betonte er, daß die Symbole ein Ausdruck der, aber nicht die Wahrheit selbst seien, was wiederum heißt, daß sämtliche menschliche Kultur immer ein Moment des Scheiterns beinhalten, weil die Kultur nicht Existenz ist, sondern eben nur Symbol, Ausdruck der Existenz sein kann. Berdjajew hat niemals die Subjektivität gegen die Objektivierung ausgespielt, sondern sie ins Verhältnis gesetzt und sich zur Subjektivität als existentiellem Zentrum bekannt, von welchem aus „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ einzig ihren unergründlichen (im rationalen Sinne) bzw. schöpferischen Ausgang nehmen können und in welchem „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ letztlich verwirklicht werden. Die Welt der Objekte wird nicht verdammt, aber sie kann nur Mittel und sollte nicht Zweck sein.
„Die Objektivierung geistiger Inhalte“, wie Sie es schreiben, ist unumgänglich. Sie ist ein Tribut, den diese Welt zum einen von uns fordert, sie ist zum anderen aber auch der notwendige Aspekt der Verwirklichung des ganzen Menschen (u. a. auf der praktisch-notwendigen Basis von Kommunikationsmitteln). Das Problem ist jedoch, und dagegen kämpfte Berdjajew an, daß der Mensch schnell dazu neigt, sich den sichtbaren, objektivierten Dingen, sich den Objektivationen materieller und ideeller Art götzendienerisch zu unterwerfen. Sinngemäß schrieb Berdjajew im oben genannten Kapitel, daß der Mensch seine innere Existenz in die Objektivierungen projiziert und diesen Objektivierungen dann den Schein allgemeingültiger Wahrheit verleiht, der sich die menschliche Existenz als ein Teil unterzuordnen hat bzw. der sie untergeordnet wird. Dagegen ist jede noch so kleine Existenz unendlich mehr wert als jegliche Objektivierung – auch das Berdjajew –, aber diese Sicht ergibt sich ebenfalls einzig und allein aus der Willensausrichtung des Bewußtseins, welches persönlich erworben wird, wobei die sozialen Einflüsse dabei in der einen oder anderen Weise eine gewichtige Rolle spielen. Der materielle Wahnsinnsanspruch eines weitverbreiteten westlichen Bewußtseins praktiziert ein vergötzen der Welt der Objekte.
Fortlaufend geht die Existenz in Objektivierung über, und das ist gut so, aber auch immer problematisch und gefahrvoll, weil man sich schnell in überwiegender Hinwendung zu den Dingen verlieren kann. Im geistigen Leben des Menschen befinden sich Existenz und Objektivation im Wechselverhältnis. Schlecht ist es, wenn man die Objektivation zum Primären erklärt.
Weiterhin: In der Existenz ereignet sich das Konkret-Universale, im Gesetz drückt sich das Allgemein-Universale aus. Beide Aspekte gehören grundlegend verschiedenen Dimensionen an. Und die Metapher ist Symbol und ist geistig-objektivierter Natur, auch wenn wir mit ihr Existentielles assoziieren. Doch ohne Existenz gibt es keine Metapher. Sehen Sie das auch so?
Was meinen Sie mit dem „heiklen Thema des Elitären im Bereich der Spiritualität“?
Von dem, was ich gelesen habe, ist Biographisches über Berdjajew vor allem zu finden bei Klaus Bambauer, Einführung zu „Wahrheit und Offenbarung“ (1998, im Buchhandel erhältlich, sehr lesenswert), bei Stefan G. Reichelt, B. in Deutschland 1920–1950 (sehr interessant, aber meines Erachtens mit Abstrichen), wenn ich mich jetzt richtig erinnere, etwas auch (bin mir aber unsicher) bei Wolfgang Dietrich, N. B. – Provokation der Person (Bd. 1 bis 5 – überhaupt sehr, sehr empfehlenswert). Eventuell sind die beiden letzteren Werke über ZVAB zu bekommen. Soweit meine Erinnerung auf die schnelle. Vielleicht fällt mir später noch was ein, was ich mal über Berdjajew gelesen habe.
Herzliche Grüße
Dirk Hübner
(5.6.06)
Lieber Herr ...,
ich habe mich sehr gefreut, daß ich Ihnen weiterhelfen konnte. Es ist offensichtlich: Die Objektivierung, wie sie von B. herausgearbeitet wurde, ist eine nicht unbedingt einfache, sondern eher eine komplexe Problematik. In der letzten von Klaus Bambauer angeführten Anmerkung zu dem 1998 erschienenen Buch „Wahrheit und Offenbarung“ kommt Georg Koepgen mit einem kritischen Zitat zu Wort, in welchem B. indirekt ebenfalls subjektivistische Einseitigkeit vorgeworfen wird (vergleichend können Sie dazu auch meine Rezension http://dirkhuebner66.de/wahrheitoffenbarung.htm lesen). Aber B. denkt dynamisch und nicht statisch. Deshalb, so finde ich, sollte man ihn auch dynamisch verstehen, d. h., auch wenn B. im Subjekt das existentielle Zentrum annimmt, so ist dieses für ihn nichts Feststehendes und Abgekoppeltes, sondern nur in der Gerichtetheit auf das Andere hin, sowohl auf die andere Existenz als auch auf die manifeste Welt hin, zu verstehen.
Aber dennoch schließt dies nicht aus, daß auch B. nicht immer folgerichtig in seinen Formulierungen gewesen ist. Ich selbst habe jedoch nichts Gravierendes in dieser Hinsicht finden können. Wenn Sie Ihrer Ansicht nach Ungereimtheiten finden sollten, so bin ich an einer Diskussion darüber immer sehr interessiert.
Vielleicht gibt es eine Sache, die ich im Denken Berdjajews für etwas zu einseitig halte: Es ist eine nach meiner Meinung zu starke Verlagerung des Problems der Hysterie auf die Seite der Frau. An irgendeiner Stelle, ich weiß jetzt nicht mehr wo, hat er sich dazu geäußert. Aber andererseits betont er gerade die außerordentliche und stetig wachsende Bedeutung der Frau, welche ihr für ein freiheitliches Leben in einer zu verwirklichenden Gemeinschaft zuteil werden wird etc. Wenn also B. zuweilen einen einseitigen Eindruck vermittelt (vermitteln sollte), so relativiert er diesen an anderer Stelle. Je mehr und umfangreicher man B. gelesen hat, umso mehr erschließt sich sein ganzheitliches Denken. So erfahre ich das jedenfalls.
„Von der Bestimmung des Menschen.“ ist eines der beeindruckendsten Bücher Berdjajews. Und vor allem auch das in seiner Art einmalige Buch „Selbsterkenntnis“. …
Herzliche Grüße
Dirk Hübner
(10.6.06)
Lieber Herr ...,
Ihre Gedanken bezüglich der Metapher regten mich dazu an, noch einmal intensiver darüber nachzudenken. Ich möchte folgendermaßen antworten:
Archetypen sollen nach Jung die im Menschen angelegten transzendenten Urformen sein, „die sich in Vorstellungen, Bildern, Mythen, Märchen, Phantasien, Träumen und Wahnideen äußern (Jung: Über die Psychologie des Unbewußten, 1948; Von den Wurzeln des Bewußtseins, 1954)“ in Enzyklopädie, Philosophie …
Bilder sind nur eine Möglichkeit der Urformen, und sie sind selber Formen, also schon Festgelegtes. Die Bildersprache beruht demnach auf etwas in Form Gebrachtem. Der Hintergrund sollen die Archetypen sein. Doch reichen Archetypen als Urformen aus, um Bewegung und schließlich Ganzheit des Geistes hervorzurufen? Es muß etwas noch Ursprünglicheres geben, welches die Urformen und dann die Bilder in Bewegung bringt, damit diese wirksam werden können. Man kann das Ursprüngliche den Urwillen bzw. Urimpuls, die Intuition, die Freiheit, den schöpferischen ganzheitlichen Geist nennen – das urschöpferische Potential der Existenz. Von sich aus geraten die Archetypen, sofern es sich um (statische) Urformen handelt, nicht in Bewegung, aber sie fließen in die Vorstellungen (Metapher) mit ein. Nicht die Archetypen drücken sich aus, sondern der integrale bzw. „transzendentale Mensch“ (B.) mittels der Archetypen. Das Urpotential des Menschen ist zuvorderst emotional-leidenschaftlicher und somit irrationaler Art, ist aber nichts, sofern es sich nicht mit des Menschen ganzheitlicher Existenz verbindet, welche wiederum ein rationales Vermögen mit einschließt, das die Grundbedingung der Objektivierungsfähigkeit des Menschen ist.
Man könnte auch von emotional-leidenschaftlichen Archetypen sprechen, welche jedoch keine Urformen, sondern besagte Urimpulse wären. Dann handelt es sich, würde ich sagen, um dynamisch-schöpferische Archetypen (z. B. Liebe, Freiheit, Wahrheitsintuition usw.). Inwieweit diese Sicht mit Jungs vereinbar ist, das überschreitet meine Kenntnis. Aus meiner Sicht ermöglichen grundsätzlich erst diese Art dynamischer Archetypen die Beziehung zum anderen, das Ich und Du im Wir. Urformen treten dann im ganzheitlichen Akt der personalen Existenz hinzu.
Die Subjektiv-Objekt-Spaltung wird erst durch das rationale Vermögen hervorgerufen, und insofern gehen die Archetypen dieser Spaltung voraus bzw. überschreiten diese, wie Sie es schreiben. Aber zum Reich des Geistes gehören die Archetypen erst, wenn der Geist z. B. im Menschen existiert.
Nicht die Metapher fühlt die Gemeinschaft, sondern ich nutze die Metapher, um fühlbar Gemeinschaft zu erzeugen. Ich habe existentielle Beweggründe und konstruiere im Nachhinein die Metapher im Geiste und lehne meine Beweggründe an sie an. Die Existenz bin ich, die Metapher meine im subjektiven Geist erzeugte objektivierte Vorstellung davon. So gesehen könnte ich Ihnen zustimmen: „Daher sehe ich die Metapher als geistig-objektiv und geistig-subjektiv zugleich …“ Zum Problem wird die Metapher, wenn wir in ihr vermuten, was nur in uns existentiell gelebt werden kann, wie Freiheit, Wahrheit, Liebe … Es besteht die Gefahr der Hervorbringung eines Götzen. Die Metapher an sich lebt nicht, hat keine Subjektivität. In der Beziehung des Menschen zur Metapher kommt die existentielle Aktivität allein aus der lebendig-schöpferischen Tiefe des Menschen hervor. Die Metapher bleibt passiv und verschwindet ohne existentiell-schöpferische Uraktivität. Erst von einem personalen Wesen zu einem anderen, welches auch ein Tier sein kann, ist die Beziehung beiderseitig existentiell-schöpferisch-aktiv. Für diese beiderseitige Beziehung kann ich, bezogen auf den Menschen, auch auf die Metapher zurückgreifen. Die Metapher ist hermetisch, vieldeutig, aber ich deute (bewerte) sie von meiner Intuition aus im Wechselspiel mit meinen Erfahrungen etc. Oder ich mache etwas zur Metapher von meiner intuitiven etc. Motivation aus, lege einen geistigen Wert in die Metapher. Ein erhebendes Naturerlebnis geht nicht von der Natur aus, sondern die Natur wird zum Gleichnis unseres existentiellen Erlebens. Nicht die Natur an sich ist göttlich, sondern wir Menschen haben die Fähigkeit, das Göttliche aus uns heraus und durch unsere Ganzheitlichkeit mit der Natur zu verbinden. Entsprechend könnten wir auch zu einem achtungsvollen Umgang mit der Natur zurückfinden, weil sie vom Standpunkt des Göttlichen aus ein Teil von uns ist und nicht umgekehrt. Aber wir Menschen neigen dazu, die überwältigende Sichtbarkeit der Welt als ein von menschlicher Wahrnehmung unabhängiges Ganzes zu bewerten. Wir schaffen uns so die Möglichkeit, uns von der Natur zu distanzieren und sie entweder zu vergötzen oder nur als Rohstoff zu betrachten. Wir projizieren unsere Vorstellungen in die äußere Welt hinein. Doch dort existieren diese Vorstellungen nicht als solche, und schon gar nicht existiert dort ein personales Ganzes, wie es der Mensch erlebt. Pygmalion, wie Sie es schreiben, konnte sich in die Statue nur deshalb verlieben, weil er dort etwas vermutete, was dort nicht war. Das Aphrodite sie zum Leben erweckte, wie ich es im mythologischen Wörterbuch nachlesen konnte, zeigt, daß etwas fehlte. Oder?
Hoffe, daß ich verständlich geblieben bin.
…
Herzliche Grüße
Dirk Hübner
Greifswald, 20.3.07
Lieber ...,
ich habe Ihren Aufsatz gelesen und möchte kurz Stellung beziehen.
„Wahrheit scheint eher etwas zu sein, das man sich zumuten muß …“ – also hier könnte ich mich mit Ihnen, wenn Sie dieser Ansicht sind, sofort einigen. Aber wenn es darum geht, sich darüber zu einigen, was denn nun die Wahrheit ist, so glaube ich, dann wird es schon schwer.
Ich muß gestehen, daß ich meine geistig-religiöse Glaubenshaltung in Ihrem Aufsatz nicht wirklich wiederfinde, obwohl Sie eine sehr umfassende Auflistung verschiedener Glaubensrichtungen angeben. Das liegt aber meines Erachtens nicht daran, daß Sie den religiösen Typ meiner Ausrichtung schlicht vergessen haben, sondern daran, daß Sie durch Ihre objektivierende und analysierende Herangehensweise eine Interpretation des Religiösen vornehmen, die meinem religiösen Erleben und meinem Verständnis vom Religiösen nicht gerecht werden kann. Das Grundproblem Ihrer Herangehensweise besteht für mich vor allem darin, daß Sie dem Diskurs zunächst nicht den Menschen als ein ganzheitlich-religiöses, personales Wesen, sondern stattdessen eine mehr oder weniger starke Gegenüberstellung von Ratio oder Vernunft und Religiosität voranstellen. Aber vielleicht habe ich diesbezüglich Ihren Aufsatz auch falsch in den Blick genommen? Wenn Sie sagen: „Es gibt hier nichts, was eine unüberbrückbare Kluft zwischen einem (angeblich) wabernd-irrationalen Glaubensleben und einer (angeblich) nüchtern-sturen Vernunft aufreißen würde“, so frage ich, ob denn überhaupt eine Kluft aufreißen kann? Ist denn nicht jede Form der Vernunft in der einen oder anderen Weise gleichermaßen direkt oder vor allem gegenwärtig auch indirekt religiös motiviert? Ich würde diese letzte Frage eindeutig mit Ja beantworten. (Und ich spreche hier von Vernunft und nicht vom praktischen Verstand, um ein defektes Fahrrad zu reparieren.) Es kommt nun bloß darauf an, wie ich als Mensch auf mein religiöses Erleben reagiere, ob ich vor diesem angstvoll (der göttliche Abgrund, unter Umständen eine Leere, tut sich innerlich auf) zurückweiche, es zurückdränge und ihm gegenüber in einer quasioppositionellen Haltung verharre (materiell orientierter Sichtbarkeitskult etc.), ob ich es mißbrauche, pervertiere oder es zur Stärkung meiner göttlichen Ebenbildlichkeit als gottmenschliche Persönlichkeit, die wir, d. h. ein jeder, voraussetzungslos im Grunde sind, zuführe. Ebenbildlichkeit: Das authentisch Menschliche ist das Göttliche, das Göttliche ist das authentisch Menschliche in Ewigkeit – daran hängen alle wahrhaft menschlichen (mitmenschlichen) bzw., paradox ausgedrückt, überpersönlichen Werte, die in mir immanent durch meine schöpferische Zugabe zur Existenz kommen. Hier auch der Bezug zu einer der bedeutendsten Aussagen, die je ein Christ zum Wirken Gottes gemacht hat:
„Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben; werd ich zunicht, er muß von Not den Geist aufgeben.“
(A. Silesius: Cherubinischer Wandersmann)
Auf jeden Fall gehe ich zunächst davon aus, daß ein jeder Mensch einen religiösen Kern besitzt, auch wenn er noch so geschwächt erscheint – Letzteres kann sich in Grenzsituationen des Lebens ganz schnell ändern. Es handelt sich hierbei um unser grundlegendes Motivationszentrum, ohne das kein Mensch existiert. In meiner „Existentiellen Kritik kontra ‚negatorischer‘ Kritik“ zitiere ich am Anfang Berdjajew: „Der Mensch ist unrettbar religiös“. [Ich habe dieses Zitat inzwischen entfernt, weil sich kein eindeutiger Beleg dafür nachweisen ließ. – Dirk Hübner] Davon ausgehend sehe ich den Menschen als ein ganzheitliches Wesen, erfahre mich selbst auch so, als eine mikrokosmische Konkretisierung der unergründlichen Gottheit, als ein die Freiheit und Gott immanent umspannendes und aus diesem Grunde ein zur Vernunft fähiges Wesen. Dies bedeutet für mich jedoch nicht, daß mein existentiell-immanenter Dialog mit Gott ein pragmatischer ist, daß das Wirken aus Gott letztlich einen utilitaristisch ausgerichteten Endzweck verfolgt. An dieser Stelle könnte ich mich auf Kant berufen (Kritik d. r. V.) und sagen, daß die Welt auf keine Letztbegründung im rein rational-logischen Sinne zurückgeführt werden kann (endloser Ursache-Wirkung-Regress). Gott ist im Gegenteil für jede utilitaristische Weltsicht und Lebensweise/Praxis eine große Gefahr, d. h., sofern man sich auf die dialogische Seite Gottes stellt, ist man der Gefahr der Kreuzigung (wenn auch nur z. B. durch psychischen Terror) ausgesetzt. Aus diesem Grunde ist die Wahrheit (auch ein Attribut meiner Gotteserfahrung) auch aus meiner Sicht eher eine „Zumutung“. Gott ist kein Garant für ein gutes Leben. Mit Gott streiten wir für das wahre Leben. Ich kann dies hier nicht weiter ausführen, da dies dann nahezu die Größe des Umfangs meiner Kritiken erfordern würde. Darum habe ich die Kritiken ja auch geschrieben, auch wenn ich heute nicht mehr mit allem Gesagten so „glücklich“ bin. Berdjajew hat es außerdem, so finde ich, sowieso schon genial auf den Punkt gebracht.
Für mich kann sich also gar nicht die Frage stellen, „wie viel Vernunft der Glaube braucht“. Auch die rein wissenschaftlich-experimentell orientierte, angeblich vollkommen areligiöse Vernunft bedarf grundlegend eines Glaubenspostulats – z. B.: Nur das Sichtbare hat Realität. Ohne den Glauben an den Atheismus gäbe es diesen als solchen nicht. Also: Jede Vernunft ist an Glauben gebunden. Zudem stehen religiöser Glaube und vernünftige Einstellungen, entsprechend Ihrer Äußerung am Schluß des Aufsatzes, immer in einem Wechselverhältnis, weil sie dies schon angesichts ihrer einzigen Existenzmöglichkeit in einer Person, so im Menschen, auch anders gar nicht können. Aber nicht jeder religiöse Glaube führt zur ethisch motivierten Vernunft. Dies ist ein Problem in unserer Welt. So könnte man die Vernunft der Nationalsozialisten im sogenannten Dritten Reich, aus deren Blickwinkel und vorausgesetzten Glaubenspostulaten heraus, auch als eine solche wie jede andere bezeichnen. Aber aus dem religiös-authentisch-ethischen Motiv heraus ist dies nicht möglich, ein Motiv, welches den Menschen als ein existentiell-dynamisches Kriterium im Kern erfüllt. Entscheidend für das Verhältnis von Glaube und Vernunft ist die religiöse Verfassung des Menschen.
Der Mensch ist und wird grundlegend Mensch durch das authentisch Religiöse in ihm. Aber der Mensch kann auch nicht ohne ein Mindestmaß an Vernunft existieren. Ist der Glaube niedrig, und dies meine ich qualitativ, so ist die Vernunft niedrig und umgekehrt. Ist der Glaube hoch, so ist auch die Vernunft hoch und umgekehrt. Der Mensch als Mikrokosmos durchlebt letztlich in sich alle Kreise des Seins. Ohne Glaube existiert keine Vernunft und ohne welche auch immer niedere Form von Vernunft kommt kein Glaube zur Existenz. Mit dem Menschen ist immer beides. Dies gilt auch für Kinder. „Wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr nicht erkennen“ (Jesaja 7, 9). Letztlich gibt es kein Mehr-aus-Glauben oder Mehr-aus-Vernunft. Es erscheint uns zuweilen nur so. Dies ist eine Frage unserer Aufmerksamkeit.
Die Gefahr, die Sie durch die subjektiv-expressiven Glaubensformen sehen, ist nicht von der Hand zu weisen. Dazu habe ich insbesondere „N. Berdjajew kontra K. Wilber. Von der personalen Wahrheit“ geschrieben. Sie können auch mich unter die Rubrik dieser Glaubensformen stellen. Jedoch trifft Ihre negative Beschreibung auf mich nicht zu. Ich bestehe darauf, daß ich als Persönlichkeit (d. h. nicht als gattungsmäßiges Individuum) kein Teil der Gesellschaft, sondern ein eigenes Ganzes bin, das sich gegen eine versklavende Funktionalisierung wehrt, welches aber primär gemeinschaftsstiftend wirkt. Es kommt hier also darauf an, was die menschliche Persönlichkeit in ihrem unauslöschlichen (sozialen) Bezug zur Welt ausmacht, welchen Weg sie zusammen mit anderen Persönlichkeiten in Gemeinschaft zu beschreiten hat, soll sie nicht kaputtgehen. Davon handeln im Prinzip all meine Texte. Das war eine der Kardinalfragen Berdjajews, der meines Erachtens die Persönlichkeitsproblematik am konsequentesten und schlüssigsten durchdacht hat. Ich verweise auch auf Dostojewski oder auf Max Scheler: Der Formalismus in der Ethik und die materiale Werteethik. Auch Erich Fromm würde ich hier einreihen, um nur einige wenige zu nennen, die ich auch gelesen habe.
Was mich in bezug auf die subjektiv-expressiven Glaubensformen irritiert, das ist, daß Sie den Begriff „Gottesbeweis“ positiv verwenden. Den Gottesbeweis kann es doch nicht geben, oder? Oder habe ich Sie da falsch verstanden?
Ich zähle mal noch ein paar Punkte auf, die ich für problematisch halte:
Religiöse Erfahrungen sind eine besondere Art der Wirklichkeitserfahrung, ein Objektivitätsgehalt kann sich dabei immer nur sekundär-symbolisch ergeben. Denn die Erfahrung selbst ist genuin geistig-subjektiv, d. h., sie befindet sich außerhalb bzw. oberhalb der Gegenüberstellung einer korrelativen Subjektivität und einer korrelativen Objektivität. Sie stellt eine geistige Realität dar und ist gegenüber einer sogenannten „objektiven Realität“ (dies ist für mich ein unsauberer Begriff) dem Menschen wesentlich. Und nur als subjektiv-leidenschaftliche Erfahrung erhebt das Religiöse im Menschen einen starken Geltungsanspruch, dies jedoch nur in bezug auf ein Anderes, einen Anderen (Gott, Mensch), ein Gegenüber. Es gibt ja auch keine objektive Erfahrung, sondern nur die subjektive Erfahrung eines in der Person vollzogenen Objektivierungs- bzw. Denkprozesses.
Eine wahrhaft sensibilisierte Öffentlichkeit in Demokratiefragen kann für mich nur unter der Voraussetzung von Persönlichkeiten mit hhohemethischen Bewußtsein wirksam werden. D. h., auch hier ist wieder die Richtung des Religiösen eines jeden einzelnen Menschen als existentielles Zentrum ausschlaggebend. Die Vernunft wird dadurch natürlich keineswegs ausgeschlossen, sie ergibt sich. Die Demokratie als solche existiert nicht und vor allem nicht als existentielles Zentrum. Sie existiert subjektiv nur als sozialer Bezug im einzelnen Menschen, der sich dann nach persönlicher Wertung und Umwertung des sozialen Bezugs im Zusammenschluß mit anderen Menschen auch zum praxisorientierten Handeln entschließen kann, aber nicht muß.
Wenn Sie nun den Fideismus dadurch abschwächen wollen, daß er sich „nicht schlechterdings auf alle Lebensbereiche übertragen läßt“, so meine ich, überstrapazieren Sie eventuell den Gehalt dieser Erkenntnishaltung. Auch wenn der Fideismus den Glauben als einzige Erkenntnisgrundlage betrachtet und ihn über die Vernunft setzt, so erstreckt sich diese Erkenntnishaltung noch nicht zwingend auf Bereiche, deren kurzfristige und spezielle Bewältigung praktische und nichtreligiöse Mittel erfordert. Aber sieht man genauer hin, ist es der Mensch, der tätig ist. Und egal, was er tut, immer fühlt er sich motiviert, und dies primär nicht aus rein praktischen Erwägungen und Hinwendungen – z. B. bei der Reparatur des Fahrrads etc. Auch dies ist eine Frage unserer Aufmerksamkeit.
Zur Konzeption 3: Hier ergeben sich ein paar wichtige Gesichtspunkte. Glaubensinhalte sollten nicht autoritätshörig hingenommen werden. Genau der Ansicht bin ich auch. Aber man unterliegt einer Illusion, wenn man meint, die Umwertung der Glaubensinhalte könnte durch reine Vernunftmittel geleistet werden. Zunächst ist es so, daß das Religiöse nicht die Vernunft ist und umgekehrt, daß beide Aspekte im Menschen, wie oben gesagt, im unabdingbaren Verhältnis zueinander stehen. Die Umwertung der Glaubensinhalte geschieht wiederum, im Wechselspiel zum weltlichen Bezug, durch andere, neue Glaubensinhalte, die ständig in uns schöpferisch aufsteigen. Wir tragen in uns kein statisches Glaubensmaterial, sondern wir sind als Ebenbild von Gott und wie Er zum Schöpferischen berufen und erschaffen so fortlaufend neue Werte. Dies spürt der Mensch deutlich. In Wahrheit will der Mensch schaffen, um den religiös erlebbaren Sinn zu erfüllen, um nicht der Apathie und Depression anheimzufallen. Darum ist letztlich die Vernunft sekundär, auch wenn sie unabdingbar ist. Denn die reine Vernunft an sich motiviert zu nichts. Dies gilt vor allem auch für Kants kategorischen Imperativ, der ohne Wertehintergrund (hier vor allem Liebe) nicht zum Tragen kommt. Das hat Scheler sehr deutlich im oben genannten Buch herausstellen können. Oder auch schon Schiller z. B.: Nicht der Glaube steht im Dienst der Vernunft, sondern umgekehrt, die Vernunft im Dienst des Glaubens. Aber, und hier wieder das Autoritätsproblem, der wahre Glaube kann kein autoritärer sein, weil er so die Freiheit nicht zulassen könnte. Und Glaube ohne Freiheit ist autoritärer Glaube – Götzendienst. In diesem Punkt kommt die Umwertung des Christentums als eines erlösungsbedürftigen hin zu einem schöpferischen zur Geltung, eine Umwertung, die Berdjajew philosophisch einzigartig herausgearbeitet hat. Auf der Grundlage einer neu zu begreifenden Freiheit, die als unerschaffene, meontische Freiheit Gott vorausgeht (vergleichen Sie dazu u. a. Berdjajews Buch: Von der Bestimmung des Menschen), kann in diesem Zusammenhang auch die Theodizeefrage völlig neu gestellt werden: Die Quelle des Bösen liegt in der meontischen, unerschaffenen Freiheit und nicht in Gott. Aber ohne diese Möglichkeit zum Bösen kann Gott nicht in die personale Existenz eintreten. Denn erst durch die Möglichkeit zum Bösen, das wesentlich das Nichtsein ist, ist dem Menschen die Möglichkeit der freien schöpferischen Hinwendung zu Gott als inniglich Geliebtem, zur Fülle des Lebens, eröffnet.
Ich kann hier nur andeuten, was Berdjajew, ich glaube, in allen seinen Büchern mehr oder weniger thematisiert und dann ausgearbeitet hat.
Übrigens wird durch die neu zu begreifende Freiheit auch Ihre Forderung erfüllt, ich zitiere Sie: „Die Wahrheit erhält ihren vollen Wert erst dann, wenn jemand ihr aus freier Einsicht zustimmt.“ Gott ist nicht allmächtig, er offenbart sich uns über die überpersönlichen Werte als Einheit von Eros und Agape, als liebens- und leidensfähiger Partner. Er will, daß wir uns frei, in Freiheit seiner Gnade (Hingabe) schöpferisch zuwenden.
Der Glaube ist nicht „nicht mehr als eine unzulängliche Form der Wahrheitserfassung“. Der Glaube an sich kann mit Wahrheit nicht identifiziert werden, sondern er stellt lediglich einen Aspekt des Menschen neben den überpersönlichen Werten, der Seele, der Vernunft, den Ideen, dem Verstand, den Sinnen, dem Körper dar. Die Wahrheit an sich ist der ganzheitlich-religiöse, kurz, der ganze Mensch. Berdjajew sprach in bezug auf Kants transzendentalem Bewußtsein vom transzendentalen Menschen als Träger der Wahrheit – genuin in Christus, dem Gottmenschen, inkarniert. Daraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen für das Verhältnis von Persönlichkeit und Gesellschaft.
Sie sagen: „Religiöse Erfahrungen können durchaus rationale Argumente von hohem Gewicht liefern.“ Hierin stimmen wir überhaupt nicht überein. Für mich sind religiöse Erfahrungen die eine, rationales Vermögen die andere Seite einer personalen Existenz. Beide Aspekte brauchen einander, wie oben schon im Verhältnis von Glauben und Vernunft erläutert. Das schöpferisch-ethisch-religiöse Moment macht den Verstand menschlich. Es entsteht entsprechende Vernunft auch im pragmatischen Bezug auf die Umwelt.
Entsprechend des Silesius-Zitates oben ist zu sagen, daß Gott mit dem Menschen wächst, d. h., daß die Frage nach einem beständig-invarianten Gott nur eine Frage nach dem monotheistischen Gott und nicht nach einem neuerlebten trinitarischen Gottesglauben sein kann. Der trinitarische Gottesglaube erwächst aus einer dynamisch-dialogischen bzw. existenzdialektischen Gotteserfahrung.
Sie sagen: „Im wohlverstandenen Sinn stellt Urteilskraft ein Vernunftvermögen dar, das zu einer überlegten, adressatengerechten, akteurrelativen, einzelfallbezogenen und kontextsensitiven Einheit aus Erfahrungs-, Erkenntnis- und Bewertungsleistungen imstande ist. Für den Einsatz der Urteilskraft zu plädieren, heißt also, eine lebensweltliche Sättigung der Vernunft vorzuschlagen.“ Hierbei wird aber nicht gesagt, daß das Moment des religiösen Glaubens nicht doch den elementaren Ausschlag innerhalb dieser gesättigten Vernunft zu geben vermag, welches z. B. als ethisches Moment in der Bewertungsleistung erscheint.
Auch diese Stellungnahme verstehe ich für Sie als Anregung, wenn auch mit provokativem Einschlag. Sie können sich nun vielleicht auch von meiner Herangehensweise ein genaueres Bild machen.
Beste Grüße
Ihr
Dirk Hübner
05.2007
Hallo ...,
…
Wie soll ich das von der „übertriebenen … Freiheit“ verstehen?
Wahlfreiheit ist nicht die ursprüngliche Freiheit, von der Berdjajew in erster Linie spricht und sich dabei interpretierend auf Böhme bezieht. Genauer genommen ist Wahlfreiheit keine Freiheit, sondern die Notwendigkeit, sich zwischen verschiedenen vorbestimmten Optionen entscheiden zu müssen. Wahlfreiheit ist ein sekundärer Akt. Ursprüngliche Freiheit ist demnach schöpferische Freiheit. Wir schaffen vollkommen NEUE Werte (aus dem Nichts, Ungrund), wenn wir uns schöpferisch verhalten. Im Grunde verlangt jede echte Verantwortung im Leben schöpferische Freiheit, also ein nicht vorherbestimmtes Verhalten in entscheidenden bzw. wichtigen Lebenssituationen. Was wichtig ist, wo es drauf ankommt, auch das sollten wir frei, intuitiv, persönlich-authentisch, gegebenenfalls sittlich bestimmen. Jeder einzelne sollte sich nicht fremdbestimmen lassen. Das sagt sich so leicht daher, ist aber eines der schwerwiegendsten Probleme der Menschen. Wann bin ich beispielsweise authentisch? Und welche Probleme ergeben sich aus meinem Anspruch, authentisch sein zu wollen?
Außerdem fühle ich mich auch gar nicht wirklich frei, wenn ich wählen muß, besonders dann nicht, wenn ich nur die Wahl zwischen lauter äußerst fragwürdigen Alternativen habe. Das ursprüngliche Gefühl, die Intuition der Freiheit, ist ein religiös-mystisches Erlebnis höherer Ordnung. Aus Freiheit schaffen wir, die Wahlfreiheit setzt bereits Geschaffenes voraus.
Zur Transzendenz: Habe ich Dich richtig verstanden? Du gehst anscheinend davon aus, daß das Bewußtsein der Transzendenz nur eine Illusion ist und im Grunde für den Geist, durch sein Hineinragen in alles (Mensch, Materie), diese Barriere nicht existiert. Ist der Mensch befangen, so schlummert in ihm der Geist. Ist er erleuchtet, so ist in ihm der Geist offenbar und die Transzendenz verschwindet.
Meine Ansicht: Es ist wahr, der Mensch hat Barrieren, hat eine mitunter unüberwindliche Kluft zwischen sich und Gott geschaffen. Darin liegt eine Lüge. Denn so wird Gott sinnlos, so ist er für den „einfachen“ Menschen unerreichbar oder im Höchstfall nur anzubeten oder zu bewundern etc. Eine devote Haltung gegenüber einem Gott erniedrigt den Menschen und ist mit einer authentischen Gewissensintuition unvereinbar.
Aber, es besteht eine Gefahr darin, die Transzendenz gänzlich auflösen zu wollen. Genau hier berühren wir ein Kernproblem, mit dem sich insbesondere Berdjajew intensiv auseinandergesetzt hat. Gibt es keine Transzendenz mehr, dann fällt zugleich auch die höhere Dimension, die höhere Ordnung weg. Wenn alles gleichermaßen Geist wird, wird zugleich unser schöpferisches Zutun überflüssig. Wenn die Transzendenz wegfällt, dann gibt es kein Gegenüber, keinen Anderen mehr, wir werden mit Gott unerkennbar eins – Gott als Dialogpartner ist nicht mehr erreichbar, denn er ist gänzlich mit uns verschmolzen, der Unterschied zwischen Mensch und Gott ist nicht mehr erfahrbar. Das wiederum heißt, es gibt keinen Gott mehr, es gibt kein Gewissen mehr, es ist keines mehr nötig, da alles in Ordnung ist, wie es ist. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ fällt ohne ein Gegenüber hinweg, ist nicht mehr möglich. Wir können schließlich nicht mehr unsere besagte Authentizität wahren, es gibt sie nicht mehr im vollkommenen Eins.
Transzendenz ist unabdingbar. Aber es muß diejenige Transzendenz sein, zu der wir Menschen immanent dialogischen Zugang haben. An anderer Stelle habe ich sinngemäß geschrieben, daß im Grunde der Mensch mit Gott streiten will für eine bessere Welt.
Der Geist weht nur da, wo er sich in Beziehung setzen kann, aber nicht in irgendeine Beziehung, sondern eben in eine geistig-schöpferische. Kann dies die Materie? Ich denke nicht. Hierher gehört auch das im Gastbeitrag von Regina erwähnte Zitat von Silesius: „Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben; werd ich zunicht, er muß von Not den Geist aufgeben.“ D. h., der existentielle Geist ist an die lebendige Existenz gebunden und kann nur in ihr offenbar und verwirklicht werden. Daß der Geist auch in die Materie hineinragt, ist unsere weitgefaßte Auslegung des Begriffes Geist. Dies ist eine Auffassung, die ich in ihrer Pauschalität nicht teile. Zumal ist jenes Hineinragen nicht erfahrbar, und das ist für mich entscheidend, denn dazu müßten wir selber gänzlich nur Materie sein. Unmöglich.
Aber: In der Materie ist für mich als Erkennendem der Geist auf einer niederen Realitätsstufe symbolisiert. Dies wiederum ist für mich erkennbar, erfahrbar. Doch was ist überhaupt Materie? Je tiefer die objektiv orientierten Wissenschaftler in die sogenannte Materie theoretisch eindringen, umso mehr entschwindet sie ihnen. Soviel ich weiß, spricht man heutzutage zunehmend auch schon nicht mehr von Materie als solcher, sondern von Energieschleifen als kleinsten zusammenhängenden Einheiten des Universums – was man auch immer davon halten mag.
Du schriebst: „So ist dieser Geist auch dort, schlummert und kann erwachen, hat sogar das Potential, den Wesensschwerpunkt des Einzelnen in den geistig-himmelsverbundenen Seelenanteil zu verlegen.“
Wenn ich davon ausgehe, daß der Geist in seinem Wesen meine Persönlichkeit und der in ihr wirkende Dialogverbund mit Gott ist, durch den Liebe, höhere Freiheit Gewissen zum Tragen kommen, so ist es nicht ein allgemeiner Geist an sich, der mich „geistig-himmelsverbundener“ machen kann, sondern ich bin es, der dem Ruf Gottes nach mir als einem authentischen Menschen Antwort geben muß. Ich muß meinen schöpferischen Anteil an meiner Vergeistigung, an meiner innersten gottbezogenen Menschwerdung leisten. Gottbezogen heißt hier, sich auf das wahrhaft Menschliche als auf das wahrhaft Göttliche beziehen (Liebe, Freiheit, Wahrheit). Dennoch muß der Unterschied bleiben zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen als Garant einer wesenhaften geistigen Bewegung zwischen zwei existentiellen Dialogpartnern – eine Voraussetzung, ohne die wir nicht zu existieren vermögen und sinnvoll wirksam werden können in dieser Welt.
Ich gehe nicht von einem "„Seelenanteil“aus. Entweder wird die Seele als Ganze, eingebettet im ganzen Menschen, vom Menschen den geistig höheren Ansprüchen zugeführt oder von diesen abgekoppelt. Dies ist eine Frage der Ausrichtung unseres schöpferischen Potentials, das auch niederen, zerstörerischen Zwecken dienen kann.
Weiterhin schriebst Du: "Askese (die sehr verschiedene Formen hat!!) kann sehr wohl zu Welt-Wirksamkeiten führen, die mitunter der Welt sehr viel gibt."
Ich meinte auch nicht, daß Askese an sich schlecht sei. Ich halte nichts von einer weltabgewandten Askese, die sich schadlos, schuldlos halten will. Grundsätzlich jedoch ist Askese unverzichtbar, auch wenn sie problematisch ist. Sie ist wesenhaft die Übung, schöpferisch-geistige Kräfte zu sammeln für, zu konzentrieren auf das Wesentliche der eigenen Berufung. Das Problematische liegt in ihrer Ausrichtung: Woraufhin bin ich in Askese? Was sind die persönlichen Beweggründe meines Handelns, so beispielsweise der Haß oder die Liebe? Selbst als hassender Mensch kann ich durch und durch asketisch sein.
"Ich bin übrigens für einen an sich dringend zu schaffenden liberalistischen Sozialismus (damit darin auch sozialistische Liberalisten Chancen zur Entfaltung haben)".
Ich schließe mich eher Berdjajews Begriff eines personalistischen Sozialismus an. Im Mittelpunkt steht hier der einzelne, konkrete, gemeinschaftsorientierte Mensch in seinem authentischen Werden. Ein jeder einzelne Mensch muß vor allem authentische Selbsterkenntnis gewinnen, damit die Konflikte innerhalb der Gesellschaft (insbesondere auch der gegenwärtig anstehende Konflikt mit der Natur) von den Menschen verstanden und bewältigt werden können etc. Der Kapitalismus ist dem authentischen Selbstverständnis und den entsprechenden Konsequenzen vehement abträglich.
Freundliche Grüße,
Dirk
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